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Wirecard lehrt das Fürchten

Reinhard Schlieker (Bild: ZDF)

Frankfurter Bankenwelt: Gehen bald die Lichter aus? (Bild: Fotolia)


Das Technologieunternehmen Wirecard (mit angeschlossener Bank) bewegt derzeit zu Recht die Gemüter – der wohl so gut wie sichere Aufstieg in den DAX nur einer der Gründe dafür. Mit dem Aufstieg kommt Publizität, für das weltweit tätige Unternehmen Licht und Schatten zugleich. Die Frankfurter Bankenwelt aber blickt in einen Abgrund.

Von Reinhard Schlieker

Wie bei vielen Fintechs oder überhaupt stark auf eigenem Erfindergeist beruhenden Geschäftsmodellen fühlen sich Software-Ingenieure leicht eher gestört als hofiert, wenn Medien in ihr Reich einbrechen. Noch mehr als bislang – im Tecdax lebt sich unauffällig – werden nun Fondsmanager bei Wirecard anklopfen. Die „großen 30“ aus dem DAX sind international eine Anlageklasse für sich. Und Homestorys über die Führungspersönlichkeiten sind begehrte Ware.

Den umgekehrten Weg geht nach Lage der Zahlen und Daten die Commerzbank, wahrlich Urgestein des deutschen Finanzwesens und nun plötzlich total „out“. Cobank-Chef Zielke verkündet tapfer, dass dies auch seine guten Seiten habe, allein, man glaubt es nicht so ganz. Bitter vor allem, weil die Deutsche Bank in den letzten drei Jahren fast 30 Prozent Kursverluste aufzuweisen hat, die einst rettungsbedürftige Commerzbank jedoch nur 17 Prozent. Man sieht sich auf gutem Weg, vor allem im Mittelstandsgeschäft, während der große Konkurrent noch an vielen Fronten kämpft.

Der Weg der Commerzbank ist ein Menetekel: Das einst glanzvolle deutsche Bankwesen spottet jeder Beschreibung. Und da erschließt sich Wirecard eine Lücke – nicht nur beim Geschäftsmodell. Dass Zahlungsdienstleistungen computerbasiert, weltweit und rasend schnell eher Ingenieurskunst, Mathematik und Programmiererei erfordern statt das Tragen feinen blauen Zwirns, dicke Tresore und ehrfurchtgebietende Tempel des Geldes – dieser Paradigmenwechsel muss sich in die Köpfe erst einpflanzen. „Wir stehen erst am Anfang, nur 1,5 bis 2 Prozent der weltweiten Transaktionen laufen digital“, konstatiert Wirecard-Chef Markus Braun und verzieht keine Miene. Wenn man davon ausgeht, dass er nichts weniger als 100 Prozent bei den Digitaltransaktionen für sinnvoll hält, und Wirecard führend auf dem Gebiet ist – und das auf fünf Kontinenten! – dann wird dem unbedarften Beobachter leicht schwindlig.

Schon jetzt ist das 5.000-Mann-Unternehmen aus Aschheim im Landkreis München an der Börse weit mehr wert als eine Deutsche Bank mit derer 100.000. Komplexität ist out. Die darf es nur hinter den Kulissen der Digitalwelt geben – für den Kunden muss alles wie von Geisterhand laufen, so Braun. All die Verifizierungs- und Prüfprozesse bei einem Kauf via Internet, oder auch smart mit Phone an der Ladenkasse, dienen dem Zustandekommen eines verlässlichen Geschäfts – zum Wohle von Handel und Konsument, das sieht Braun als die Herausforderung seines Tuns. Erkennbar wissen viele, auch versierte Börsianer, nicht durchgehend, was da vor ihnen steht. Man wird es lernen müssen. Das Unternehmen, das ganz zufrieden damit schien, nicht im Rampenlicht zu stehen, wird sich öfter als bisher erklären müssen.

Dass der undurchschaubaren, geheimnisumwitterten Welt der um die Erde schwirrenden Daten etwas fast schon Verbotenes anhaftet, mag mit ein Auslöser für so manche Attacke auf Wirecard gewesen sein. Ob die DAX-Mitgliedschaft vor ruinösen Rufschädigungen schützen wird, ist nicht sicher. Besser zu erklären, das wird die Aufgabe sein. Und den Grund zu liefern, warum man astronomisch och bewertet ist an der Börse. Das ist das harte Brot des Aufstiegs: Für die Bewertung kann das Unternehmen nichts – aber erklären soll es sie. Dass fast bei jedem Bezahlvorgang irgendwo auch Wirecard involviert ist, wenn auch nicht sichtbar, fördert zudem Verschwörungsgerüchte. Wenn erst das Asien- und USA-Geschäft des Unternehmens so richtig abhebt, werden die nicht weniger werden. Der Trost mag dann ein stetig steigender Kurs sein.

31.08.2018 | 11:35

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