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Womöglich besser als nur versichert: Hoffentlich Allianz-Aktionär?



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Ein biblisches Alter von 132 Jahren ist natürlich Ausweis einer gewissen Hartnäckigkeit. Und wenn man einen Gründervater hat, der Münchener Rückversicherung (heute: Munich Re) heißt und nochmal zehn Jahre älter und ebenso zählebig ist, dann kann man bei aller brancheneigenen Vorsicht schon von einer gewissen Kontinuität sprechen.
 
Die Allianz SE dominiert also mit der Wucht reichhaltiger Erfahrung die Versicherungsbranche, in Deutschland auf alle (Versicherungs-)Fälle. Dazu noch vertreten auf allen Kontinenten, die nicht gerade Antarktis heißen. Und der Marsch im Gleichklang mit der lange Zeit durch Überkreuzbeteiligung verbundenen Münchener Rück hat insgesamt sicher nicht geschadet. Zusammen allerdings war man auch in historischem Ausmaß an Jahrhundertkatastrophen, besser gesagt deren finanzieller Bewältigung, beteiligt: Vom Erdbeben in San Francisco 1906 über den Untergang der „Titanic“, die Anschläge auf das World Trade Center in New York 2001 bis hin zu katastrophalen Flugzeugabstürzen jüngster Zeit. Andere Versicherer riss so etwas schon mal in die Zahlungsunfähigkeit, die Allianz hingegen verkraftete sogar einen größeren Ausflug ins Bankgeschäft mit der Übernahme der Dresdner Bank, mancher erinnert sich noch, und man mag sich im Firmenarchiv noch heute freuen, dass dies keine „Allianz fürs Leben“ geworden ist.
 
Vor diesem reichhaltigen Hintergrund stellt sich nur noch die Frage, warum der Konzern an der Börse mit einem gerade mal knapp zweistelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis bewertet wird; die Versicherungsbranche insgesamt hat auch durchaus noch etwas aufzuholen nach den aktuellen Börsentiefs. So, wie die Dinge stehen, notiert die Allianz-Aktie allerdings bei 218 Euro, vom Allzeithoch bei 232 nicht sehr weit entfernt (Schnäppchen wie in der wilden Zeit der Finanzkrise 2008, 46 Euro damals der Kurs, kommen wohl eher nicht wieder). Nach unten abgefedert wird die Notierung sicherlich durch die stets verlässliche Dividende – in der beginnenden Saison kehrt die Allianz 4,4 Milliarden Euro an die Anteilseigner aus und wird in Zahlen nur noch von Dax-Co-Mitglied Mercedes-Benz übertroffen, dort verteilt man diesmal 5,4 Milliarden. Damit bietet der Versicherer aktuell mehr als fünf Prozent Dividendenrendite, das muss man anderswo erst einmal erwirtschaften.
 
Genau genommen ist die Allianz zudem nicht mehr nur eine Versicherung im engeren Sinne. Unter ihrem Dach tummeln sich viele Unternehmen, die andere Branchen spiegeln, aber geradezu natürlich in die Geschäfte des Konzerns integriert sind und werthaltige Informationen, Forschungsergebnisse, Erträge und Märkte beisteuern. Womöglich sehen Investoren dies mit einer gewissen Zurückhaltung, denn Konglomeratsabschläge sind ja weiterhin gern geübter Brauch. In diesem Fall hat man es allerdings mit nahtlos arbeitenden Einheiten zu tun. Ein Beispiel ist Euler Hermes als Kreditversicherungsgesellschaft, neuerdings Allianz Trade, die dem Konzern Einblicke in internationale Handelsströme verschafft und Risiken erkennen hilft, vor allem Insolvenzwahrscheinlichkeiten berechnet. Der Investmentbanking-Zweig  unter Allianz Global Investors liefert, so ist wohl zu hoffen, jene Erträge, die man am Ende zu den hübschen 79 Milliarden Euro jährlicher Beitragseinnahmen hinzurechnen darf.
 
Ebenfalls eine Säule: Der Wagniskapitalgeber Allianz X unter Führung von Nazim Cetin. Mit Beteiligungen an reiferen Startups nach der ersten Wachstumsphase tummelt sich der Münchener Versicherer damit im Tech-Business und hat so Zugang zu Fintechs wie Insurtechs, und damit wohl auch der Zukunft der eigenen Branche. Dass, wie Allianz-CEO Oliver Bäte bekanntgab, die jährliche Rendite dieses Zweigs 33 Prozent beträgt, bringt manchen alten Allianzer Kaufmann ins Träumen. Möglicherweise sogar den ein oder anderen Aktionär auch.
 
Einige Diskussionen entspannen sich in der Vergangenheit naturgemäß am Kurs der Allianz, die einerseits natürlich das Onlinegeschäft nicht liegenlassen kann, andererseits ihre traditionellen Vertreter braucht, um das Kundenwachstum in der Fläche nicht einbrechen zu lassen – so mancher Versicherungskunde besucht „seine“ Allianzvertretung schon in der dritten Generation. Fürs erste scheint der Spagat zu gelingen.
 
Eigner des Konzerns sind vor allem Einzelaktionäre – außer einigen Investmentgesellschaften mit jeweils maximal drei Prozent Anteil befindet sich die Allianz zu 83 Prozent im Streubesitz. Der alte Slogan (seit 1958!), „Hoffentlich Allianz-versichert“, würde in Zeiten des Online-Preis-Leistungsvergleichs jeder denkbaren Versicherungsleistung kaum jemanden spontan mitreißen und überzeugen. Slogans für die Anwerbung von Neu-Aktionären gibt es bislang nicht. Dabei wäre die Aktie im Depot womöglich auch eine Art Versicherung, nur halt anders.
 
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15.04.2022 | 13:20

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