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Trügerische Europhorie für die Banco Santander

Die spanische Großbank Banco Santander ist seit den Neunzigern stark gewachsen, vor allem durch Fusionen und Übernahmen. (Foto: Handelsblatt/dapd)



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Die Aktie der spanischen Großbank Banco Santander befindet sich aktuell deutlich im Minus. Vergangene Woche hatte die Ankündigung der EZB, im großen Stil Staatsanleihen zu kaufen, für eine kurze Erholung gesorgt. Während die internationalen Chefökonomen über die Maßnahme streiten, fand Ana Botín nur lobende Worte und kündigte neue Kredite ihrer Bank an. Doch die Verschnaufpause an den Börsen war schnell wieder vorbei.

In Europa kämpfen viele Banken noch immer mit den Folgen der letzten Finanzkrise. Staatliche Hilfen sind für manche Institute überlebensnotwendig. Die spanische Großbank Banco Santander bestand hingegen schon 2012 einen nationalen Stresstest, genau wie BBVA und la Caixa. Auch die EZB-Prüfung im letzten Jahr ging positiv aus. Im dritten Quartal 2014 überraschte sie Analysten und Anleger dann mit einer starken Steigerung des Ergebnisses. Der Gewinn lag bei über 1,6 Milliarden Euro, was das stärkste Resultat seit zehn Quartalen bedeutete. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum war der Profit sogar um mehr als die Hälfte gestiegen. Das der Marktkapitalisierung nach größte Geldhaus der Eurozone erwirtschaftete rund 39 Prozent des Gewinns in den ersten drei Monaten 2014 in Lateinamerika, worunter die Spanier auch Brasilien verstehen. Weitere 20 Prozent fielen auf Großbritannien, während Kontinentaleuropa 32 Prozent beitrug, davon vier Prozent aus Deutschland.

Die internationale Aufstellung der spanischen Großbank schlägt sich deutlich in der Unternehmensstruktur nieder. Vor allem seit den Neunziger Jahren ist das Kreditinstitut durch Übernahmen und Fusionen gewachsen. Das Financial Stability Board zählt die Bank heute zu den systemisch bedeutsamen Finanzinstituten, was mit besonders strengen Regelungen bezüglich des Eigenkapitals einhergeht. Entsprechend beeindruckend lesen sich die Kennzahlen der Banco Santander, die häufig auch als Grupo Santander oder ganz ohne Zusatz genannt wird. Tatsächlich ist die „Banco Santander S.A.“ die Mutter der größten Bankengruppe (Grupo) Spaniens. Mit über 183.000 Mitarbeitern weltweit verfügt sie über ein breites Netzwerk an Verbindungen im Privat- wie um Firmenkundengeschäft.

Dividendenkürzung schockiert Investoren

Zu ihren Angeboten zählen nicht nur Kreditkarten und Darlehen, sondern zum Beispiel auch Cash Management und Vermögensverwaltung für Unternehmen. Etwa 15.000 Niederlassungen der Bankengruppe sind über den Globus verteilt, die meisten davon befinden sich in Europa und Lateinamerika. Daher wurden einige der ausländischen Töchter der Banco Santander auch eigens an der Börse notiert, etwa jene aus Chile oder Brasilien. Die Banco Santander S.A. wiederum ist an fünf Börsen notiert: LSE, NYSE, Euronext sowie an den Handelsplätzen in Madrid und São Paulo. Ihre Aktien werden in Abgrenzung zu den regionalen Töchtern unter der Bezeichnung „Banco Santander Central Hispano S.A. (BSCH)“ gehandelt. Über 3,3 Millionen Aktionäre sind an der Großbank beteiligt, laut Consorsbank liegen knapp 74% der Aktien im Streubesitz.

Auf ihrer Website rühmt sich die Großbank unterdessen noch, im fünften Jahr in Folge eine Dividende von 0,60 € an die Aktionäre auszuzahlen. Doch seit Anfang Januar ist klar: Dieser Betrag wird 2015 um zwei Drittel auf nur noch 20 Cent gekürzt. Die Chefin des Verwaltungsrates, Ana Botín, kündigte diesen Schritt sowie eine große Kapitalerhöhung vor kurzem an. Investoren zeigten sich darüber nicht gerade begeistert und verursachten einen ordentlichen Kurssturz von 6,65 Euro auf 5,91 Euro. Dabei war Analysten zufolge mit dem Schritt zu rechnen gewesen. Wofür die 7,5 Milliarden an zusätzlichem Kapital genau verwendet werden sollen, ist noch unklar. Laut Reuters erklärte Botín in einem internen Dokument: "Die Kapitalerhöhung wird es uns ermöglichen, die Zahl unserer Verbraucherkredite und den Marktanteil in unseren Kerngebieten zu steigern." Generell wird die Bank dadurch im internationalen Konkurrenzkampf gestärkt.

Botín lobt in Davos die EZB

Ana Botín verfolgt also weiterhin den Kurs, den sie bei Amtsantritt ausgegeben hatte. Nach dem Tod ihres Vaters Emilio, der die Bank 28 Jahre lang geleitet hatte, wurde sie Ende 2014 mit breiter Zustimmung zur Chefin der Banco Santander gewählt. Schon zuvor galt sie als eine der einflussreichsten Managerinnen Europas. Ihre Berufung an die Spitze der spanischen Universalbank stellte ein Novum in der Branche dar und brachte ihr wohl unter anderem die Einladung zur Podiumsdiskussion in Davos ein. Beim Weltwirtschaftsforum treffen Größen aus Politik und Wirtschaft aufeinander, um drängende Probleme wie etwa das schwache Wachstum in Europa zu diskutieren. Ana Botín nutzte die Gelegenheit, um die jüngste geldpolitische Entscheidung der Europäischen Zentralbank zu loben und zu betonen, wie wichtig dieser Schritt auch für das Engagement ihrer Banco Santander sei.

EZB-Chef Mario Draghi hatte am 22. Januar den massiven Kauf von Staatsanleihen angekündigt, die Vorhersagen jedoch in Umfang und Dauer des Programms noch übertroffen. Ab März 2015 will die EZB monatlich rund 60 Milliarden Euro in Staatsanleihen investieren. Das Programm soll bis September 2016 dauern und verhalf europäischen Aktien noch am Tag der Ankündigung zu einem kräftigen Anstieg. Der Deutsche Aktienindex DAX erreichte am Freitag gar ein neues Allzeit-Rekordhoch von weit über 10.600 Punkten. Für die Aktie der Banco Santander bedeutete die Nachricht zwar keinen Aufstieg in schwindelerregende Höhen, doch die Erholung vom letzten Kursschock wurde zunächst fortgesetzt. Mittlerweile liegt der Kurs wieder im Minus. Ana Patricia Botín-Sanz de Santuola y O'Shea, so der volle Name der 54-Jährigen Spanierin, bezeichnete die EZB-Entscheidung als lange erwartete Antwort auf eine belastende Deflationsgefahr.

Schwacher Euro und EZB-Pläne: Chance vorerst verpasst


Ihrer Meinung nach sei der Euro lange stark überbewertet gewesen, der aktuelle Stand zum US-Dollar (unter 1,15 Euro) hingegen ein fairer Preis - eine besondere Form der „Europhorie“. Man sei nach der jüngsten Kapitalerhöhung und den nunmehr positiven Aussichten für Europa bereit, wieder mehr Kredite auszugeben und damit das Quantitative Easing (QE) zu unterstützen. Botín betonte zudem die Wichtigkeit struktureller Reformen, wie sie zuletzt etwa in Spanien umgesetzt wurden. Die spanische Automobilindustrie sei nun produktiver als die deutsche, auch wurden in den letzten 12 Monaten rund 300.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Tatsächlich gehen die wirtschaftliche Erholung des südeuropäischen Krisenstaates und die Erfolge der Banco Santander Hand in Hand. Für das Gesamtjahr 2014 erwartet die Bank einen Anstieg des Gewinns um 30% auf 5,8 Milliarden Euro. Ein Rückgang fauler Kredite sowie höhere Zinseinnahmen hätten für eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu 2013 gesorgt. Die endgültigen Ergebnisse sollen Anfang Februar verkündet werden.

Indes sind die Analysten mit ihren Einschätzungen der spanischen Großbank noch sehr zurückhaltend. Ignacio Sanz von der Schweizer Großbank UBS schrieb am Mittwoch, also noch vor der bedeutsamen EZB-Pressekonferenz, Santander könne zwar vom schwachen Euro profitieren. Doch der spanische Bankensektor sei insgesamt als eher schwach einzuschätzen. Das Kursziel bleibe daher mit einer neutralen Bewertung bei 7 Euro. Die Deutsche Bank beließ die Aktie in einer Einschätzung von voriger Woche auf „Hold“ mit einem Kursziel von 5,80 Euro. Analyst Raoul Leonard führte das Argument ins Feld, dass iberische Banken Schwierigkeiten bei der Ertragssteigerung bekommen würden. Womöglich haben beide Analysten nicht mit der Großzügigkeit der EZB gerechnet, deren Kauf von Staatsanleihen im angekündigten Maße auch das Geschäft der Banco Santander wieder deutlich antreiben könnte. Der Aktienkurs reagierte am Donnerstag und Freitag mit einem Plus von etwa einem Prozent und erreichte wieder einen Stand von über 6,20 Euro.

Diese kurzfristige Erholung war jedoch nicht von langer Dauer, da passen die Analystenmeinungen wieder deutlich besser ins Bild. Während das Papier am Montag an der Madrider Börse (SIBE) sogar noch 6,25 Euro erreichte, verzeichnete es anschließend fast kontinuierliche Verluste. Am Mittwoch schloss der Kurs mit einem Minus von rund 3 Prozent bei 5,96 Euro. Für die kommenden Monate ist es unwahrscheinlich, dass die Aktie der Banco Santander zum absoluten Renner wird. Dennoch: Sollten die Maßnahmen der EZB echte Wirkung zeigen, könnte sie mittelfristig ein interessantes Investment sein. Anleger sollten hier den Euro im Vergleich zum US-Dollar gut im Blick behalten, zudem könnten eventuell Konjunkturschübe in den Kernmärkten für Überraschungen sorgen. Am wichtigsten dürfte aber die Entwicklung der Kreditgeschäfte werden. Bis dahin bleibt 2015 erst einmal sehr enttäuschend für die Aktie der Banco Santander.

Marius Mestermann

29.01.2015 | 09:30

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