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Schickt die Piloten in die Wüste!


Im Jahre 1927 nahm im damals – zwischen den Weltkriegen – demokratischen Deutschen Reich eine Luftlinie den Betrieb auf, die mit ihrem Namen an das wichtigste und bedeutendste Städtebündnis des Spätmittelalters erinnerte. An die Hanse, ein Bündnis, das die frühe und kühne Errungenschaften von Bürgersinn, Weitblick und Wagemut verkörperte.

Diese Airline, als Lufthansa bald international bekannt, hat die gemeine Vereinnahmung durch das NS-Regime ebenso überlebt wie ein zehnjähriges Verbot durch die Alliierten nach dem Zusammenbruck des nationalsozialistischen Terrors. Wichtige Wegmarken der bundesdeutschen Geschichte verbinden sich mit dieser Fluglinie, erinnert sei nur an die „Landshut“ und ihre Erstürmung durch die GSG 9 in Mogadishu, im Herbst 1977. Der Lufthansa ist es gelungen, aus einem gnadenlosen, weltweiten Verdrängungswettkampf als eine der führenden Gesellschaften der Star Alliance hervorzugehen, und das trotz nach wie vor bestehender Ressentiments, die auf Deutschlands Geschichte im 20. Jahrhundert gegründet sind. Eine wahrhaft große Leistung.

Eine solche Firma hat leitende Angestellte verdient, die sich nicht nur ihrer Pflicht im Tagesgeschäft, sondern auch ihrer Verpflichtung einer großen Tradition gegenüber bewusst sind. Von Respekt und Demut angesichts ihrer Schlüsselposition in einer der wichtigsten Volkswirtschaften weltweit ganz zu schweigen. Doch wie verhalten sich die Piloten der Lufthansa? Sie streikten in diesem Jahr bereits achtmal für zehn Prozent mehr Lohn und den Erhalt eines Vorruhestandsmodells, das aus einer Zeit stammt, in der das Führen eines Passagierflugzeugs teils wirklich noch Knochenarbeit war. Ist indes aber erkennbar, dass ein Arbeitskampf wie jetzige seine Berechtigung haben könnte? Betrachten wir die Fakten. Ein Flugkapitän bei der Lufthansa beginnt mit etwa 110.00 Euro brutto pro Jahr. Nach 23 meist jährlichen Gehaltserhöhungen kommt er auf bis zu 225.000 Euro, Zulagen eingerechnet. Mit 55 kann er dann in den Vorruhestand gehen.

Wie stehen die Lufthansa-Piloten im Vergleich da? Nicht nur durch Billig-Airlines, sondern vor allem den mit Petro-Dollars wahrscheinlich höchst unfair bevorteilten arabischen Linien, zum Beispiel Emirates und Etihad, steht die deutsche Traditionsmarke mit dem Kranich am Leitwerk in erbittertem Konkurrenzkampf gegenüber. Interessant ist es, zu wissen, was in arabischen Gefilden ein Flugkapitän der höchsten Gehaltsstufe bezieht – nun, es sind jeweils knapp unter 100.000 Euro. Weniger als das Einstiegsgehalt eines Lufthansa-Kollegen. Die 225.000 Euro höchstbezahlter Lufthanseaten sind also für Emirates-Piloten nicht einmal als Fata Morgana zu sehen. Und angesichts solcher Perspektiven können auch die Altersruhegelder bei Lufthansa schmelzen. So ist das im Leben.
Aber vielleicht möchten sich die in der Piloten-Vereinigung Cockpit organisierten Herren der Lüfte ja selbst einmal ansehen, wie sich’s in Arabien oder dort, wo der Pfeffer wächst, fliegt? Wer so wie derzeit die Kranichpiloten über Traditionswerte und, ganz nebenbei, über die Solidarität der Kollegen des Bodenpersonals im eigenen Konzern hinwegdonnert – gehört der nicht genau dorthin geschickt? In der weiten Welt gibt es viele gute Piloten.

Dr. Sebastian Sigler, Chefredakteur

25.10.2014 | 17:22

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