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Autoindustrie: Völlig abgefahren

Jetzt also auch VW. Der Autokonzern aus Wolfsburg sieht seine neue Strategie in einer gedanklichen Linie von Käfer über Golf zum Elektroauto, baut uns den passenden Wagen zur Staatsprämie und rüstet auf mit Solarfertigung und Batteriewerken. Angeblich nimmt man sich Apple zum Vorbild, wo die Einheit von Betriebssystem und Hardware, Softwarelösungen und Cloudangebot aus einem Guss zu sein scheinen. Reinhard Schlieker macht sich dazu seine Gedanken.

BÖRSE am Sonntag

Jetzt also auch VW. Der Autokonzern aus Wolfsburg sieht seine neue Strategie in einer gedanklichen Linie von Käfer über Golf zum Elektroauto, baut uns den passenden Wagen zur Staatsprämie und rüstet auf mit Solarfertigung und Batteriewerken. Angeblich nimmt man sich Apple zum Vorbild, wo die Einheit von Betriebssystem und Hardware, Softwarelösungen und Cloudangebot aus einem Guss zu sein scheinen.

Von Reinhard Schlieker

Da Apple vermutlich eines Tages Räder unter seine Computer schrauben wird, will VW – wie im übrigen die ganze deutsche Autoindustrie – nun offenbar Computer plus Partyzubehör auf Räder setzen. Das klingt bei einem scheuen Blick auf Wolfsburg oder Salzgitter mit Verlaub ziemlich abgefahren. Immerhin würde das Abgasproblem irgendwo anderes entstehen als im eigenen fahrbaren Untersatz – dass der Strom am Rande der Autobahnen nicht notwendigerweise völlig rückstandslos erzeugt wird, dürfte aber klar sein – und nachdem Kernenergie ja hier nicht mehr hergestellt, gern aber importiert werden wird, fährt man am saubersten vermutlich in der Nähe des Elsass, aber das ist eine andere Geschichte.

Ohnehin wandelt sich offenbar das Mobilitätsangebot der deutschen Hersteller, will man den kühnen Plänen trauen, innerhalb der nächsten zehn Jahre dergestalt, dass kaum noch einer Herr im Hause bleibt, wenn er sich hinters Steuer setzt – das vermutlich von einer GPS-gesteuerten Software gedreht wird, während Radar und Sensoren dafür sorgen, dass dann wenigsten jeder, aber auch wirklich jeder, unfallfrei einparken kann. Damit es dem Mobilitätsfan nicht langweilig wird, dürfte er mit Sicherheit eine Menge an Optionen zur Entscheidung vorgelegt bekommen; analog zu heutigen Smartphones, Digitalkameras oder fortschrittlichen Toastern, die ihre eigentliche Aufgabe erst erfüllen, wenn man siebzehn Häkchen gesetzt und seine Wünsche mehrfach bestätigt hat. Kostprobe: „Wollen Sie wirklich dieses Brot beidseitig medium gebräunt haben? Clicken Sie auf OK!“

Noch vor wenigen Jahren machte sich ein GM-Boss breit grinsend lustig über die Ansicht von Bill Gates, dass die Autoindustrie sich mal ein Beispiel an Microsoft und seiner Bande nehmen sollte: „Wenn wir das täten, müsste man im Auto auch auf einen Knopf namens „Start“ drücken, wenn man es ausschalten will“. Dem Manne ist das Lachen sicher vergangen, es kommen noch ganz viele Knöpfe dieser Sorte, und bei „Start“ fährt das Auto sicher demnächst auch herunter, wenn die Option „tieferlegen“ im Menü geordert und natürlich bezahlt wurde. Bei den Autobauern schwebt manchem vor, nicht mehr verschieden ausgestattete Autos zum Kauf anzubieten, sondern ein Kundenprofil zu erstellen, nach welchem das Gefährt dann gebaut wird – in der jeweils neuesten Version. Man bekommt im Autohaus dann alle paar Monate vermutlich ein Golf-Update angeboten, und ausreifen darf es dann auch, wie bei Computersoftware, beim Kunden: Das Bananenauto kommt. Endlich.

Wem die Lust aufs Fahren dann vergangen ist, dem bietet man seine Kooperation mit einem hippen Taxidienst an, ob Uber oder Unter oder etwas dazwischen – womöglich selbstfahrend, damit der Taxifahrer derweil etwas Nützlicheres tun kann. Und über alledem schweben sicher Drohnen, die über die Fahrstrecke wachen und vielleicht Sponsoring betreiben wie die Werbung bei Freeware-Apps: Wer nicht zahlen will, muss Umwege zum Beispiel zu Aldi oder Lidl in Kauf nehmen. Da fallen einem gleich noch eine Menge Dinge mehr ein, aber einmal muss auch Schluss sein.