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Der Heilige Gral - mehr als ein Mythos?

Beispiel DAX-Tageschart

Beispiel DAX-Tageschart

Beispiel-DAX-5-Minutenchart

Beispiel-DAX-5-Minutenchart

Beispiel EUR/YEN-Stundenchart

Beispiel EUR/YEN-Stundenchart

Beispiel Gold-5-Minutenchart

Beispiel Gold-5-Minutenchart

Beispiel Gold-Tageschart

Beispiel Gold-Tageschart


Wie der magische Kelch genau funktioniert, ist nicht überliefert. Darüber hinaus ist der Kelch auch verschwunden. Was bleibt, ist die Legende vom Heiligen Gral, der von den Templern bewacht worden sein soll. Kleine Probleme und Ungereimtheiten sind in der seit knapp 1.000 Jahren erzählten Geschichte unvermeidbar. Sowohl König Artus als auch Camelot haben nie existiert und bei der Insel Avalon handelt es sich tatsächlich um den Ort Avallon in Frankreich, der nicht auf einer Insel liegt. Kurz gesagt: Die Geschichte ist ein Märchen, das sich nichtsdestotrotz größter Beliebtheit erfreut.

Könnte auch das beliebte Trading-Setup gleichen Namens nur eine Geschichte sein, die den innigen Wunsch vieler leidgeplagter Trader nach ewigem Erfolg und Glückseligkeit ausdrückt? Sollte am Ende auch hier durch häufige Wiederholung eine Wirklichkeit vorgegaukelt werden, die gar nicht existiert? Man muss kein Geschichtsprofessor sein, um diesen Fragen nachzugehen. Denn anders als die Sage von König Artus hat der Heilige Gral in der Trading-Welt einen bekannten Ursprung und Namensgeber. Die Amerikanerin Linda Bradford Raschke hat in ihrem Mitte der 1990er-Jahre erschienenen Buch „Street Smarts“ ein einfaches Setup als Heiligen Gral bezeichnet, das den ADX-Indikator und einen exponentiellen Durchschnitt verwendet und ein Trendfolgesystem darstellt. Die allgemeine Regel ist dabei einfach: Steigt der ADX über 30 und wandert der Kurs an den Durchschnitt zurück, so ergibt sich ein Einstiegssignal. Die verwendeten Werte von Linda Bradford Raschke sind 14 für den ADX und 20 für den gleitenden Durchschnitt.

Sehen wir uns den DAX im Tageschart an. In der dargestellten Situation steigt der Index monatelang in einer wellenförmigen Bewegung. Anfangs zieht auch der ADX mit und steigt über 30. Nun heißt es abwarten. Als der DAX auf den gleitenden Durchschnitt mit Periode 20 zurückfällt, ergibt sich ein Einstieg. Der ADX ist zu diesem Zeitpunkt zwar bereits wieder auf dem Weg nach unten, doch wir interpretieren dies trotzdem noch als gültig. Prompt steigt der Kurs wieder und liefert schon nach einigen Tagen einen Gewinn. Selbst wenn man den Trade laufen lässt, wird man nach einem Rücksetzer mit einem Gewinn belohnt.

Also testen wir die Idee mit einem Intraday-Chart des DAX auf Basis von fünf Minuten. Hier sehen wir, dass der Kurs längere Zeit fällt. Der DAX braucht eine Weile, bis er die 30er-Linie erreicht hat. Beim nächsten Rücksetzer an den gleitenden Durchschnitt schlagen wir zu. Anfangs entwickelt sich der Trade nicht berauschend, denn der DAX läuft mehr oder weniger seitwärts. Schließlich sackt er jedoch weiter ab. Wie weit das sein wird, ist dabei nicht klar zu erkennen. Entsprechend empfiehlt es sich, nicht allzu gierig zu sein. Bei der Definition der Zielmarken spielen Unterstützungen, Widerstände und andere Faktoren eine Rolle. Doch auch hier winkt ein kleiner Gewinn.

Das nächste Beispiel zeigt das Währungspaar Euro/japanische Yen im Stundenchart. Auch hier steigt der ADX bei einem Aufwärtstrend über 30. Der Rücksetzer verfehlt zwar den Durchschnitt sehr knapp. Doch wir steigen lieber jetzt ein, anstatt etwas zu verpassen. Und auch hier nehmen wir noch eine weitere Welle mit. Bei fallendem Kurs im 5-Minuten-Gold-Chart versagt die Methode beinahe. Erst spät fällt der Kurs zugunsten des Trades. Wer hier eng abgesichert hat, der verliert jedoch Geld. Doch die Mehrheit unserer Beispiele liefert einen Gewinn.

Voraussetzung ist dabei, dass sich der getradete Wert in einem Aufwärts- oder Abwärtstrend befinden muss, da der Heilige Gral dann besonders gut funktioniert. Andersherum heißt das jedoch, dass der Einstieg nicht so gut funktioniert, wenn der Kurs keinen langfristigen Trend aufweist. Und genau hier liegt das Problem dieser Einstiegsmethode. Denn gerade in der heutigen Zeit neigen die meisten Finanzinstrumente dazu, entweder seitwärts zu laufen oder durch einen Zickzack-Kurs die Anleger zu vergraulen. Den vom Heiligen Gral benötigten klaren Aufwärts- oder Abwärtstrend gibt es so gut wie nie. Wer deshalb Intraday-Charts absucht, um wenigstens untergeordnete Trendmuster traden zu können, wird früher oder später auch hier bemerken, dass ein stabiler Trend nicht auszumachen ist. Denn ist er zu erkennen, ist er auch schon wieder vorbei.

Die zweite Schwäche dieser Einstiegsmethode liegt in der Verwendung des ADX. Dieser immer wieder gern in der Literatur zu Demonstrationszwecken herangezogene Indikator ist in Seitwärtsbewegungen wertlos. Selbst wenn sich ein Trend aufbaut, reagiert der ADX meistens so spät, dass man besser seine Wendepunkte in der Spitze als Frühindikator für eine Trendwende verwendet, statt eines Werts über 30 als Trendbestätigung. Ein Beispiel ist im Gold-Tageschart zu sehen. Gerade bei diesem Underlying würde man einen stabilen Trend vermuten, denn der Anstieg des Goldpreises ist in der Presse in den letzten Jahren hervorgehoben worden. Doch der ADX enttäuscht auch hier und der Einstieg führt zu Verlusten.

Diejenigen, die die Idee des Heiligen Grals verfolgen, steigen deswegen auf geänderte Voraussetzungen für den Einstieg um. Dabei sind Indikatoren wie der MACD beliebt. Doch dieser ist ebenso wie andere Indikatoren nicht Teil des ursprünglichen Systems. Das reduziert den Heiligen Gral zu einem ganz gewöhnlichen Trendfolgesystem, bei dem der Einstieg erfolgt, sobald der Kurs zum gleitenden Durchschnitt wandert und dann dreht. Dies ist eine weit verbreitete Methode ohne besonders klangvollen Namen. Sie ist auch Teil von Trading-Setups mit den Bollinger-Bändern, bei denen die Mittellinie als potenzieller Einstiegspunkt verwendet werden kann. Und diese Mittellinie ist meistens ein gleitender Durchschnitt mit der Periode 20.

Fazit: Wie die Diskussion zeigt, bleibt vom Heilige Gral bei genauer Betrachtung nicht viel übrig. Obwohl der Einstieg auf diese Weise funktionieren kann, liegt der Charme dieser Methode mehr in der Verwendung des gleitenden Durchschnitts als in der Magie des ADX als Trendanzeiger. Dieser kann dem Ergebnis sogar entgegenwirken, weil er frühere und damit profitablere Einstiege unterbindet. Der Heilige Gral hat daher mehr durch seinen Namen als durch seine Erfolge Berühmtheit erlangt. Insgeheim spiegelt er den Wunsch der Menschen nach Gewissheit und Erfolg beim Trading wider. Doch beides kann durch ein einfaches Einstiegssystem mit dem ADX nicht erreicht werden.

06.08.2010 | 00:00

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