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Divergenzen

DAX und RSI: Beispiel 1

DAX und RSI: Beispiel 1

DAX und RSI: Beispiel 2

DAX und RSI: Beispiel 2

Beispiel DAX und Momentum

Beispiel DAX und Momentum

Beispiel DAX und MACD

Beispiel DAX und MACD


Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, schon gar nicht an der Börse. Doch es wäre wohl hilfreich, wenn wir über einen Indikator verfügen würden, der als unser privates Orakel fungieren kann. In der Masse der Indikatoren, die im Laufe der Zeit entwickelt worden sind, scheint es oft schwer, die richtigen zu finden. Doch noch schwerer ist es, diese dann richtig anzuwenden. So wollen wir heute alten Bekannten einen Besuch abstatten, um die statistische Erfolgswahrscheinlichkeit unseres Tradings zu erhöhen.

Als Beispiel nehmen wir des Deutschen liebstes Trading-Vehikel: den DAX. Bei ihm können wir sicher sein, dass er von allen CFD-Brokern angeboten wird. Die betrachteten Zeiträume spielen dabei keine große Rolle. Hier gezeigte Kurven sind nur Beispiele. Das Prinzip funktioniert jedoch auch zu anderen Zeiten und in anderen Zeithorizonten.

DAX und RSI

Im ersten Chart sehen wir den DAX in einem Aufwärtstrend. Unten eingeblendet ist der RSI (Relative Strength-Index) mit einer Periode von zehn. Auch diese Zahl ist nur ein Beispiel. Viele Softwarepakete bieten 14 als Standard an, und auch dieser Wert ist verwendbar. Wie sich zeigt, verläuft der Kurs in Wellen nach oben, und der RSI tut es ihm gleich (blaue Linien). Anfang November berührte der RSI den überverkauften Bereich, und der DAX startete einen Aufwärtstrend. Anfang Januar schien dieser zu enden, als der RSI den überkauften Bereich berührte. So weit, so gut. Damit haben wir die normale Funktion des RSI erklärt. Doch wo ist nun das Geheimnis? Nirgendwo. In diesem Chart ist alles, wie man es erwarten würde. Doch sehen wir das nächste Beispiel an.

Dies ist die Fortsetzung des DAX-Verlaufes in diesem Jahr. Wieder sinkt der Kurs, und wieder sinkt auch der Wert des RSI in den überverkauften Bereich, bevor der DAX-Kurs eine Wende in einen Aufwärtstrend vollzieht. Legt man hier jedoch eine Linie unter die Tiefpunkte, so stellt man fest, dass sich deren Höhe nicht gleicht. Während das erste Tief im DAX höher liegt als das zweite, ist es beim RSI umgekehrt. Sein Verlauf zeigt ein tieferes Tief bereits im Januar, während alle weiteren höher liegen. Dies nennt man Divergenz – im Unterschied zur Konvergenz, wenn sich beide Linien gleich verhalten.

Im weiteren Verlauf des Chartbildes ist zunächst keine auffällige Divergenz mehr zu beobachten. Der DAX steigt scheinbar unaufhaltsam, und der RSI steigt ebenfalls, sogar weit in den überkauften Bereich hinein. Wer an dieser Stelle bereits einen Short-Trade gewagt hätte, wäre auf die Nase gefallen. Nichtsdestoweniger begannen die Medien bereits an dieser Stelle, die Anleger auf eine Wende einzustimmen. Doch erst im April lassen sich Linien über die Hochpunkte des DAX und des RSI legen, die klar voneinander abweichen. Das Geheimnis einer Divergenz ist im praktischen Trading nur eines von zwei Erfolgskriterien. Das zweite ist die Geduld, mit der man auf eine echte Divergenz wartet. Wer Divergenzen sehen will, der neigt dazu, auch kleinste Unstimmigkeiten überzubewerten. Auch das kann zum Erfolg führen, doch dürfte dieser nicht nachhaltig sein.

Momentum

Der RSI gehört zu den momentumbasierenden Indikatoren. Diese Familie basiert auf der Funktion des Momentum-Indikators, der zu den ersten Indikatoren überhaupt gehört. Alte Hasen an der Börse verwenden ihn nach wie vor, weil sie sich daran gewöhnt haben. Und auch in ihm sehen sie Divergenzen als ein verlässliches Zeichen für eine bevorstehende Trendwende. In unserem dritten Beispiel sehen wir wieder den DAX, dieses Mal mit dem eingeblendeten Momentum-Indikator. Er zeigt, wie stark sich die Bewegung in die eine oder andere Richtung bewegt. Stärkere Ausschläge bedeuten eine stärkere Bewegung im Kurs.

Stellen Sie sich zum Vergleich die Geschwindigkeit eines Autos vor – und dazu die Stellung des Gaspedals. Nimmt man das Gaspedal zurück, bleibt das Auto nicht sofort stehen. Doch der Schwung lässt nach, und schließlich wird das Auto langsamer. An der Stellung des Gaspedals lässt sich daher die zukünftige Geschwindigkeitsänderung ablesen. Genauso ist es im Momentum-Indikator. Aus diesem Grund ist er auch ein guter Kandidat für Divergenzen.

Im Chartbild sinkt das Momentum bereits viele Tage vor dem DAX-Kurs. Ebenso steigt der Kurs erst, nachdem der Wert des Momentum-Indikators bereits wieder nach oben gedreht und fast die Nulllinie erreicht hat. Auch dieses Verhalten lässt sich nicht nur in Tagescharts beobachten. Der Momentum-Indikator funktioniert in jedem Zeithorizont gleich, und so bilden sich auch regelmäßig Divergenzen. Allerdings gilt wie immer, dass Charts längerer Zeiträume verlässlicher sind. In einem 1 Minuten-Chart dürfte es zu einer enttäuschend großen Anzahl von Fehlsignalen kommen.

MACD

Eine Diskussion von Indikatoren ließe sich wohl schlecht abschließen, ohne den allseits beliebten MACD anzusprechen. Er besteht aus mehreren Komponenten und bietet daher eine größere Zahl von Interpretationsmöglichkeiten. Häufig führen diese sogar dazu, dass jeder ein Signal finden kann, der danach sucht, auch wenn er dabei falsch liegt. Der MACD basiert auf zwei Durchschnitten, der so genannten MACD-Linie und der Signallinie. Da diese für unsere Zwecke ungeeignet sind, haben wir sie im Chart hellgrau gemacht. Wichtig ist dagegen der Abstand beider Linien, im Fachjargon Histogramm genannt (im Chart rot). Auch hier zeigt sich eine Divergenz zum Kursverlauf des DAX, bevor es zu einer Wende kam. Und auch dies lässt sich nicht nur im Tageschart, sondern auch in anderen Zeithorizonten zeigen.

Abschließend sei noch eine Besonderheit von Divergenzen angesprochen, die man im ersten Beispiel erkennen konnte: ihre Abwesenheit. Nicht jede Wende wird von einer Divergenz begleitet. Als Trader muss man hinnehmen, dass der Kurs manchmal auch unverhofft und unangekündigt dreht. Doch das macht nichts. Man muss nicht bei jeder Chance dabei sein. Wer das Werkzeug hat, um gute Chancen sicher zu identifizieren, wird gern auf unsichere Glückstreffer verzichten.

Eine praktische Möglichkeit für ungeduldige Trader ist das schrittweise Einkaufen in den Markt beim Auftreten einer Divergenz. So ist denkbar, bei jedem Tief einen Teil der geplanten Position einzugehen – immer angenommen, es handelt sich um mehr als ein einziges CFD. So wird der Einstiegspunkt zwar nicht am äußersten Ende eines Tiefpunktes liegen. Doch realistisch ist es sowieso unwahrscheinlich, dass man diesen wirklich erwischt.

Fazit:

Mit Divergenzen lassen sich Wendepunkte im Kursverlauf wesentlich besser identifizieren als bei der Betrachtung der Preiskurve allein. Dabei treten Divergenzen nicht nur in einem Indikator auf. Sie lassen sich in vielen Indikatoren finden. Auch wenn sie nicht immer vorhanden sind, so bietet ihr Auftreten doch eine höhere Treffsicherheit.

22.04.2010 | 00:00

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