boerse am sonntag - headline

ETFs für Fortgeschrittene


Generell versteht man unter ETFs passiv gemanagte, börsengehandelte Fondsprodukte. Sie sind in ihrer Zusammensetzung und Gewichtung strikt an einen bestimmten Basisindex gebunden, den sie im Verhältnis 1:1 abbilden. Im Unterschied zu herkömmlichen Investmentfonds werden sie – wie Aktien – direkt und kontinuierlich an einer Börse gehandelt. Der Preis wird also nicht nur täglich einmal festgestellt, sondern richtet sich den ganzen Tag nach Angebot und Nachfrage. ETFs verbinden damit die Flexibilität einer Aktie mit den Diversifizierungseffekten eines Investmentfonds und das zu besonders günstigen Preisen.

Vormarsch ungebremst

Weil aktiv gemanagte Fonds teurer sind, aber langfristig häufig hinter ihren Benchmarks zurückbleiben, erfreuen sich die Neulinge, die sich zusätzlich durch eine hohe Fungibilität auszeichnen, großer Beliebtheit: Das zeigen beispielsweise aktuelle Daten der Fondsgesellschaft Barclays Global Investors (BGI). Demnach ist das Volumen der von ETFs verwalteten Vermögenswerte Ende August auf den Rekordwert von 891 Mrd. US-Dollar angeschwollen. Neben den Wertzuwächsen waren für den Anstieg auch die hohen Nettomittelzuflüsse verantwortlich. „Wir bewegen uns auf einen Anstieg auf 1.000 Mrd. US-Dollar bis Jahresende zu“, so Deborah Fuhr, Leiterin des ETF-Researchs bei BGI. Als Gründe für die anhaltend hohe Nachfrage der Investoren nennt sie die Transparenz und Liquidität der Produkte.

Mehr Chance, weniger Transparenz

Genau diese Transparenz wird jedoch durch eine Fülle neuer Produkte bedroht. So gibt es seit Kurzem auch gemanagte ETFs. Grundsätzlich besitzen diese zwar auch den Vorteil einer hohen Liquidität, denn schließlich müssen Emittenten für jeden ETF – gleichgültig, ob passiv oder aktiv – einen Designated Sponsor beziehungsweise Market Maker präsentieren. Dessen Aufgabe ist es, jederzeit An- und Verkaufskurse für den Fonds zu stellen. Weil bei großen ETFs mehrere Market Maker zueinander in Konkurrenz stehen, sind die Spreads in der Regel meist sehr gering. Dies ist jedoch nur möglich, wenn der Market Maker ganz genau weiß, was ein Fondsanteil wert ist und genau das ist bei aktiven Produkten per se nicht mehr gewährleistet. Genau hinschauen müssen Anleger aber auch bei passiven Indexfonds. Dies geht aus Recherchen der Stiftung Warentest hervor: „Wir haben festgestellt, dass einige Indexfonds besser abschneiden als der Markt. Das hat uns stutzig gemacht“, so Chefredakteur Hermann- Josef Tenhagen in der Zeitschrift „Finanztest“ (Ausgabe 2/2009). Möglich ist dies, weil einige ETFs beispielsweise Swaps mit Finanzinstituten abschließen, die dem Emittenten Zusatzerträge einbringen, oder über das Verleihen von Aktienbeständen. Beide Methoden bringen neben Chancen auch ein Risiko mit sich, da die Gegenpartei ja ausfallen könnte. Noch intransparenter ist die neue Kategorie der gehebelten Indexfonds. Hier leidet die Transparenz schon allein aufgrund der Konstruktion.

Heute hui, morgen pfui

So ist es praktisch unvermeidlich, dass sich Basiswert und Fonds über einen längeren Zeitraum unterschiedlich entwickeln. Das liegt schlichtweg an den Tücken der Prozentrechnung: Notiert der DAX beispielsweise bei 4000 Punkten und klettert an einem starken Börsentag, wie nach dem Wahlsonntag, um 200 Punkte, so gewinnt er 5%. Der gehebelte ETFX-Dax 2x Short Fund (WKN: A0X9AA) würde an diesem Tag 10% verlieren. So weit so gut, innerhalb eines Börsentages ist also alles ok. Damit der Hebel aber stets gleich bleibt, muss der ETF am Ende des Tages neu ausbalanciert werden, sodass der neue Schlusskurs des DAX wieder 100% entspricht. Büßt der DAX nun am nächsten Tag seine Gewinne wieder ein und fällt wieder auf 4000 Punkte zurück, so verliert er prozentual lediglich 4,76%. Mit der Folge, dass auch der Short-ETF nicht um 10%, sondern lediglich um 9,5% zulegt.

Die Waffen der Profis

Zwar richten sich die neuen Hebel- und Short- ETFs eigentlich an Institutionelle. Weil auch diese Fonds frei an der Börse gehandelt werden, haben aber auch Privatanleger leichten Zugriff. Genutzt werden die Neulinge vor allem als Ersatz für Hebelzertifikate. Gegenüber den Zertifikaten haben die Hebel-ETFs zwei handfeste Vorteile: Zum einen den durch das Sondervermögen der ETFs bedingten besseren Schutz bei einer Insolvenz des Emittenten und zum anderen den niedrigeren Spreads. Kein Wunder, dass die riskanten Varianten immer beliebter werden. Ende Juni waren an der Deutschen Börse bereits 13 Short- und drei ETFs mit Hebel gelistet, und das Anlagevolumen in diesen spekulativen Produkten wächst deutlich. Die hohe Nachfrage lockt wiederum weitere Emittenten an, die mit neuen Produkten Marktanteile gewinnen wollen. So bilden beispielweise vier neue Produkte von“ ETF Securities“ Indizes ab, die täglich die zweifache Wertentwicklung des DAX und des EURO STOXX 50 nachvollziehen – jeweils in einer Short- und einer Long-Version. Das wirklich Neue sind dabei die beiden Shorties. Bislang ließ sich hierzulande nämlich mit ETFs noch nicht gehebelt auf fallende Kurse spekulieren. Mittlerweile haben auch andere Anbieter nachgelegt. Vor wenigen Tagen brachte der französische Anbieter EasyETF im Rahmen einer neuen Produktoffensive ebenfalls zwei gehebelte Short-ETFs auf den Markt: Der EasyETF DJ EURO STOXX 50 Double Short (WKN A0RLRR) kehrt ebenfalls die tägliche Performance des europäischen Bluechip-Index um und verdoppelt diesen Wert dann noch einmal, der EasyETF DJ STOXX 600 Double Short (WKN A0RLVU) macht das gleiche mit dem Index der die 600 größten europäischen Firmen abbildet. Eine weitere Innovation – wenn auch ohne Hebel – stellt der nagelneue db x-trackers ETF (WKN DBX0C4) dar. Über dieses Produkt können Anleger erstmals mit einem ETF auf einen fallenden Hang-Seng-Index setzen.

Der kleine Unterschied

Das Angebot an gehebelten Indexfonds beschränkt sich dabei keineswegs mehr nur auf den Aktienmarkt. Auch im Bereich der Rohstoffe haben sich die Produkte mittlerweile etabliert. So lässt sich beispielsweise mit dem ETFS Leveraged Natural Gas (WKN A0V9Y3) gehebelt auf die Entwicklung der Gaspreise spekulieren. Allerdings beschränken sich die Hebelprodukte im Commodity Bereich bislang noch auf die Long-Varianten. Dass dies der wachsenden Popularität keinen Abbruch getan hat, zeigen aktuelle Zahlen: Das in ETCs investierte Vermögen wuchs seit 2005 von 1,1 Mrd. Dollar auf heute rund 13,3 Mrd. US-Dollar geradezu explosionsartig. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zu ETFs. ETCs werden zwar ähnlich wie Indexfonds an der Börse gehandelt, können aber – wie Zertifikate – ein Emittentenrisiko aufweisen. Wird kein Treuhänder eingeschaltet, zählt das Geld nämlich im Insolvenzfall zur Konkursmasse und ist damit in der Regel für die Anleger verloren.

Fazit

Während in Europa laufend neue gehebelte ETFs und ETCs emittiert werden, regt sich im Mutterland der Indexprodukte, den USA, erster Widerstand gegen die spekulativen Innovationen. Für Privatanleger, die solche Produkte möglicherweise länger als nur einen Tag halten wollen, seien sie „typischerweise ungeeignet“, heißt es beispielsweise in einem Papier der USAufsichtsbehörde FINRA, das im Juni 2009 veröffentlicht wurde. Gehebelte ETFs- und ETCs sollten daher ausschließlich von tradingorientierten Anlegern genutzt werden, die sich über die Funktionsweise im Klaren sind. Anders als herkömmliche ETFs eignen sie sich jedoch nicht zum langfristigen Vermögensaufbau.

So ist es praktisch unvermeidlich, dass sich Basiswert
und Fonds über einen längeren Zeitraum
unterschiedlich entwickeln. Das liegt schlichtweg
an den Tücken der Prozentrechnung: Notiert
der DAX beispielsweise bei 4000 Punkten
und klettert an einem starken Börsentag, wie
nach dem Wahlsonntag, um 200 Punkte, so gewinnt
er 5%. Der gehebelte ETFX-Dax 2x Short
Fund (WKN: A0X9AA) würde an diesem Tag
10% verlieren. So weit so gut, innerhalb eines
Börsentages ist also alles ok. Damit der Hebel
aber stets gleich bleibt, muss der ETF am Ende
des Tages neu ausbalanciert werden, sodass der
neue Schlusskurs des DAX wieder 100% entspricht.
Büßt der DAX nun am nächsten Tag
seine Gewinne wieder ein und fällt wieder auf
4000 Punkte zurück, so verliert er prozentual
lediglich 4,76%. Mit der Folge, dass auch der
Short-ETF nicht um 10%, sondern lediglich
um 9,5% zulegt.

21.10.2009 | 00:00

Artikel teilen: