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Short- und Hebel-ETFs: Bewusste Risiken


Üblicherweise bilden gehebelte und Short-ETFs die Wertentwicklung des Referenzindex auf Tagesbasis multipliziert mit dem jeweiligen Hebel ab. Das heißt, der Stand des Referenzindex vom Vortag wird als Basis für die Neuberechnung des Short- bzw. Hebel-Index herangezogen. Zwar sind die Hebel bei ETFs im Vergleich zu anderen Derivaten relativ klein – gängig sind in Deutschland Hebel von maximal -2, häufiger -1 bei Short-ETFs und +2 bei long gehebelten ETFs. Doch die Rendite solcher ETFs kann jenseits der Tagesperformance merklich von der Wertentwicklung abweichen, die sich aus der einfachen Multiplikation der Performance des Referenzindex über einen bestimmten Zeitraum mit dem jeweiligen Hebel ergeben würde. Dies laufe den gängigen Erwartungen der Privatanleger zuwider, meinen einige Kritiker. Mit Blick auf diese Problematik haben sie den Nutzen von Hebel- und Short-ETFs für Privatanleger generell infrage gestellt.

Die Praxis sieht anders aus

Doch diese Kritik, die von einer Unwissenheit der Privatanleger ausgeht, bestätigt sich in der Praxis nicht. Denn die Investoren scheinen sehr wohl die Unwägbarkeiten beim Einsatz von gehebelten und Short-ETFs zu kennen, da sie entsprechende Anlagestrategien verfolgen. Eine Anfang November veröffentlichte Studie der Hochschule Konstanz belegt, dass Privatanleger diese Produkte zumeist nur relativ kurz in ihrem Depot halten. Dabei „deuten kurze Haltedauern darauf hin, dass sich die jeweiligen Investoren der eingegangenen Risiken bewusst sind“, lautet die grundlegende These der Studie, die von Leo Schubert, Professor für Betriebswirtschaftslehre, geleitet wurde. Dies gelte umso mehr, wenn sich die durchschnittliche Haltedauer mit steigendem Hebel-Faktor verkürzt.

Studienobjekt Privatanleger

Im Zentrum der Studie steht die Betrachtung der Strategien von Privatanlegern. Im Untersuchungszeitraum vom 1. Januar 2008 bis zum 1. April 2010 wurden hierzu speziell 26.394 ETF-Engagements analysiert, die Privatanlegern zugeordnet wurden. Die Ergebnisse zeigen tatsächlich, dass die Investoren sehr bewusst und umsichtig mit diesen Produkten agieren:

Die mittlere Haltedauer von Short- und Hebel-ETFs betrug in den untersuchten Fällen durchschnittlich 47 Tage. 50% der Engagements waren nach maximal 15 Tagen wieder beendet. Der überwiegende Teil der Engagements wurde in weniger als 100 Tagen wieder glattgestellt. In nur 1% der Fälle wurden die Produkte länger als ein Jahr gehalten. „Diese Haltedauern können im Vergleich zu Investitionen in Aktien als relativ kurz bezeichnet werden“, heißt es in der Studie. Darüber hinaus tendieren die Anleger dazu, bei einem höheren Hebel die Haltedauer weiter zu reduzieren. So hielten die Investoren Short-ETFs mit einem Hebel von -2 im Mittel nur rund 18 Tage. Eine weitere Form der Risikoanpassung ist die Reduzierung des Investitionsvolumens bei zunehmender Haltedauer. Dies konnte in der Studie ebenfalls nachgewiesen werden.

Die Schlussfolgerungen, die Schubert aus diesem Anlegerverhalten zieht, sind eindeutig: „Zusammenfassend dokumentieren die ermittelten Ergebnisse das Verhalten von Investoren, die sich in der Majorität der Risiken der untersuchten Finanzprodukte scheinbar bewusst sind und dementsprechend ihr Verhalten hinsichtlich der Haltedauer und des Investitionsvolumens dem gestiegenen Risiko anpassen.“

Fazit:

Die Privatanleger sind weitaus mündiger als es manche Experten sehen wollen. Sie wissen sehr wohl, wie man Short- und Hebel-Produkte als taktisches Investment einsetzt. Dies deutet darauf hin, dass es sich bei den Privatanlegern im ETF-Segment überwiegend um erfahrene Investoren handelt, welche die Chancen und Risiken ihrer Investments genau kennen.

02.12.2010 | 00:00

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