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Fondsbranche vor Ausverkauf?

Frühjahr 2016 (Bild: Handelsblatt)



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Die deutsche Fondsbranche verbucht Rekordzahlen und zeigt Zuversicht. Angesichts der massiv abstürzenden Aktienkurse sorgt sich die Branche aber um die Zukunft. Kommt nach dem Rekordjahr bald die große Verkaufswelle der Anleger? Die Fondsanbieter bangen mehr, alsd sie zugeben. Aber die Frage bleibt: Wann müssen die Investoren nach und nach ihre Positionen glattstellen?

Die deutsche Fondsbranche feiert ein weiteres Rekordjahr. Einen Netto-Rekordabsatz von Fonds im Volumen von 193,4 Milliarden Euro stellte Verbandspräsident Holger Naumann am Donnerstag in Frankfurt vor. Das Vermögen von 2,6 Billionen Euro ist auch so hoch wie nie zuvor. Aber es war eine Erfolgsmeldung unter Vorbehalt. „Die Börsenschwankungen werden in diesem Jahr einen gewissen Bremseffekt beim Neugeschäft haben“, ergänzte er vorsichtig.

Seinen Optimismus will Naumann jedoch nicht verlieren. Was die Fondsanbieter jedoch nach dem Börsencrash an Privatanleger absetzen können, dahinter stehen Fragezeichen. „Wir sehen bisher keine Rückgaben von Anteilen“, sagte Naumann mit Blick auf das Geschäft im neuen Jahr. Im vergangenen Jahr hatten Privatanleger immerhin für netto rund 72 Milliarden Euro Fonds gekauft – und damit fast den Absatzrekord aus dem Jahr 2000 eingestellt.

121,5 Milliarden von Großinvestoren

Noch mehr Fonds kauften Großinvestoren wie Versicherungen oder Pensionseinrichtungen: Die für diese Investoren aufgelegten Spezialfonds sammelten 2015 121,5 Milliarden Euro ein – das ist ebenfalls ein Rekord. Die Menschen hätten verstanden, dass sie ihr Geld derzeit nur mit Kapitalmarktprodukten vermehren könnten, erklärte Naumann die Branche als Sieger der Niedrigzinsphase. „Wir gehen davon aus, dass sich der Trend so weiter fortsetzen wird."

Doch Naumanns Projektion für die Branche im laufenden Jahr könnte sich als zu optimistisch erweisen. „Viele neue Käufer von Fonds hatten vorher Sparanlagen, und die stellen in den letzten Wochen wegen der Börsenturbulenzen sorgenvolle Fragen an unsere Vertriebspartner“, sagt beispielsweise Karl Stäcker, Geschäftsführer von der BHF-Bank-Fondstochter Frankfurt-Trust.

Nach Meinung von Stäcker könnten die hohen Verluste an den Aktienmärkten auch den wichtigsten Pfeiler des Neuabsatzes bei Privatanlegern in Frage stellen: die extrem beliebten Mischfonds. In solche Produkte floss im vergangenen Jahr der größte Teil des Neugeldes. Mischfonds für Privatanleger sammelten 2015 38,6 Milliarden Euro neues Kapital ein. Das ist gut die Hälfte des Geldes, das alle der vor allem für Privatanleger aufgelegten Publikumsfonds im vergangenen Jahr anzogen.

Ausgereiztes Risikobudget

Diese aus verschiedenen Wertpapierarten gemischten Fonds werden häufig mit der Aussicht auf geringe Risiken verkauft. Doch auch sie werden vom Aktienabsturz getroffen. Den Großteil des neuen Geldes floss denn auch in Mischfonds mit einem Aktienanteil am Vermögen von mindestens einem Drittel, wie Naumann erklärte.

Das Problem dieser Fonds: Ihnen fehlt der Kapitalpuffer, seit Anleihen kaum noch Zinsen abwerfen. So berichten Experten, dass manche Mischfonds-Manager, die ihren Kunden angekündigt haben, nicht oder nur wenig ins Minus zu rutschen, bereits gezwungen sind, im Abwärtsschwung Wertpapiere mit Kursrisiken, also Aktien, abzustoßen, weil ihr Risikobudget bereits ausgereizt ist. Und dann sind die Geldmanager gezwungen, Liquidität zu halten und können - auch wenn die Aktienkurse wieder steigen, nicht wieder einsteigen, weil ihnen der Puffer für eventuelle Kursverluste fehlt.

Offiziell bleibt der Verband bei einem grundsätzlich positiven Ausblick auf das laufende Jahr. „Fonds stehen für langfristige Geldanlage und haben schon viele Phasen mit Volatilität überstanden – und werden auch diese wieder überstehen“, konstatiert BVI-Präsident Naumann. Doch hinter den Kulissen bereitet der Aktien-Crash auf Raten den Fondsstrategen Sorgen. Seit längerer Zeit animieren Fondsanbieter die Privatkunden zum Umstieg von ihren Anlagen in Zinsprodukten auf die renditestärkere Anlage Aktie. Doch, so sagt ein Branchenvertreter: „Ich habe Sorge, dass das, was wir über Jahre aufgebaut haben, jetzt leidet." Handelsblatt / Ingo Narat / Anke Rezmer

11.02.2016 | 17:31

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