boerse am sonntag - headline

Schwellenländer: Richtig diversifizieren

(Foto: Shutterstock)


Sind alle Schwellenländer gleich? Natürlich nicht. Dennoch werden sie von Investoren häufig wie ein einheitlicher Block behandelt. In welchem Umfang eine Differenzierung lohnt und notwendig ist.

Von Philippe Ithurbide, Global Head of Research bei Amundi

Die Schwellenländer sind ebenso wenig ein Block wie die entwickelten Länder oder die Eurozone. Trotzdem hat sich diese Sichtweise bei vielen Investoren durchgesetzt, weil sie jahrzehntelang einen niedrigen, oft sogar sehr niedrigen Teil ihres Portfolios dem "Beta" dieser Assetklasse zugewiesen haben und nicht die Absicht hatten, mit Alpha-Strategien zu arbeiten. „Beta“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ein Markt beziehungsweise Index 1:1 abgebildet werden soll, „Alpha“ dagegen, dass eine bessere Wertentwicklung als der Markt angestrebt wird. Es ging also um passives Management (Investitionen in einen aufstrebenden Block, abgebildet in einem Index) und nicht um aktives Management (Länderanalyse, Bewertung, gezielte Auswahl).

Historisch machte das durchaus Sinn, da bis zum Ende der 1980er Jahre Lateinamerika die einzige Region innerhalb der Assetklasse war, welches nennenswertes Volumen und Liquidität bot. Damit war eine Diversifizierung, die diesen Namen verdient, gar nicht möglich. So listete der Emerging Markets Bond Index (EMBI) noch Ende der 90er Jahre gerade einmal zehn Länder: Argentinien, Brasilien, Bulgarien, Ecuador, Mexiko, Panama, Peru, Polen, Russland und Venezuela. Mittel- und Südamerika standen damit für 90 Prozent des Index. Die drei Länder Argentinien, Brasilien und Mexiko machten allein schon 70 Prozent des EMBI aus.

Schwellenländer heute heterogener

Seitdem hat sich viel getan. Natürlich weisen die Schwellenländer weiterhin Gemeinsamkeiten auf, etwa das Fehlen eines „sicheren Hafens“ innerhalb der Assetklasse, analog der Rolle Deutschlands für die Eurozone. Die Gruppierung in einem Block macht aus Investorensicht allerdings nur dann Sinn, wenn diese Länder auch tatsächlich weiterhin in ihrer Entwicklung korrelieren. Das tun sie aber nur begrenzt. Die Gruppe der gegenüber makroökonomischen Risiken leicht „anfälligen“ Volkswirtschaften innerhalb der Assetklasse ist vergleichsweise klein: So macht das kombinierte Bruttoinlandsprodukt der hier betrachteten Schwellenländer nur rund drei Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung aus, während als eher „stabil“ bezeichnete Schwellenländer es gemeinsam immerhin auf rund 24 Prozent des gesamten globalen Bruttoinlandsproduktes bringen.

Ähnlich sieht es bei der Bevölkerungsgröße aus (ebenfalls drei Prozent gegenüber 24 Prozent), und auch bei der Marktkapitalisierung (ein Prozent gegenüber sechs Prozent). Die „anfälligen“ Länder haben damit nicht das Volumen, die Gruppe der „stabilen“ Schwellenländer im Krisenfall in Mitleidenschaft zu ziehen, und die Industrieländer schon gar nicht. Für die Differenzierung zwischen den einzelnen Volkswirtschaften bieten sich zwei unterschiedliche Ansätze an.

In Krisen könnten Schwellenländer dennoch ähnlich reagieren
 
Im Falle einer ernsthaften Krise allerdings gehen wir davon aus, dass die Korrelation deutlich steigt und zumindest einige Schwellenländer tatsächlich ähnlich reagieren werden. Dafür muss allerdings eine Reihe von Voraussetzungen gegeben sein:
 
1. Erhöhte Risikoaversion
2. Die allgemeine Überzeugung, dass die betroffenen Länder ein Block sind
3. Wirtschaftliche oder politische Ähnlichkeiten, etwa zwischen Ländern, die Rohstoffe produzieren, oder zwischen Ländern, die   Rohstoffe verbrauchen
4. Abhängigkeit von ausländischen Kapitalströmen – so würden Schwierigkeiten in China starke Auswirkungen auf   Projektfinanzierungen in Afrika haben
5. Ein gemeinsamer externer Faktor, etwa eine Aufwertung des US-Dollars, ein plötzlicher Anstieg der US-Zinsen, eine Finanzkrise in  den Industrieländern und so weiter

Wenn diese Faktoren zusammenkommen, dann könnten sich die Schwellenländer in der Tat wie ein Block verhalten. Bei aller Diversifikation kann deshalb gerade im Moment ein zu umfassendes Schwellenländer-Exposure riskant sein, weil sich die Gefahr etwa eines ernsthaften weltweiten Handelskrieges oder einer massiven Rezession nicht ausschließen lässt.

Lesen Sie auch: Lufthansa: Ist das eine Kaufgelegenheit?

07.08.2019 | 13:41

Artikel teilen: