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Wie Chinas Leistungsbilanzdefizit die globalen Portfolios verändert

China mit außenwirtschaftlicher Neugewichtung (Foto: xtock / shutterstock.com)


Mit Blick auf die ersten neun Monate des laufenden Jahres weist China zum ersten Mal seit 1993 ein Leistungsbilanzdefizit auf. Warum und was die außenwirtschaftliche Neugewichtung der Volksrepublik für Anleger bedeutet, erklärt Isaac Meng, Portfoliomanager bei PIMCO.

Anlegern, deren besonderes Augenmerk den handelspolitischen Spannungen zwischen China und den USA gilt, mögen überrascht darüber sein, dass China für die ersten neun Monate des Jahres 2018 ein Leistungsbilanzdefizit ausweist – erstmals seit 1993. Das Defizit von 12,8 Milliarden US-Dollar entspricht nur 0,1 Prozent des annualisierten BIP. Doch es steht für den Erfolg, den China bei der Neugewichtung des Verhältnisses von Exporten und Inlandsnachfrage erzielt hat. Es ist gerade mal zehn Jahre her, dass Chinas Handelsüberschuss seinen Höchststand mit 420 Milliarden US-Dollar oder neun Prozent des BIP erreichte.

Es wäre jedoch irrig anzunehmen, dass das chinesische Leistungsbilanzdefizit Washington besänftigen könnte. Chinas Handelsbilanzüberschuss – eine enger gefasste Kennzahl, in der Anlageerträge nicht berücksichtigt werden – ist nach wie vor von gewaltigem Ausmaß. Der Handelsüberschuss gegenüber den USA beträgt etwa 350 Milliarden US-Dollar (wobei ein Überschuss von 390 Milliarden US-Dollar bei Gütern einem Defizit von 40 Miiliarden US-Dollar bei Dienstleistungen gegenübersteht). Im Gegensatz dazu weist China gegenüber dem Rest der Welt ein Defizit von drei bis vier Prozent des BIP aus – besonders gegenüber ölexportierenden Ländern und den Volkswirtschaften Asiens. US-Handelszölle und ein Abkommen, das die handelspolitischen Spannungen zwischen China und den USA abbauen würde, könnten die Handelsbilanz reduzieren und die Last der Anpassung zum Teil auf Chinas andere Handelspartner verlagern.

Chinas außenwirtschaftliche Neugewichtung

Hinter dem dramatischen Umschwung verbergen sich vier Triebfedern, von denen Peking einige steuern kann, andere aber nicht:

Geld- und fiskalpolitische Maßnahmen: Die politischen Entscheidungsträger Chinas fördern seit einiger Zeit schon Importe und den Auslandstourismus, der auch das wachsende Dienstleistungsdefizit antreibt. China hat auch Anstrengungen unternommen, Konsum und Investitionen mithilfe einer expansiven Geld- und Fiskalpolitik anzuregen.

Demografische Entwicklung: Die Bevölkerung Chinas altert, der Umfang der erwerbstätigen Bevölkerung und die inländischen Ersparnisse haben ihren Zenit schon vor einigen Jahren überschritten, sodass sich die Lücke zwischen Ersparnissen und Investitionen wieder zu schließen beginnt.

Rohstoffpreise: Höhere Ölpreise haben Chinas Ausgaben für Importe kräftig steigen lassen (ein Anstieg des Erdölpreises von 10 US-Dollar pro Barrel bedeutet höhere Importe von 36 Milliarden US-Dollar oder 25 Basispunkten des BIP).

Bewertung des Yuan: Trotz der kürzlichen Abwertung hat der effektive Wechselkurs der chinesischen Währung nur sieben Prozent gegenüber dem Spitzenwert aus dem Jahr 2015 nachgegeben. Der Yuan notiert noch immer 33 Prozent über seinem Niveau im Jahr 2007.

Anlageimplikationen

Erstmals seit einem Vierteljahrhundert tritt China als Kapitalimporteur in Erscheinung. Dies markiert eine bedeutsame Veränderung im Muster der globalen Kapitalbewegungen. Vor fünf Jahren noch reinvestierte China jährlich 300 bis 400 Milliarden US-Dollar in internationalen Märkten.
Zu diesem Umschwung tragen auch die sich zunehmend öffnenden Kapitalmärkte des chinesischen Festlands bei. Im Verlauf der zurückliegenden zwölf Monate hat das Land einen Zufluss an Auslandsanleihen und Aktieninvestitionen von 86 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 30 Milliarden US-Dollar erlebt. Inzwischen erhält China den Löwenanteil asiatischer Portfoliozuflüsse – ein Trend, der sich mit der Aufnahme chinesischer Anleihen in globale Anleihen- und Aktienindizes wahrscheinlich beschleunigen wird. Die Kehrtwende vom Nettokapitalexporteur zum -importeur könnte die globalen Anleihenmärkte unter Druck setzen, besonders die asiatischen Märkte mit gering rentierenden Anleihen, die in Lokalwährung notieren.

Ferner dürfte die chinesische Zentralbank den Übergang zu einem flexibleren Wechselkursregime vorantreiben. Der Yuan würde künftig mehr als automatisch wirkender Ausgleichsfaktor beim Auftreten externer Schocks fungieren. Man kann davon ausgehen, dass ein größeres Maß an geldpolitischer Unabhängigkeit ein vornehmliches Anliegen der chinesischen Zentralbank ist, um mehr Spielraum beim Ausüben ihres binnenwirtschaftlichen Mandats zu haben.

Wegen Chinas unelastischer Nachfrage nach Öl und Rohstoffen könnte das Leistungsbilanzdefizit auch noch im Jahr 2019 Bestand haben. Weitere von Peking initiierte Strukturverschiebungen und Wechselkursanpassungen könnten wiederum Rückwirkungen auf jene asiatischen Volkswirtschaften haben, die – wie vor allem Taiwan, Südkorea und die ASEAN-Mitgliedsstaaten – engstens mit China verbunden sind.

12.12.2018 | 12:32

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