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Volatile Märkte angesichts politischer Risiken

Maximilian Kunkel (Bild: UBS)

Unsicherheit an den Märkten: an der Wall Street könnte die Tonart schnell wechseln (Bild: Sebastian Sigler)

Einbrechende Dunkelheit... (Bild: Sebastian Sigler)


Die Finanzmärkte sind 2018 weit volatiler als in den Jahren zuvor. Das zeigt sich etwa am Beispiel des S&P 500. In den vergangenen 30 Handelstagen schloss der US-Leitindex 18 Mal mit einem Tagesplus und 12 Mal im Minus. Es ist unverkennbar: Die Unsicherheit hat zugenommen.

Von Maximilian Kunkel

Die letzte Woche beendete der S&P 500 mit einem Verlust von 0,5 Prozent, startete dann aber mit einem Plus von einem Prozent in diese Woche. Eine klare Richtung ist nicht erkennbar, die Schwankungsbreite hat aber deutlich zugenommen. Der US-Volatilitätsindex VIX liegt mit 13 Punkten zwar weiterhin unter dem langfristigen Durchschnitt, aber in den letzten Monaten kam es vermehrt zu extremen Ausschlägen. Obwohl das weltweite Wirtschaftswachstum solide ist und das Gewinnwachstum der Unternehmen in der zurückliegenden Berichtssaison abermals die Analystenschätzungen übertraf, gibt es viele Quellen der Unsicherheit. Die letzten Tage zeigten beispielhaft, wo einige der größten Gefahren lauern.

Eine Achillesferse der Finanzmärkte ist etwa die US-Zinsentwicklung. Zum ersten Mal seit Ende 2013 liegt die Rendite zehnjähriger US Treasuries über drei Prozent. Gleichzeitig zieht im Zuge der geldpolitischen Straffung auch das kurze Ende der Zinskurve an. Mit 2,3 Prozent ist der dreimonatige LIBOR-Satz so hoch wie zuletzt vor zehn Jahren. Der US-Dollar konnte in den letzten Tagen von der steigenden Zinsdifferenz und den Unsicherheiten in Europa profitieren und handelt bei 1,1780 gegenüber dem Euro und nahe der Parität gegenüber dem Franken. Eine flacher werdende Zinskurve könnte ein Vorbote der nächsten Rezession sein. Auch wenn diese nicht unmittelbar bevorsteht, deutet das Wiedererstarken des Dollars auf die gestiegene Risikoaversion der Anleger hin.

Handelsstreit

Die am Samstag veröffentlichte Erklärung im chinesisch-amerikanischen Handelsstreit liess Aktienanleger zu Wochenbeginn etwas aufatmen. Beide Seiten sind sich offenbar einig, das US-Handelsdefizit mit China zu reduzieren. Man habe sich darauf verständigt, dass China seine Einfuhren von US-Gütern merklich erhöht, Zölle auf US-Autos reduziert und den Schutz von intellektuellem Eigentum stärkt. Ob so die angedrohten Strafzölle tatsächlich vermieden werden können, steht noch lange nicht fest. Die Details blieben vage.

In Europa wächst unterdessen die Sorge, dass die Regierungsallianz zwischen der rechtsnationalen Lega und der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung das Verhältnis zwischen Italienund der übrigen EU verschlechtern und zu einem weiteren massiven Anstieg der Staatsschulden führen könnte. Am Montag einigten sich die beiden Parteien auf einen gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Premierministers. Der politisch weitgehend unbekannte Giuseppe Conte, Jurist und Universitätsprofessor, soll das Bündnis anführen. Das Programm beinhaltet einen aggressiven Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik und eine Abkehr von der haushaltspolitische Zurückhaltung. Konflikte mit den EU-Partnern sind also vorprogrammiert. Die Märkte reagierten nervös. Italienische Aktien verloren in den letzten fünf Tagen rund vier Prozent, die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen kletterte auf den höchsten Stand seit Juli 2017: 2,3 Prozent.

Schwellenländer

Nicht nur Italien hat mit Unsicherheit zu kämpfen. Auch in einigen Schwellenländern spitzt sich die politische Lage zu. Wie erwartet wurde am Sonntag der venezolanische Staatschef Maduro zum Wahlsieger der Präsidentschaftswahl erklärt. Er hatte das Land in den letzten Jahren an den Rande des wirtschaftlichen und sozialen Kollapses geführt. Besserung ist unter seiner Führung nicht in Sicht. Auch andere Schwellenländer gaben zuletzt Anlass zur Sorge. Die türkische Lira setzte zu Wochenbeginn ihren Fall fort und verlor gegenüber dem Dollar seit Anfang Mai 13 Prozent, der argentinische Peso büßte gar ein Fünftel ihres Wertes ein.

Anleger stellt dieses volatile Umfeld vor grosse Herausforderungen. Zwar wäre ein Abschied von Aktien im Portfolio wohl verfrüht und mittelfristig ohnehin nicht zielführend. Dennoch lohnt es sich jetzt, das Portfolio von unnötigen Risiken und konzentrierten Positionen zu befreien und die Streuung über möglichst viele Regionen und Anlageklassen zu erhöhen.

Maximilian Kunkel ist Chefanlagestratege der Schweizer Großbank UBS.

01.06.2018 | 19:20

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