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Vor- und Nachteile der neuen ESMA-Regulierung

(Bild: Deutsche Börse AG)


Anfang August ist es soweit – mit der strengeren Regulierung von Contracts for Differences (CFD) verfolgt die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde einen besseren Schutz für private Trader. Dadurch wird sich einiges auf dem Handelsplatz ändern – und vieles zum Besseren.

Von Ivan Gowan

Begrüßenswert ist zunächst, dass binäre Optionen in der gesamten Europäischen Union verboten werden. Dies sind fixe Quotenwetten, die nur zwei Zustände annehmen können: Entweder ein Marktereignis findet statt oder nicht. Der Anleger wird durch diese hochriskanten Wetten über alle Maße benachteiligt. Denn entweder gewinnt er – wobei er nur 90 Prozent des möglichen Gewinns erhält – in einigen Fällen behält der Plattformbetreiber bis zu 25 Prozent ein – oder er verliert das eingesetzte Kapital vollständig. Mit diesem Verbot geht die ESMA einen Schritt in die Richtung des verbesserten Anlegerschutzes.

Bei CFDs wird der Handel einem strikteren Rahmen unterzogen. Ein Negativsaldo, also mehr Kapital zu verlieren als ein Trader eingesetzt hat, war zwar schon vorher in Deutschland untersagt. Nun gilt diese Schutzmaßnahme jedoch EU-weit. Damit kann jemand, der sich in CFDs engagiert, nicht mehr verlieren, als er als Kapital eingesetzt hat.

Eine der zentralen Punkte der neuen Regelung ist die Beschränkung des maximalen Hebels auf 1:30 bei Major-Forex-Paaren und für andere Währungspaare, die wichtigsten Indizes sowie Gold auf 1:20. Früher boten einige skrupellose Betreiber eine Hebelwirkung von bis zu 1:1000 an, was den Händler immer benachteiligte. Kleinere Indizes und Rohstoffe wurden auf 1:10 limitiert. Bei Aktien beispielsweise ist nur noch ein Hebel von 1:5 gültig. Der kleinste maximale Hebel von 1:2 gilt bei den Kryptowährungen.

Bei den Bemessungen der maximalen Hebel hat sich die ESMA an der Volatilität orientiert. Allerdings sind künftig sind nur noch solche Positionen interessant, die eine entsprechende Marge bieten. Mitunter weichen Trader bei diesen Werten auf Futures aus, die eine ausreichende Intraday-Marge versprechen. Der Gesetzgeber möchte mit der Limitation der möglichen Hebelsätze einen weiteren Schutz für den Trader gewähren. Die Limitierung des Hebels wird daher für einige Werte spürbare Auswirkungen haben. Es bleiben aber immer noch genügend interessante Werte, die eine gute Rendite versprechen – bei gleichzeitig geringerem Risiko für das eingesetzte Kapital.

Ein weiterer Punkt ist das automatische Close-Out, das wirksam wird, wenn sich der Verlust aller offenen Positionen auf über 50 Prozent der geforderten Margin beläuft. Gegenwärtig konnte der Broker diesen Zeitpunkt anhand des individuellen Risikoprofils des Traders selbst festlegen. Diese Maßnahme verstärkt gerade den Schutz privater Trader, die sich noch am Anfang ihrer Händlerkarriere befinden. Bei neuen Tradern mit noch nicht so ausgeprägten Trading-Strategien ist dies ein Automatismus, der verhindert, dass das gesamte Kapital gleich anfangs verloren geht. Denn das Handeln mit CFDs bedarf auch einer gewissen Erfahrung, die aufgebaut werden muss. Aber auch erfahrene Händler kommen in den Genuss einer zusätzlichen Absicherung.

Für professionelle Kunden, die anspruchsvoller und solventer sind, gelten diese neuen Beschränkungen nicht. Falls jemand mit höherem Hebel handeln will und die erforderlichen Kriterien nachweist, kann er sich bei seinem Plattformbetreiber als professionellen Kunden kennzeichnen lassen. Er sollte sich aber auch im Klaren sein, dass er mit höherem Risiko handelt.

Auch die Kommunikation und Werbung wird durch die neuen ESMA-Regeln positiv beeinflusst. Künftig sind Incentives für Trader nicht mehr zugelassen. Damit verhindert der Gesetzgeber, dass Handelsplattformen Druck auf Trader ausüben, beispielswese indem sie ihnen eine Bonuszahlung bieten, um in einer bestimmten Zeit möglichst viele Trades durchzuführen – obwohl die Situation auf dem Markt ungünstig erscheint. Somit werden Händler von unseriösen Plattformen nicht zu übereilten Aktivitäten verleitet – ein wichtiger Schritt hin zu einem umfassenderen Schutz des Händlers.

Ein großer Schritt hin zu mehr Transparenz bildet die Verpflichtung der Plattformanbieter, eine standardisierte Risikowarnung mit dem Prozentsatz der Kunden, die im letzten Quartal Kapital verloren haben, auszuweisen. Diese für die EU neue Regelung wird in den USA bereits angewandt und ist somit im Markt erprobt. Ein Mehr an Transparenz ist ebenfalls begrüßenswert, denn so können Trader unter den Plattformanbietern Spreu von Weizen trennen.

Woran erkennt man seriöse und stabile Handelsplattformen? Jedenfalls werden diejenigen, die ihr Geschäftsmodell auf eine solide Basis gelegt haben, die ersten sein, die das neue Regelwerk der ESMA aktiv umsetzen. Im Gegensatz dazu werden die Broker, die der ESMA-Regulierung nicht entsprechen, ihre Geschäftstätigkeit aufgeben müssen – was bereits der Fall ist. Schließlich ist das ein guter Schritt, weniger „wilden Westen“ auf den Finanzplätzen zu erlauben.

Ivan Gowan ist CEO des Fintechs Capital.com.

20.07.2018 | 00:03

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