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Die Illusion der Fusion

ProSiebenSat.1 und Axel Springer reden miteinander über eine mögliche Fusion. Die Medien hierzulande feiern das Vorhaben schon als „europäisches Gegengewicht zu Google“ oder „deutsche Digitalrevolution“. In Wahrheit sind weder der Plan noch die Konsequenzen sicher.

BÖRSE am Sonntag

ProSiebenSat.1 und Axel Springer reden miteinander über eine mögliche Fusion. Die Medien hierzulande feiern das Vorhaben schon als „europäisches Gegengewicht zu Google“ oder „deutsche Digitalrevolution“. In Wahrheit sind weder der Plan noch die Konsequenzen sicher.

Fusionen besitzen ein großes Potential. Schon wortgeschichtlich sind Fusionen hochgradig energiegeladen. Im besten Fall soll die freigesetzte Energie zu ökonomisch interessanten Synergieeffekten führen. Und genau das erhoffen sich ProSiebenSat.1 und der Axel Springer Verlag von ihren bislang geheimen Verhandlungen über einen Zusammenschluss. Dass Berlin und München sich gut verstehen, mag recht selten vorkommen. Aber die beiden Medienkonglomerate Axel Springer und ProSiebenSat.1 liebäugeln nicht nur schon lange miteinander, sie sind bereits eng liiert. So wird beispielsweise das erfolgreiche Sat.1-Frühstücksfernsehen vom Springer-Ableger MAZ & More produziert. Der Nachrichtensender N24 gehörte bis 2010 zu ProSiebenSat.1 und seitdem zu Axel Springer. Trotzdem ist N24 auch weiterhin der Nachrichtenlieferant für Pro Sieben, Sat.1 und Kabel eins.

Interessant sind auch die Aktienentwicklungen der beiden Unternehmen. Denn sie ähneln sich kurzfristig sehr. Und beide geben positive Trendsignale. ProSiebenSat.1 hat sich inzwischen wieder von der Rücktrittsmeldung von Stefan Raab erholt und legte in dieser Woche – befeuert von den Fusionsgerüchten – immerhin um rund 2,6 Prozent zu. Bei der Axel Springer-Aktie sieht die Lage trotz der insgesamt angespannten Börsenmarktsituation sogar noch besser aus: Am Ende der Woche steht ein Plus von rund 5,5 Prozent.

Langfristig betrachtet sieht das Buch völlig anders aus. Denn die ProSiebenSat.1-Aktie hat das Wertpapier des Berliner Verlagshauses deutlich überflügelt. Der Wert des Papieres hat sich in den letzten fünf Jahren im Wert vervierfacht: ProSiebenSat.1 hatte vor fünf Jahren eine Börsenkapitalisierung von etwa drei Milliarden Euro, Springer war damals knapp vier Milliarden wert. Heute ist das Bild ein völlig Anderes: ProSiebenSat.1 ist fast zehn Milliarden Euro wert, Springer hingegen ist bei 4,7 Milliarden hängengeblieben. Das bedeutet: Thomas Ebeling, der den großen privaten Fernsehkonzern führt, war überaus erfolgreich, die Medienmanager im Springer-Hochhaus hingegen nicht. Die Axel Springer SE hat sich sogar schlechter entwickelt als der Markt! Seit den letzten Gespräche über eine Fusion vor neun Jahren haben sich auch die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt. Während Springer vor neun wie vor fünf Jahren noch der etwas größere Partner unter zwei nahezu ebenbürtigen Mitbewerbern war, ist ProSiebenSat.1 jetzt doppelt so groß! Lediglich bei der Dividendenrendite erfreuen beide Konzerne gleichermaßen ihre Anleger mit über 3,5 Prozent Rendite – ProSiebenSat.1 zahlt 1,60 Euro, Axel Springer 1,80 Euro.

Der Axel Springer Verlag verdient sein Geld längst nicht mehr nur durch Print. Von den meisten Druckerzeugnissen trennte sich der Konzern im letzten Jahr, viele bekannte Titel gingen an die Funke Mediengruppe. Eine digitale Offensive in den vergangenen Jahren hat den Konzern sozusagen ins 21. Jahrhundert befördert und viele Online-Engagements ermöglicht. So gehören zur Axel Springer Gruppe zum Beispiel die Internetportale Idealo, Immonet und StepStone. Doch das reicht noch lange nicht für einen europäischen Gegenpol zu erfolgreichen Internetfirmen wie Facebook oder Netflix. Auch deshalb, so spekulieren Experten, sucht Springer einen digitalen Partner, um als riesiger Medienkonzern eine größere Durchschlagskraft zu erlangen.

Aus einer weißen Villa am Rhein in Bonn könnte den Fusionsträumern aber ein Strich durch die Rechnung gezogen werden. Denn dort sitzt das Bundeskartellamt, das bereits 2006 „Nein“ sagte zu einem Zusammenschluss. Kartellrechtler sind sich uneinig wie ein mögliches Verfahren ausgehen könnte. Helmut Janssen von der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft ist Experte in deutschem und europäischem Kartellrecht. Der Börse am Sonntag sagte er, dass er eine mögliche Fusion kritisch sieht: „Zwar sitzt inzwischen anderes Personal im Bundeskartellamt und auch die Prüfungsmaßstäbe haben sich im Vergleich zu 2006 geändert. Aber eine Zustimmung zu bekommen ist, trotzdem noch schwierig“. Denn das Problem der „marktbeherrschenden Stellung“ und „crossmedialer Effekte“ sei insbesondere auf dem Werbemarkt nach wie vor gegeben.

Die Medienlandschaft hat sich in den letzten zehn Jahren drastisch gewandelt. Kartellrechtliche Probleme sind aber geblieben oder haben sich vielleicht sogar verstärkt. Neben der rechtlichen Frage, herrscht aber auch Unklarheit über die Machtverhältnisse und die neuen Führungsaufgaben der möglichen Fusionspartner: Wer hat die „Fernsehschuhe“ (die Stefan Raab mit diesen Worten kürzlich an den Nagel gehängt hat) bzw. die Medienhosen an?

Rein größentechnisch ist ProSiebenSat.1 inzwischen das mächtigere Unternehmen und müsste daher die führende Rolle spielen. Auch der Erfolg der letzten Jahre würde ProSiebenSat.1 eher die Rolle als Senior Partner geben. Das war etwa vor zehn oder gar vor 20 Jahren - als die ersten Liebeleien der beiden Medienhäuser begannen - noch nicht der Fall. In Sachen Umsatz liegt Axel Springer zwar mit über drei Milliarden Euro zu knapp 2,9 Milliarden von ProSiebenSat.1 noch leicht vorne. Aber bei vielen anderen entscheidenden Größen wie bei den Werbeeinnahmen ist das Münchener Medienhaus klar an der Spitze. 2014 nahm ProSiebenSat.1 Media 2,1 Milliarden Euro an Werbegeldern ein, während sich die Zahl bei Axel Springer auf 1,8 Milliarden belief. So ohne weiteres werden die Berliner das Feld der Führung aber trotzdem nicht räumen wollen. Zu eitel und stolz ist das Verlagshaus ob seiner Tradition und Geschichte seit 1946, um schnell den Namen und Macht an das vergleichbar junge Medienunternehmen mit Sitz in Unterföhring zu geben. Und dann wäre da noch Friede Springer, die Witwe des Firmengründers Axel Springer, die den Konzern derzeit als größte Anteilseignerin kontrolliert. Ihre Macht und Rechte im Medienhaus möchte sie durch eine Fusion gewiss nicht verlieren. Nebst diesen Streitigkeiten ist für Springer ohnehin zweifelhaft, ob die ProSiebenSat.1 Mediengruppe bei Betrachtung des Portfolios der richtige Partner ist. Zwar sind die Unterföhringer an einigen Online-Firmen beteiligt, aber insgesamt ist das Geschäft sehr stark auf klassische, lineare Fernsehformate ausgerichtet. Aus einer digitalen Sicht liegt das größte Potential womöglich in Maxdome, dem deutschen Netflix, das zu 100 Prozent zu ProSiebenSat.1 gehört.

Die beiden Vorstandsvorsitzenden, Thomas Ebeling und Mathias Döpfner, haben also noch viele geheime Gespräche zu führen, um all das fast konspirativ zu klären, das die Öffentlichkeit seit Tagen aushandelt. Die Medien überschlagen sich mit kontroversen Meinungen. Facebook Deutschland wollte sich zur medial breit proklamierten Angst vor der Fusion nicht äußern. Aber eine wirkliche Gefahr für die amerikanischen Digital-Giganten sieht in dieser potentiellen Fusion wohl kaum ein Betrachter ernsthaft. Wünschenswert wäre eine ausgleichende Größe aus Deutschland schon, aber die Machtverhältnisse sind zu klar als dass in kürzester Zeit ein europäisches Google, Facebook oder ähnliches eine reale Marktchance hätte. Im Moment profitieren die beiden Aktien von Axel Springer und ProSiebenSat.1 jedenfalls von der brodelnden Gerüchteküche.

WCW