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Wann wird Syrien für Anleger wieder attraktiv?

Welche Bau- und Ausrüsteraktien werden vom Wideraufbau Syriens profitieren?

Die Altstädte in Syrien warten auf ihre Auferstehung, den Wiederaufbau also. So dunkel der Dezemberhimmel hier jetzt ist, so sehr werden sich Baufirmen und Leuchtmitelhersteller schon bald über Aufträge freuen. (Bild: Handelsblatt/rtr)


Tag für Tag fordert der Krieg in Syrien neue Todesopfer, geht die Zerstörung der Städte und Kulturstätten weiter. Wer möchte da schon vom Wiederaufbau sprechen? Noura Alsaleh tut es. Die Architekturstudentin, die aus Aleppo stammt und seit vier Jahren in Deutschland lebt, macht sich Gedanken über die „Stunde null“, jenen ersehnten Augenblick, an dem die Waffen endlich schweigen.

An der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus hat Alsaleh gerade eine Masterarbeit zum Wiederaufbau der weitgehend zerstörten Altstadt von Aleppo vorgelegt. Dort hat sie den Studiengang World Heritage Studies belegt, der sich seit 1999 mit Fragen der Denkmalpflege an Welterbestätten befasst. Die Studentin hat für ihre Abschlussarbeit Erfahrungen aus anderen Städten ausgewertet, in denen nach einem Krieg zerstörte Kulturdenkmale wieder aufgebaut wurden, von der Dresdner Altstadt über die Rekonstruktion der romanischen Kirchen in Köln und der Alten Brücke in Mostar bis zum Wiederaufbau der vom libanesischen Bürgerkrieg gezeichneten Metropole Beirut.

Identitätsstiftende Bauwerke

„Es geht nicht ohne die Menschen, die früher in der Stadt gelebt haben.“ So lautet der Schluss, den Noura Alsaleh aus ihren Untersuchungen gezogen hat. „Wir müssen analysieren, was die zerstörten Gebäude für die Menschen bedeutet haben, welchen Wert die Straßen und Alleen für sie hatten“, fordert die Tochter eines Architekten-Ehepaars. Es dürfe nicht primär um den ökonomischen oder touristischen Wert gehen, sondern vor allem um den Wert, den die Gebäude für die Identität der Bewohner hätten.

Die Altstadt von Aleppo zählt zum Weltkulturerbe der Unesco. Das hat sie ebenso wenig vor der Zerstörung gerettet wie viele andere historisch und kulturell wertvolle Stätten, die schwer beschädigt oder völlig ausradiert wurden. Die bösartige Vernichtung der archäologischen Stätten in Nimrud und Palmyra durch den so genannten „Islamischen Staat“ hat im vergangenen Jahr weit über die Fachwelt hinaus Bestürzung ausgelöst. Die syrischen Städte wie Aleppo und Homs werden durch Beschießungen und Bombardierungen vor allem seitens des regierenden Assad-Regimes schwer getroffen.

Einnahmen aus Raubkunst

Aber die Zerstörungen, die der IS am kulturellen Erbe der Region durchführt, sind präzise geplante Aktionen fernab akuter Kriegshandlungen – Vernichtungsschläge gegen eine vermeintlich „unislamische“ Kultur, die von einer dröhnenden Propaganda begleitet werden. In Videobotschaften begründeten Sprecher des IS etwa die Zerstörung der Tempelanlagen von Nimrud damit, dass die Stätten mit dem Islam nicht vereinbar seien. Gleichzeitig lässt der IS die Grabungsstätten durch Raubgräber regelrecht ausplündern und verdient an deren Einnahmen kräftig mit – Einnahmen, die auch aus Europa und Nordamerika fließen.

Wie der IS seinen Vernichtungsfeldzug gegen das kulturelle Gedächtnis des Nahen Ostens propagandistisch ausschlachtet, erläutert Friederike Fless, Präsidentin des in Berlin ansässigen Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin: „Der IS hat die Zerstörung von Nimrud bereits im März 2015 angekündigt, die Zerstörungen wurden aber erst ab Mitte April durchgeführt. Da sollten erst einmal die internationalen Reaktionen in Presse und Politik abgewartet werden.“

Auswertung via Satellit

In der Oasenstadt Palmyra, die im Mai mitsamt ihrem reichen archäologischen Erbe aus zwei Jahrtausenden in die Hände des IS gefallen ist, gehen seither die Zerstörungen unvermindert weiter. Wie Auswertungen von Satellitenbildern zeigen, hat der IS unter anderem den berühmten Baaltempel aus dem ersten Jahrhundert nach Christus und das zuvor gut erhaltene Hadrianstor an der römischen Prachtstraße der Stadt gesprengt. Seit einiger Zeit gäbe es jedoch keine neuen Propagandavideos über die Kulturzerstörung, erklärt Friederike Fless. Das ließe darauf schließen, dass der IS derzeit stark unter Druck stehe.

Über den Zustand der archäologischen Stätten im Kriegsgebiet seien die Archäologen gut informiert, erklärt die Präsidentin des Instituts, das zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Einerseits würden ständig aktuelle Satellitenaufnahmen ausgewertet. Andererseits sei die Fachwelt gut vernetzt und habe bis heute Kontakte ins Kriegsgebiet und sogar in die vom IS besetzten Regionen. Die Archäologen, die noch nicht aus den vom IS besetzten Regionen geflohen sind, befinden sich in großer Gefahr, wie die Ermordung des Archäologen Khaled Asaad im August gezeigt hat. Asaad hatte 40 Jahre lang die Erforschung der Ausgrabungsstätten in Palmyra geleitet und war vom IS entführt, gefoltert und schließlich geköpft worden.

Diskret und unterhalb der politischen und militärischen Ebene haben deutsche Einrichtungen wie das DAI, das Museum für Islamische Kunst in Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in Syrien Netzwerke gebildet, die seit vielen Jahren bestehen und für die Zeit nach dem Krieg von großer Bedeutung sein werden. Zum Beispiel werden in Berlin derzeit Grabungszeichnungen, Aufmaße von archäologischen Stätten und alte Stadtpläne digitalisiert, damit sie in Syrien für den Wiederaufbau verwendet werden können.

Aufbau von Netzwerken

In Stuttgart hat der von Architekten gegründete Verein Freunde der Altstadt von Aleppo seit 2008 ein Archiv mit Gebäudeplänen aus der Altstadt aufgebaut. „Der Wiederaufbau wird ein riesiges logistisches Problem, aber für viele Orte gibt es detaillierte Pläne, die verwendet werden können“, erklärt Friederike Fless. „Und wir haben viele Erfahrungen beim Wiederaufbau zerstörter Städte – auch negativer Art.“

Deutschland fördert zudem die Ausbildung von Archäologen und Handwerkern in Jordanien und dem Libanon, um daran mitzuwirken, dass für den Wiederaufbau das notwendige Know-how bereit steht. Studenten in Cottbus planen, nach Deutschland geflohene Fachleute aus Syrien zusammenzubringen, um im Exil neue Netzwerke im Hinblick auf die „Stunde null“ aufzubauen.

Dies alles baut auf Beziehungen auf, die zum Teil seit Jahrzehnten aufgebaut wurden. „Unterhalb der politischen Ebene des Assad-Regimes war ungeheuer viel möglich“, sagt Bauforscher und Denkmalpfleger Leo Schmidt, der an der BTU Cottbus den Studiengang World Heritage Studies leitet. So pflegt er Beziehungen etwa zur Universität Aleppo, die bis heute ihren Betrieb unter schwierigsten Bedingungen aufrechterhält.

Ideen für den Wiederaufbau

Auch Noura Alsaleh hält die Vision eines zumindest teilweisen Wiederaufbaus ihrer Stadt Aleppo am Leben. „Was wir unbedingt verhindern müssen, ist eine unregulierte Rekonstruktion der Altstadt“, sagt sie. „Nach dem Krieg wird es zuerst darum gehen müssen, schnell neuen Wohnraum aufzubauen. Das sollte man aber außerhalb der Altstadt tun. Für die Altstadt sollten wir uns Zeit lassen, damit wir nicht noch die letzten Überreste zerstören, die dann noch zu finden sein werden.“

Doch wann dies so weit sein wird, kann niemand sagen. Der Krieg ist nicht vorüber, sondern wird durch die Einmischung weiterer Parteien nur immer komplexer. Noura Alsaleh wird sich bis auf weiteres auf die Forschung in Deutschland beschränken müssen. Als nächstes hofft sie auf ein Dissertationsstipendium. Sie möchte ihre Ideen für den Wiederaufbau weiter vertiefen. Auf dass sie eines Tages Wirklichkeit werden können. Handelsblatt / Johannes Wendland

28.12.2015 | 13:21

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