boerse am sonntag - headline

Beckenbauer findet seine alte Liebe wieder

(Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb | WEREK)



Webinar

Jobsalle Jobs

Ein Sprichwort sagt, alte Liebe rostet nicht. Nach einer langen Odyssee hat der deutsche Fußball-„Kaiser“ Franz Beckenbauer seinen alten Mercedes wieder gefunden. Eine fast royale automobile Wiedervereinigung.

Als Spieler feierte er Erfolge, war Europameister, Champions-League-Sieger, Europapokalsieger der Pokalsieger und mit Bayern München fünf Mal Deutscher Meister. Als Trainer holte er die Weltmeisterschaft 1990 nach Deutschland, wurde 1986 Vizeweltmeister, UEFA-Cup-Sieger 1996 mit Bayern und Deutscher Meister 1994 mit Bayern. Franz Beckenbauer ist und bleibt eine deutsche Legende, selbst wenn ihm die Schweitzer Ermittlungsbeörden im Jahr 2016 Geldwäsche, Betrug und Veruntreuung rund um die Fußball-WM 2006 vorwarfen.
 
Erste Erfolge – Vom Käfer in den blauen Benz
 
Vom ersten finanziellen Erfolg als Spieler konnte sich Beckenbauer sein erstes Luxusauto kaufen. Einen blauen Mercedes 450 SEL 6.9. Der wurde Mai 1975 als neues Spitzenmodell der Marke auf den Weg gebracht. Hubraum 6.834 cm³ und eine Nennleistung von 286 PS bei einem maximalen Drehmoment von 550 Nm bei 3.000/min powerten die Sänfte nach vorn. Im Test der „Automobil Revue“ 1976 wurden 0–100 km/h in 7,8 Sekunden, 0–200 km/h in 33,7 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 237 km/h erreicht, der Gesamttestverbrauch betrug 19,9 Liter auf 100 Kilometer. Der SEL mit dieser großen Maschine war das Beste, was man damals in Deutschland kaufen konnte. Wie eine Sänfte trug einen das Luxusgeschoss durch die Welt und hatte Power ohne Ende. Doch der Sportwagen ist dabei immer eine Luxuslimousine geblieben, die einen über jede Bodenwelle hinweg hob.
 
Preislich war das Auto schon damals eine Klasse für sich. Die Preisliste Nr. 16 mit Datum vom 28. Januar 1976 listete 69.930,00 DM als Grundpreis für das Topmodell der Baureihe 116. Unter Berücksichtigung der Inflation entspricht das einer heutigen Kaufkraft von etwa 93.824 Euro. Viel Geld also damals schon. Eigentlich konnten sich das Modell nur Wirtschaftsbosse, legendäre Kunst- und Kultgrößen aus der Musikbranche oder eben Fußballprofis leisten. Im Jahr 1976 kaufte sich Franz Beckenbauer seinen blauen Mercedes, ein Jahr später, 1977, als der Fußballstar nach New York wechselte, verkaufte er das Schmuckstück wieder.
 
Eigentlich zufällig kam Beckenbauer zum Benz. Der damalige Mercedes-Chef hatte ihn angerufen und gesagt: „Gönn dir mal einen richtigen Wagen!“ Für den Kaiser war das damals ein richtiger automobiler Aufstieg, denn bis dato fuhr er einen VW Käfer, den es 1974 als Prämie für den WM-Titel gab.
 
Nun hat der 76-Jährige sein Gefährt zurück – und schwelgt in Erinnerungen. Beckenbauer hatte das Auto, das mittlerweile den Status eines Kultautos innehat, 44 Jahre nicht gesehen. Doch 2021 fand der „Kaiser“ den Traumwagen der Jugend wieder. Auch hier spielte ihm das Glück in die Hände: Seinem Freund, dem Salzburger Unternehmer Daniel Bauchinger, war der Wagen angeboten worden. Eigentlich wollte er ihn kaufen, aber er rief Beckenbauer an und sagte, dass er das Vorkaufsrecht habe. Der Fußballstar und Trainerlegende sagte sofort ja. „Denn so schließt sich ein Kreis des Lebens für mich“, erklärt Beckenbauer.
 
Auch technisch war der Benz damals auf dem neuesten Stand. Warteten Autoliebhaber noch in die 90er Jahre auf Klimaanlage, elektrische Fensterheber u.a. – der Benz war voll ausgestattet, hatte sogar ein Autotelefon an Bord.
 
An sein altes neues Gefährt muss sich Beckenbauer nun aber erst gewöhnen: „Ich hatte ganz vergessen, dass der ja schwer wie ein Panzer ist und keine Servolenkung hat. Aber auf die Landpartien freue ich mich schon“. Selbst wenn das damals eingebaute Telefon nicht mehr funktioniert, der Wagen mit dem beigen Veloursitzen und dem Schiebedach ist der ideale Reisebegleiter für einen, der die ganze Welt gesehen hat und jetzt langsam durch seine bayerische Heimat cruisen möchte. Mit seinem Oldtimer-Kennzeichen kann der „Kaiser“ sogar in die Grüne Umweltzone und sich auf der Münchner automobilen Protzmeile, der Leopoldstraße, in den Korso der schicken Wagen einreihen. Nötig aber hat er es nicht.
 
Wenn Brüssel mit seinem Aus für Benziner und Dieselmotoren ab 2035 Ernst macht, kann das Beckenbauer erst einmal nicht aus der Ruhe bringen – denn Oldtimer sind schützenswertes und zu erhaltendes Kulturgut. Dies gilt natürlich nur solange wie sich EU-Bürokraten nicht vom Gegenteil überzeugen lassen.                 

Stefan Groß-Lobkowicz

Lesen Sie auch: Dax saugt MDax aus

29.09.2021 | 10:36

Artikel teilen: