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Gurlitt: Mehr Nazi-Raubkunst

Gurlitt

Aus der Sammlung des jüdischen Anwalts Armand Dorville, bei Gurlitt gefunden: Bildnis einer Dame von Jean-Louis Fourin, 1852 - 1931 (Bild: Taskforce Schwabinger Kunstfund)

Ebenfalls aus der Sammlung: Max Beckmanns „Löwenbändiger“ (Bild: www.lostart.de)

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Zuvor quasi noch nie gesehen: Berhard Kretschmar, „Straßenbahn“ (Ausschnitt), aus der Sammlung Gurlitt (Bild: www.lostart.de)


Jüngste Erkenntnisse zum Fall Cornelius Gurlitt. Nach langem Kompetenzgerangel arbeitet nun eine neue Forschergruppe an dem so umstirttenen wie geheinnisvollen Nachlass. Jetzt wurden vorläufige Zwischenergebnisse veröffentlicht. Danach dürfte sich der Anteil an Raubkunst erhöhen.

Die „Taskforce Schwabinger Kunstfund“ hatte bis Ende 2015 in den Privatsammlungen von Cornelius Gurlitt (1932-2014) nur bei elf raubkunstverdächtigen Werken die Herkunft lückenlos klären können. Lediglich in fünf Fällen ließ sich eindeutig NS-Unrecht nachweisen. Diese Woche konnte das Nachfolgeprojekt „Provenienzrecherche Gurlitt“ weitere 91 Werke vorstellen, bei denen begründeter Verdacht auf Nazi-Raubkunst besteht; darunter Werke von Henri Toulouse-Lautrec, Max Liebermann, Edvard Munch und eine Rembrandt-Graphik.

Angesiedelt im Zentrum Deutsche Kulturgutverluste Magdeburg hat ein 20-köpfiges Team 502 Werke vorrangig untersucht und mehr Belege für Raubkunst-Verdacht gefunden. Zwischenergebnis ist weiterhin, dass 33 Verdachtsfälle „Entartete Kunst“ als unbelastet aufgeklärt werden konnten. Die Herkunftsmuseen hatten sie schon vor 1933 erworben. Der Salzburger Nachlass von Gurlitt ist inzwischen mit 189 Werken digitalisiert und im Internet unter www.lostart.de abrufbar. Im Bundesarchiv werden zusätzlich die Geschäftsbücher von Cornelius‘ Vater Hildebrandt Gurlitt zugänglich gemacht. Dieser war Kunsthändler, der auch für die Nazis arbeitete.

Cornelius Gurlitt hat das Kunstmuseum Bern als Erben eingesetzt. Uta Werner, Cousine von Cornelius Gurlitt, bestreitet die Testierfähigkeit ihres Cousins in seinen letzten Lebensmonaten. Seit anderthalb Jahren kämpft sie vor Gericht um die umstrittene, millionenschwere Kunstsammlung, die dieser erst kurz vor seinem Tod 2014 dem Kunstmuseum Bern zugesprochen hattte. Der Streit ist anhängig beim Oberlandesgericht München.

2012 hatte man in einer Münchner Wohnung rund 1.500 bedeutende Kunstwerke entdeckt. Die Wohnung eher schäbig, die Werke aber gut erhalten, ordnungsgemäß gelagert, viele Millionen wert: die Sammlung Gurlitt. Doch erst im Jahr drarauf kam die Sache ans Licht. Und es gab viele Fragen: Wo sind die Bilder her? Gehören sie alle ihm? Am 6. Mai 2014 starb Cornelius Gurlitt, und die Fragen wurden lauter: Was passiert mit seinem fast unschätzbar wertvollen Nachlass?

Spektakuläre Erkenntnisse der Task Force

Identifiziert wurden im Laufe der letzten beiden Jahre relevante Zusammenhänge in einigen Fällen überhaupt erst im Zuge der so genannten „Final Review“ durch die Taskforce-Mitglieder, wie etwa im Fall zweier nun als nachweislich entzogen geltenden Aquarelle von Jean-Louis Fourin aus der Sammlung des jüdischen Anwalts Armand Dorville.

Abzüglich der bereits veröffentlichten vier Schwabinger-Schlussberichte (Matisse-Rosenberg und Liebermann-Friedmann, Juli 2014; Spitzweg-Hinrichsen, Oktober 2014; Menzel-Wolffson, Dezember 2015) galt es in Etappen von etwa Mitte Oktober 2015 an bis Anfang Januar 2016 insgesamt 495 Datenblätter zu ebenso vielen Kunstwerken zu überprüfen und zu bearbeiten.

Im Gros der Fälle reichte die Zeit hier gerade mal für eine Einschätzung, welche Positionen bei genauer Recherche vergleichsweise schnell geklärt werden könnten. Die Auswertung dieser „Master Review“, bestätigt Andrea Baresel-Brand als wissenschaftliche Leiterin der Taskforce auf Anfrage, hätte sie gemeinsam mit ihrem Team vorgenommen. Etwas mehr Zeit, etwas mehr Sorgfalt und nun: deutlich mehr einschlägig zum Kontext der Raubkunst zählbare Kunstwerke.Mit dem Zwischenbericht der Task Force aus Magedburg scheint nun ein Schritt in die richtige Richtung gelungen. sig / mit Material von Handelsblatt / Susanne Schreiber

19.07.2016 | 19:50

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