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Schwellenländeraktien – Hohes Ertragspotential lockt

Tilmann Galler (Bild: J. P. Morgan)

(Bild: Fotolia / Daniel Ernst)


Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung leben in Schwellenländern. Während der nächsten 30 Jahre dürfte die Bevölkerung derjenigen Länder, die wir derzeit als „Schwellenländer“ bezeichnen, um weitere zwei Milliarden anwachsen. Das bedeutet enormes Aufschwungpotential – Bevölkerungswachstum ist Wirtschaftswachstum.

Von Tillmann Galler

Nachdem sich die Bevölkerung Chinas seit 1960 mehr als verdoppelt hat, gehört der demographische Aufschwung des Landes inzwischen größtenteils der Vergangenheit an. Bis 2050 dürfte die Bevölkerung Chinas bei etwa 1,4 Milliarden verharren. Die indische Bevölkerung hingegen wird voraussichtlich um weitere 275 Millionen anwachsen. Doch Bevölkerungswachstum bedeutet, das mehr konsumiert und mehr produziert oder importiert wird. Auch wenn die demographischen Daten in Indien so gesehen günstiger sind, dürften sowohl Indien als auch China erheblich von einer fortgesetzten Urbanisierung profitieren.

Wenn Arbeiter von weniger produktiven Arbeitsplätzen im ländlichen Bereich auf produktivere Stellen in städtischen Regionen umsteigen, erhöhen sich in der Regel die Einkommen. Auch Verbesserungen im Bildungswesen werden die Produktivität steigern. Es wurden bereits erhebliche Fortschritte erzielt, die durchschnittliche Schulzeit liegt in Indien jedoch bei 6,3 und in China bei 7,6 Jahren, verglichen mit durchschnittlich 13 Jahren in den USA. Auch eine für die Wissenschaft qualifizierende Schulausbildung in Deutschland beträgt 13 Jahre.

Die Bewertungen sind nicht überhöht

Auch wenn die Schwellenländer potenziell deutlich schneller wachsen dürften als die Industrieländer, scheinen Schwellenländeraktien derzeit relativ konservativ bewertet zu sein. Ausgehend von derartigen Anfangsbewertungen waren die langfristigen Erträge auf Schwellenmarktaktien in der Vergangenheit stets hoch.

Das starke fundamentale Wachstumsumfeld in den Schwellenländern spricht für ein ordentliches, strukturelles langfristiges Engagement in den Portfolios der Anleger. In Zeiten deutlich überhöhter Bewertungen, wie beispielsweise im Jahr 2007, wäre es für Anleger ratsam gewesen, ihr Engagement in Schwellenländern zu verringern. Wenn die Bewertungen hingegen günstig erschienen, wie etwa nach der asiatischen Finanzkrise, dem Platzen der Dotcom-Blase, der Kreditkrise und dem jüngsten Einbruch der Rohstoffpreise, war dies stets ein sehr guter Zeitpunkt, um das Engagement in Schwellenländern zu erhöhen.

Hohes Ertragspotential in einem Niedrigertragsumfeld

Wir gehen davon aus, dass wir uns in der Spätphase des US-Konjunkturzyklus befinden. Anzeichen einer unmittelbar bevorstehenden Rezession sehen wir allerdings nicht. Zwischen dem jetzigen Zeitpunkt und der nächsten Rezession dürften sich Aktien aus Schwellenländern dank einer Erholung der Gewinne sowie des zyklischen Engagements gut entwickeln.

Wenn die nächste Rezession jedoch schließlich einsetzt, dürfte kein Aktienmarkt in der Lage sein, sich der kommenden Baissephase zu entziehen. Das gilt auch für die Schwellenländer. Für langfristig ausgerichtete Anleger bieten Aktien aus Schwellenländern zum jetzigen Zeitpunkt jedoch aus unserer Sicht die attraktivsten potenziellen Erträge, da die meisten anderen Anlageklassen niedrigere Erträge liefern dürften als in der Vergangenheit. Das Potenzial für ein durch hohes BIP-Wachstum angetriebenes starkes langfristiges Gewinnwachstum bietet Schwellenmarktaktien in Kombination mit angemessenen Ausgangsbewertungen eine gute Chance auf eine langfristige Outperformance.

Tilmann Galler ist Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt.

04.05.2018 | 00:24

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