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Geplantes Kulturgutschutzgesetz beeinflusst das Angebot

Emil Noldes „Helles Sonnenblumenbild“ von 1936 hat eine Schätzung von 1 bis 1,5 Millionen Euro. Quelle: Villa Grisebach, Berlin.

Emil Noldes „Helles Sonnenblumenbild“ von 1936 hat eine Schätzung von 1 bis 1,5 Millionen Euro. Quelle: Villa Grisebach, Berlin.

Dieser Weinkühler aus der Renaissance wird am 26. November 2015 im Rahmen der Orangerie-Auktion mit ausgefallenen Objekten aufgerufen. Quelle: Villa Grisebach, Berlin.

Dieser Weinkühler aus der Renaissance wird am 26. November 2015 im Rahmen der Orangerie-Auktion mit ausgefallenen Objekten aufgerufen. Quelle: Villa Grisebach, Berlin.


Das Angebot der für die kommende Woche angestzten Villa Grisebach-Auktionen füllt acht Kataloge. Von der Gotik bis zur Gegenwart spannt sich der zeitliche Rahmen. Für jedes Portefeuille ist etwas dabei. Die mittlere Gesamtschätzsumme liegt bei 23 Millionen Euro.


Die Verschärfung des deutschen Kulturgutschutzgesetzes wirft ihre Schatten voraus. Sie dezimiert das Angebot an hochkarätigen Werken der Klassischen Moderne in den deutschen Herbstauktionen. Denn ein Teil der Sammler wartet ab, der andere verlagert Wertvolles ins Ausland. Das gilt auch für die Jubiläumsauktion Nr. 250 der Villa Grisebach vom 26. November 2015, in der 65 Lose ausgeboten werden. Von ihnen ist nur ein Dutzend der Güteklasse A zuzurechnen.

Wichtigstes Los ist Emil Noldes „Helles Sonnenblumenbild“ von 1936 aus altem Hallenser Besitz, das auf eine bis 1,5 Millionen Euro angesetzt ist. Gerahmt wird dieses angenehme Bild von sechs  Aquarellen des Expressionisten, von denen eine glühende Marschlandschaft der frühen 1920er-Jahre museale Qualität hat. Sie war bis 1959 im Besitz der Nolde-Stiftung in Seebüll, ihr Schätzpreis liegt bei 250.000 bis 350.000 Euro.


Beckmann unter den Spitzenlosen

Zwei Werke von Max Beckmann, die zu den Spitzenlosen zählen, waren erst unlängst in angelsächsischen Auktionen. Das unvollendete Öl- und Kreidebildnis eines jungen Mädchens aus den ersten Jahren des Amsterdamer Exils ging im November 2010 bei Sotheby's, wo es auf 2,5 bis  3,1 Millionen Dollar geschätzt war, zurück. Die Provenienz Stephan Lackner und seine realistische Taxe von einer bis 1,5 Millionen Dollar machen es jetzt zu einem Wunschobjekt. Der „Holländische Radfahrweg“, 1940/42 in dem besetzen Land entstanden, war erst im Juni diesen Jahres in einer Christie’s Auktion, wo es bei einer Schätzung von 700.000 bis 800.000 Pfund durchfiel. Jetzt ist es auf 500.000 bis 700.000 Euro geschätzt. Marktfrisch ist dagegen das 1912 entstandene Beckmann-Gemälde „Stilleben mit gelben Stiefeln“, das eine moderate Höchsttaxe von 200.000 Euro hat.

Die Auktion beginnt mit Otto Modersohn und endet mit dem immer noch unterschätzten Bruno Goller. Ein moderat geschätzter später Liebermann, „Die Große Seestraße in Wannsee“, liegt bei 350.000 – 450.000 Euro und eine nächtliche Straßenszene von Lesser Ury, auf 150.000 bis 200.000 Euro taxiert, gehören zu den ersten ausgebotenen Werken. Den Mittelpunkt der Auktion setzen drei  der von Marcel Duchamp als Werkdokumentation publizierten „Schachteln“, mit denen der Künstler Reproduktionen seiner Hauptwerke und Werknotizen in handliche Boxen einschloss. Das teuerste dieser Multiples ist die als Miniaturmuseum konzipierte „The Box in a Valise“ von 1966, die mit 200.000 bis 300.000 Euro beziffert ist.

Konstruktivistische Werke von Laszlo Moholy-Nagy, Walter Dexel, Friedrich Vordemberge-Gildewart und ein 1930 datiertes Kandinsky-Aquarell haben Taxen bis 150.000 Euro. Von herausragender Qualität ist ein „Sitzender Akt mit blauem Kissen“ von Karl Hofer aus dem Jahr 1927, der in der Schandausstellung „Entartete Kunst“ figurierte; die Schätzung liegt bei 250.000 bis 350.000 Euro. Das apokalyptische Hofer-Gemälde „Der Rufer“ von 1938 hat liegt bei 180.000 bis 240.000 Euro. Vernünftig geschätzte Ölbilder von Willi Baumeister und Ernst Wilhelm Nay beherrschen die Endphase der Auktion.

Die „Orangerie“-Auktion ausgefallener Objekte am 26. November beginnt mit zwei Standfiguren aus der Werkstatt des Trecento-Bildhauers und Architekten Andrea Pisano, die Maria und den Verkündigungsengel verkörpern. Die über ein Meter hohen Marmorskulpturen zeigen eine starke Verwandtschaft mit der „Maria mit Kind“ im Dom zu Florenz, sind aber weniger fein ausgearbeitet (150.000 bis 200.000 Euro). Ob es sich um einen spätgotischen Waschbeckenständer oder einen Renaissance-Weinkühler mit dem Wappen des Dogen von Venedig handelt, um einen Bibliothekstisch von John Linnell oder um einen der seltenen Flussglas-Lüster der Berliner Manufaktur Werner & Mieth, Letzterer für geschätzte 90.000 bis 120.000 Euro: Das Angebot ist so kontrastreich, dass sich hier Sammler aller Couleur angesprochen fühlen können. Chinesische Käufer dürften sich für drei Möbelstücke aus der Ming-Dynastie interessieren, die 2006 in Maastricht angeboten wurden und Taxen von 60.000 bis 100.000 Euro haben. Die höchste Schätzung (200.000 bis 250.000 Euro) gilt zwei Sesseln in Kathedralenform des Pariser Art Déco-Ebenisten Jacques-Émile Ruhlmann.

Anspruchsvolle Menzel-Tranche


Die Sitzung mit Kunst des 19. Jahrhunderts, die am Beginn des Auktionsreigens steht, wird mit über 200 Losen recht umfangreich. Neben vielen vierstellig dotierten Werken, darunter zahlreiche Zeichnungen und Ölstudien, gibt es hier eine anspruchsvolle Menzel-Partie, in der das 1848 datierte Aquarellporträt  der Tochter des Justizministers Maercker mit 80.000 bis 120.000 Euro und das ein Jahr später entstandene Pastell „Urwähler“ mit 100.000 bis 150.000 Euro die Zimelien sind.

Zu den Werken, die eine Sonderstellung im Reigen vorbildlich katalogisierter Sammelstücke einnehmen, gehört ein Kücheninterieur von Wilhelm Leibl, das einst im Wohnzimmer von Max Liebermann hing (40.000 bis 60.000 Euro). Ein Los mit Signalwirkung ist das Bildnis einer Velletrinerin in Landestracht, eine von fünf Fassungen dieses vielgerühmten Sujets des Berliners Wilhelm Wach. Die Taxe für die hinreißende Lieblichkeit der ernsten Schönen liegt bei 60.000 bis 80.000 Euro.

Auch die zeitgenössische Kunst wird in einer Abendauktion am Folgetag, dem 27. November 2015, ausgeboten. Hier bestimmen rein numerisch Arbeiten der Zero-Künstler, Serigraphien von Warhol (zwei der winzigen „Flower“-Bilder sind auf 150.000 via 200.000 Euro angesetzt), eine Serie von Lüpertz-Bildern und Beispiele der neuen deutschen Figuration das Programm. Der in Berlin tätige syrische Maler Marwan ist derzeit international sehr begehrt. In der Villa Grisebach ist Marwan mit einem Porträt und einem monumentalen halbabstrakten Kopf von 1978 vertreten, der eine Taxe bis 250.000 Euro hat.

Handelsblatt / Christian Herchenröder

24.11.2015 | 18:52

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