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Trau, schau, wem? Börsenliteratur, die man kennen sollte

Wer an den Börsen langfristig erfolgreich sein will, muss hart arbeiten. Anleger müssen wissen, welche Mechanismen die Märkte bewegen. Dazu gehören z. B. Kenntnisse über Fundamentalanalyse, Charttechnik und Marktpsychologie.

BÖRSE am Sonntag

Die Kunst der erfolgreichen Spekulation besteht darin, aus der Fülle der Theorien durch Praxis eigene Erfahrungen und eine eigene tragfähige Theorie des Marktgeschehens zu erarbeiten. Die folgenden Literaturtipps werden Sie dabei unterstützen.

Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! (Kant)

Meiden Sie Börsenbücher, die schnellen Reichtum versprechen, denn die machen lediglich den Verlag und den Autor reich! Die Börse zählt zu den komplexesten Gebilden, die die moderne Zivilisation hervorgebracht hat. Wer an ihr erfolgreich teilnehmen will, muss sich ein möglichst breites Wissen über die sehr unterschiedlichen Mechanismen verschaffen. Fundierte Börsenliteratur wird Sie dazu ermuntern, ihre eigenen Theorien über das jeweilige Marktgeschehen zu entwickeln und diese immer wieder kritisch in der Praxis zu überprüfen.

Grau ist alle Theorie. Doch bunt ist die Erfahrung!

André Kostolanys Bücher sind Bestseller. Zu Recht. In seinem Klassiker „Die Kunst über Geld nachzudenken“ packt der Finanzberater, Journalist, Schriftsteller und erfolgreiche Spekulant mit seinem scherzhaften Plauderton die Wurzel aller Spekulation: Was bedeutet Geld für mich? Wie wird mein Geld aktiv? Und wie lasse ich das Geld anderer Leute für mich arbeiten? Kostolany bietet durch zahlreiche amüsante Anekdoten und informative Ausführungen nicht nur ein wahres Füllhorn an konkreten und nützlichen Antworten. Darüber hinaus analysiert er mit scharfem Blick die Veränderungen und Fehlentwicklungen, die Chancen und Risiken der Börse im 21. Jahrhundert. Kostolany gilt als Börsen-Guru. Er selbst hat sich von diesem Prädikat selbstironisch distanziert. Er beansprucht nicht, dass seine Leser durch die einfache Umsetzung seiner Tipps reich werden. Aber er sensibilisiert auf sehr unterhaltsame Weise dafür, dass die Börse zum größten Teil Psychologie ist. Daraus folgt für ihn ebenso die Absurdität aller Dogmen und Theorien, die eine absolute Wahrheit für sich beanspruchen, wie auch die Notwendigkeit für jeden Anleger, eigene Erfahrungen zu sammeln. Und hierfür sind Kostolanys Bücher ein exzellenter Ausgangspunkt. Kostolany: „Hausse ist Champagner, Mercedes und schöne Frauen, Baisse ist U-Bahn, ein Glas Bier und Mama.“ (André Kostolany: Die Kunst über Geld nachzudenken, Ullstein).

Charttechnik: Ein weites Feld

Um an der Börse bestehen zu können, müssen Sie sich an den Informationsquellen und Prognosetechniken orientieren, die für die Märkte relevant sind. Grundkenntnisse in der technischen Analyse bzw. Charttechnik sind deshalb ein Muss. Börse ist Psychologie. Die Charttechnik bietet eine hilfreiche Landkarte für diesen Dschungel der Emotionen wie Angst, Freude und Gier. An ihren Formationen orientieren sich weltweit nicht nur hochspezialisierte Day-Trader, sondern auch institutionelle Anleger, Fonds und die Handelsabteilungen der Banken. Das Standardwerk „Technische Analyse“ von Jack Schwager zeigt auch dem Laien leicht verständlich und sehr anschaulich auf fast 900 Seiten die Vielfalt der charttechnischen Grundinstrumente. Neben den Erklärungen der verschiedenen Chartarten, der Definition von Trends, Handelsspannen, Unterstützungen und Widerständen sowie typischen Chartmustern bietet Schwager sehr hilfreiche praktische Übungen und konkrete Tipps für die tägliche Praxis des Anlegers. Neben den Grundbegriffen der „traditionellen“ Charttechnik bietet er außerdem eine knappe aber sehr anschauliche Einführung in die japanische Candlestick-Analyse.

Nach der Lektüre dieses Meisterwerkes werden Sie einen klareren Blick nicht nur auf die verschiedenen Chartbilder der Aktien-, Rohstoff- und Devisenmärkte haben. Sie werden auch besser verstehen, dass sich die Börsen nicht immer an Fundamentaldaten orientieren, sondern auch an der durchschnittlichen Erwartungshaltung der Marktteilnehmer, die sich in den Chartbildern manifestiert.

Doch Vorsicht! Die mathematisch-statistische Methode der technischen Analyse suggeriert die Präzision einer exakten Wissenschaft. Das ist sie nicht. Viele verschiedene theoretische Ansätze, die ihre mathematische Methode zur Beschreibung und Prognose des Börsengeschehens bis in kleinste Details ausgefeilt haben, übersehen oft, dass die Charttechnik letztlich ein Modell für die Beschreibung von menschlichen Emotionen und der mentalen Verarbeitung von marktrelevanten Informationen ist. Trotz ihrer Prägnanz werden Chartbilder von den Marktteilnehmern unterschiedlich interpretiert. Sie geben deshalb grundsätzlich nur eine grobe Richtung des Börsengeschehens an. Dem trägt Schwagers Buch Rechnung, indem es nicht nach einer vermeintlich absolut richtigen Methode sucht, sondern dem Leser bei der Beurteilung von technischen Indikatoren Anregungen für eine persönliche Schwerpunktsetzung gibt. (Jack D. Schwager: Schwager on Futures. Technische Analyse. Erschienen beim FinanzBuch Verlag München in mehreren Auflagen).

Behavioral Finance: Erkenne dich selbst!

Mathematische Prognosemodelle sowie computerisierter Börsenhandel ändern nichts an der Tatsache: Letztlich sind Menschen für Kursbewegungen verantwortlich. Behavioral Finance ist eine relativ junge Wissenschaft der Finanzmärkte, die die Bedingungen für Entscheidungsfindungen und des Anlegerverhaltens untersucht. Das Platzen der amerikanischen Immobilienblase im Jahr 2008 und der anschließende Börsencrash zeigen eindrücklich, dass auch professionelle Investoren sich nicht allein an streng rationalen Kriterien der Profitmaximierung orientieren, sondern sich oft von ihren irrationalen Gefühlen leiten lassen. Joachim Goldberg und Rüdiger von Nitzsch erklären, wie Emotionen – z. B. Angst, Überheblichkeit und Hoffnung – die Wahrnehmung und Entscheidungsfindung in typischer Weise mitbestimmen. Basierend auf den bahnbrechenden Arbeiten von Amos Tversky und Daniel Kahneman zeigen sie durch den kognitionspsychologischen Ansatz, wie die individuelle Persönlichkeitsstruktur, Gedächtnis und Stimmung, Erwartungen, Wahrnehmung und Stress zu einem irrationellen Risikoverhalten und zu je unterschiedlichen Gewinn- und Verlustwahrnehmungen führen können. Mit vielen Fallbeispielen werden so nicht nur psychologische Auslöser für heftige Börsenbewegungen beschrieben. Den Autoren gelingt auf charmante Weise die Entlarvung typischer Fehler selbst der umfassend über das Börsengeschehen informierten Anleger sowie die Stärkung der Selbsterkenntnis des Lesers. (Joachim Goldberg, Rüdiger von Nitzsch: Behavioral Finance, FinanzBuch Verlag München).

Fazit

Sapere aude! Das Angebot an kompetenter Börsenliteratur ist enorm groß. Wer an den Börsen erfolgreich agieren will, muss sich mit ihrer Hilfe ein eigenes Bild machen und eigene Modelle über das Geschehen erstellen können. Kein Börsenbuch wird Ihnen die notwendige eigene Erfahrung ersparen können. Aber die Arbeit lohnt sich, denn Spekulationsgewinne, die durch eigene Überlegungen erzielt wurden, bieten neben dem finanziellen Gewinn auch ein intellektuelles Vergnügen.