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Die Gewinner des Ölcrashs


Positive Folgen hat der Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass sich jede Veränderung des Ölpreises von 10 Prozent in einer veränderten Wirtschaftsleistung von 0,2 Prozent nieder schlägt. Das heißt: Fällt der Ölpreis um 10 Prozent, sollte weltweit das Bruttoinlandprodukt um 0,2 Prozent zulegen.

Das deckt sich in etwa mit Berechnungen der UBS. Die Analysten der Bank sagen, dass bei einem Ölpreis von 85 Dollar je Barrel Brent ein positiver Effekt auf das globale Wirtschaftswachstum von 0,25 Prozent pro Jahr erwartet werden kann. Der bisherige Rückgang des Ölpreises um 30 Prozent dürfte - wenn sich der niedrige Preis hielte - demnach ein Wachstumsplus von 0,6 Prozent für das globale Bruttosozialprodukt bedeuten. Für Milliarden Menschen sind die niedrigeren Preise für Kraftstoff, Heizung und nicht zuletzt Lebensmittel, die mit hohem Energieeinsatz produziert und transportiert werden müssen, ein Segen.

Am stärksten profitieren Indien, China, Japan und Deutschland vom Ölpreisverfall. „Durch den Rückgang des Ölpreises auf unter 80 Dollar pro Barrel verringern sich für Deutschland die Kosten für Ölimporte um rund 18 Milliarden Euro im Jahr“, schätzt die Weberbank. Dies entspreche rund 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, so dass in den kommenden Quartalen ein höheres Wachstum zu erwarten sei. Die Großbank Unicredit kommt für das kommende Jahr unter dem Strich sogar auf eine Entlastung von etwa 35 Milliarden Euro für Unternehmen und Verbraucher. Sollte der Preis dauerhaft bei 60 Dollar verharren, kann Deutschland sogar mit 50 Milliarden Euro Entlastung rechnen.

Auch einige Schwellenländer, die stark auf Ölimporte angewiesen sind, werden enorm entlastet, darunter etliche asiatische Länder wie Taiwan, Thailand, Südkorea, Hongkong und die Philippinen. Auch die Türkei und Südafrika können erhebliche Vorteile aus der Entwicklung ziehen. Begünstigt werden, dürften auch die zentralosteuropäischen Länder Tschechien, Slowakei und Ungarn. Laut der Credit Suisse sind an den Finanzmärkten bei einigen dieser Länder die positiven Effekte noch nicht eingepreist.

Das billige Öl dürfte vor allem eines ankurbeln: den privaten Konsum. Ein Cent weniger Treibstoffkosten bedeutet eine Milliarde Dollar mehr frei verfügbares Einkommen, besagt eine alte Faustregel in den USA. Dementsprechend dürfte der Ölpreisrutsch wie ein riesiges Konjunkturprogramm wirken. "Das ist wie eine riesige Steuersenkung für die ganze Welt", meint Laurence Fink, Chef des Vermögensverwalters Black Rock. So stellen nach Ansicht der Credit Suisse die rückläufigen Energiepreise für die US-Verbraucher so etwas wie eine großzügige Steuersenkung dar.

Auch die Luftfahrtbranche gilt als großer Nutznießer des billigen Öls, denn der Treibstoff macht knapp ein Drittel der Betriebskosten aus. Kosteneinsparungen winken ebenfalls den Logistik-Konzernen und der Container-Schiffahrt. Deutschlands größte Reederei Hapag-Lloyd zum Beispiel kaufte im laufenden Jahr um gut fünf Prozent billiger ein. Deshalb überrascht es nicht, dass die Aktien von Luftfahrtgesellschaften und Reedern bei Anlegern gefragt sind. Zu einem ähnlichen Schluss kann man auch mit Blick auf die Spediteure kommen.

Auch für andere Industrien hat der niedrige Ölpreis positive Auswirkungen. So können die Pharma-, Chemiehersteller günstiger produzieren. Theoretisch sorgt ein Rückgang des Ölpreises um zehn Dollar je Barrel für eine Entlastung von sechs Milliarden Dollar für die europäische Chemiebranche. Und Autos werden bei geringeren Spritpreisen attraktiver.

Per Saldo kommt Giles Keating, Chefanalyst bei der Credit Suisse, zum Ergebnis, dass der niedrigere Ölpreis über seine positiven Effekte auf die Weltwirtschaft Risikoanlagen zum Jahresende und Anfang 2015 zugutekommen wird: Die Aktienkurse werden wohl steigen. Fällt der Ölpreis um 20 Prozent - wie in den vergangenen zwölf Monaten - dürften sich die Unternehmensgewinne theoretisch um zwei Prozent erhöhen, hat die Investmentbank Goldman Sachs errechnet. Tatsächlich ist er aber bereits um 50 Prozent gefallen.

Wirtschaftskurier

05.01.2015 | 12:10

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