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Goldpreis wird steigen – aber das wird Zeit brauchen

Expertenmeinung von Degussa-Geschäftsfüherer Wolfgang Wrzesniok-Roßbach über Gold

Wolfgang Wrzesniok-Roßbach, Geschäftsführer, Degussa Goldhandel GmbH


Analysten und Anleger rätseln seit einigen Monaten, ob es die vermeintlich „sicheren“ Anlagehäfen überhaupt noch gibt. Das gilt speziell für Gold, dessen Preis seit Monaten rückläufig ist. Die BÖRSE am Sonntag sprach darüber mit Wolfgang Wrzesniok-Roßbach, dem Sprecher der Geschäftsführung, Degussa Goldhandel GmbH. Die Degussa ist Deutschlands größter privater Goldhändler.

BÖRSE am Sonntag: Ist der Goldpreises noch immer der „sichere Hafen“ und die „Krisenwährung“?
Wrzesniok-Roßbach: Die Frage ist, wie man diese Begriffe definiert: Wenn man Gold mehr als Spekulationsobjekt sieht, das im Krisenfall schnell an Wert gewinnt, kann es auch durchaus mal Enttäuschungen geben. Wer dagegen Gold als Vermögensversicherung versteht, wird sich von kurzfristigen Kursschwankungen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wir haben viele Kunden, die ihr Goldengagement nicht in Euro, sondern in Gramm berechnen. Für sie ist ein Preisrückgang deshalb kein unbedingt negatives Ereignis, sondern sie freuen sich, dass sie mehr Gold in Gramm für ihr Geld bekommen.

BaS: Wie stark sollte man sich in Gold engagieren?
Wrzesniok-Roßbach: Natürlich ist es in jedem Fall ratsam,das Prinzip der Streuung zu befolgen. Es sollte eine gesunde Balance zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und Renditeerwartung geben. Wie viele Experten halte ich den Richtwert, zehn bis 15 Prozent des Vermögens in Gold, Silber und andere Edelmetalle zu investieren, für vernünftig. Dass ich mit dieser Einschätzung nicht ganz falsch liege, zeigt uns, dass wir bei der Degussa hatten jetzt im Juli den zweihöchsten Monatsumsatz seit 2011 hatten.

BaS: Weshalb kommt es zu den aktuellen Schwankugen?
Wrzesniok-Roßbach:
Was den jüngsten Rückgang des Goldkurses angeht, muss man Marktentwicklungen wie zum Beispiel den Börsencrash in China berücksichtigen, der zu einer Senkung der dortigen Goldnachfrage und sogar zu überdurchschnittlichen Goldverkäufen geführt hat. Zu viele Aktien wurden in China zuletzt auf Pump gekauft, nun wurden angesichts des Kurseinbruchs Margenzahlungen fällig und die Chinesen haben verkauft, was noch werthaltig und leicht zu veräußern war: ihren Notgroschen aus Gold.

BaS: Was ist bei der Anlageentscheidung für physisches Gold zu beachten?
Wrzesniok-Roßbach: Anleger haben zunächst die Wahl zwischen Münzen und Barren. Münzen sind meistens etwas teurer, aber in der Regel sind sie sogar Zahlungsmittel. Barren bieten dagegen eine größere Vielfalt, insbesondere, wenn es um große Einheiten geht. Beim Material sollte man darauf achten, dass der Stempel auf dem Barren einen anerkannten Namen trägt. Barren von exotischen Herstellern aus dem Ausland werden beim Kauf manchmal günstiger angeboten, allerdings werden sie beim Rückkauf nur noch zum Schmelzwert angenommen. Dass ein Goldbarren die höchste Feinheit von 99,99 Prozent Goldanteil haben sollte, versteht sich von selbst. Unabhängige Edelmetallhändler wie die Degussa sind in der Regel günstiger als Banken. Auch haben sie, wenn sie ein Ladengeschäft haben, die Metalle gleich zum Mitnehmen da, Banken verkaufen dagegen meistens nur auf Bestellung und normalerweise ohnehin nur an eigene Kunden.

BaS: Was ist Ihre Einschätzung zur mittelfristigen Entwicklung des Goldpreises?
Wrzesniok-Roßbach: Wir haben seit dem Erreichen des seinerzeit sicher übertriebenen Höchstkurses von über 1.900 US-Dollar pro Unze während der Finanzkrise nun eine schon längere Phase rückläufiger Kurse erlebt, die ich ein Stück weit auch als Normalisierung des Goldmarktes ansehen würde.Weitere deutlicheKursverluste sehe ich jetzt nicht mehr auf uns zukommen.Die Euro-Krise und die Schuldenpolitik vieler Länder werden mit einer immer größeren Geldflut seitens der Zentralbanken bekämpft, das stützt den Goldpreis ebenso wie eine wieder zunehmende Schmucknachfrage und ein rückläufiges Altgoldangebot. Preise von 1.500 US-Dollar für die Unze sind deshalb für mich wahrscheinlicher als Preise deutlich unter 1.000 US-Dollar. Sollte es auf den Finanzmärkten ruhig bleiben, würde ein deutlicherer Anstieg aber sicher seine Zeit brauchen. Anders, wenn die Finanzmärkte wieder in Aufruhr geraten. Dabei geht es nicht nur um Griechenland und den Euro: die latente Schuldenkrise, verbunden mit der gleichzeitigen Aktienhausse in den USA und die Unsicherheit in China sind nur zwei mögliche Auslöser für neue Verwerfungen.

BaS: Die Degussa hat ihre Geschäftsführung personell verstärkt und ihren Expansionskurs vorangetrieben. Wie sieht der weitere Weg aus?

Wolfgang Wrzesniok-Roßbach: Wir sind in den letzten drei Jahren schnell und erfolgreich gewachsen und wir wollen dies auch weiterhin tun. Auf internationaler Ebene werden wir in Singapur und in London noch in diesem JahrNiederlassungen eröffnen. Daneben denken wir aber auch an die Ausweitung unserer Wertschöpfungskette. Deshalb haben wir eine Edelmetall-Scheideanstalt in Pforzheim erworben. Dort betreiben wir Edelmetall-Recycling unddie Produktion von Halbfertigprodukten für Juweliere und für die Schmuckindustrie. Und auch das Portfolio unserer eher in Richtung Schmuck und Lifestyle tendierendenProduktefür Goldliebhaber soll weiter ausgebaut werden. Mit den neuen Degussa-Uhren beispielsweise verbinden wir auf einzigartige Weise Qualität, hohen Goldgehalt und einen fairen Preis. Hier sehen wir auch ein Stück Zukunft für die Degussa.

BaS: Herzlichen Dank für das Gespräch!

14.08.2015 | 14:45

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