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Sollten Anleger jetzt auf steigende Ölpreise wetten?

Steigen die Preise für Erdöl langfristig wieder an? (Foto: Hiroshi Teshigawara)


Die beschlossenen Förderkurzungen reichen nicht aus, um die Ölpreise zu stabilisieren. Zur Wochenmitte purzeln die Kurse erneut. Die US-Sorte WTI könnte sogar unter null Dollar fallen, heißt es in einer Goldman Sachs-Analyse. Klar aber ist auch: Sobald der globale Shutdown ein Ende findet, wird die Nachfrage schnell wieder anziehen. Lohnt eine Wette?

Die negativen Nachrichten am Ölmarkt reißen nicht ab, auch in dieser Woche gesellten sich neue Horrorszenarien dazu. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert nun einen Rückgang der Ölnachfrage für April in Höhe von 29 Millionen Barrel pro Tag. Damit würde das Niveau aus dem Jahr 1995 erreicht. Auf das Gesamtjahr gerechnet erwarten die Experten ein durchschnittliches Tages-Minus von 9,3 Millionen Barrel. Damit habe die IEA „alle bisherigen negativen Nachfrageprognosen übertroffen“, konstatierte die Societe Generale in einer Analyse. Die Angebotskürzungen der OPEC+ von 9,7 Millionen Barrel am Tag für die Monate Mai und Juni und 7,7 Millionen Barrel für die folgenden Monate reichen also nicht aus, um für stabile Preise zu sorgen. Für diese Feststellung bedarf es keiner besonderen mathematischen Begabung. Dazu ist der Deal der OPEC+ ein brüchiger, es gilt längst nicht als ausgemacht, dass sich alle Länder mit Nachdruck an die Kürzungen halten. Und sie beziehen sich auf das Niveau aus dem Oktober 2019 – da war das Fördervolumen noch höher als zuletzt.

Kurzfristig wirken die Angebotskürzungen ohnedies wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Die Lagerbestände werden bei den erwarteten Nachfrageausfällen überlaufen. Die US-Rohölvorräte sind allein in der vergangenen Woche um 19,25 Millionen Barrel gestiegen, wie das US-Energieministerium berichtet. In der Woche zuvor hatte es mit 15,2 Millionen Barrel schon Rekordzuwächse gegeben. Diese wurden nun noch einmal deutlich getoppt. Seit elf Wochen steigen die Reserven in den Vereinigten Staaten nun an.

Gibt‘s beim Ölkauf bald noch Geld obendrauf?

Bildlich gesprochen droht die Welt gerade in Öl zu ertrinken, mögen die beschlossenen Förderkürzungen auch noch so historisch und weitreichend sein. Analysten geben sich entsprechend alarmiert. „Der Kompromiss kommt zu spät und wird nicht verhindern, dass sich die Öllager weiter füllen und die Preise in die Einstelligkeit abrutschen“, zitiert die „Welt“ Citi-Experte Ed Morse. Kaum vorstellbar und eben doch im Bereich des Möglichen. Der Preis für die neben Brent bedeutendste Rohölsorte auf dem Weltmarkt, WTI, könnte, so schätzt die US-Investmentbank Goldman Sachs, sogar unter null Dollar fallen.

Da fällt es leicht in Panik zu verfallen, man muss dazu aber auch wissen: Brent und WTI entwickeln sich derzeit so unterschiedlich wie noch nie zuvor. Das Fass Brent (27,53 Dollar) kostet 35 Prozent mehr als ein Barrel WTI (20,30 Dollar). Das liegt an Lagerkapazitäten, die zuneige gehen. Manche Öl-Sorten in den USA fielen jüngst bereits in den Minusbereich. Man bekam beim Fasskauf also noch Geld obendrauf. Der Sorte WTI könnte ähnliches drohen, da ihr Preis in Cushing, Oklahoma, bestimmt wird, wie die „Welt“ in Bezug auf eine Goldman Sachs-Analyse berichtet. Bis zum nächsten Hafen seien es rund 1.000 Kilometer. Der Transport wäre unter normalen Umständen zu teuer. Damit die Erdölförderer das schwarze Gold noch loswerden, könnten sie – wenn die staatlichen Tanks voll sind – zu Maßnahmen wie Minuspreisen gezwungen werden. Die Nordseeölsorte Brent wäre davon freilich weniger betroffen.

Wie auch immer. Die Preise für Erdöl insgesamt werden zunächst unter Druck bleiben. Alles andere scheint rational nicht erklärbar. Brent hatte vor Ostern zwar starke Kurszuwächse verbucht und war auf über 36 Dollar pro Fass gestiegen – davon sind inzwischen aber nur noch die besagten 27,53 Dollar übrig, nachdem sich die beschlossenen Förderkürzungen als zu gering herausstellten. WTI steht auf einem 18-Jahrestief. Selbst, wenn alle Staaten dieser Welt nun damit beginnen würden, ihre Tanks zu füllen, die Platz für zirka eine Milliarde Barrel bieten, wären diese bei den 24 Millionen Barrel, die nun Tag für Tag zu viel aus dem Boden geholt werden, in zwei Monaten voll. „Die Situation ist heute schon schlimm, in den kommenden Woche könnte sie katastrophal werden“, schrieb vor wenigen Tagen Benjamin Louvet von OFI Asset Management in einem Kommentar.

Warum sich Wetten auf steigende Preise gerade deshalb lohnen könnten


Diese Katastrophenstimmung aber könnte sich für mutige und stressresistente Anleger, die bei zwischenzeitlich tiefroten Zahlen im Depot nicht die Fassung verlieren und in Panik verfallen,  auszahlen. Indem sie auf steigende Preise wetten. Es sind historische, wilde und unberechenbare Zeiten am Ölmarkt. Die Volatilität ist hoch. Innerhalb eines Tages geht es um viele Prozent nach oben und nach unten – seit Wochen. Die Gesamttendenz: klar negativ. Jetzt auf eine Preiserholung zu setzen mutet hochspekulativ an. Und freilich kann niemand sagen, wie es weitergeht mit Corona, mit Ausgangssperren, mit einer zerbrechlich daherkommenden OPEC+ und den Vereinigten Staaten, die vergleichsweise machtlos sind, was die Preisbeeinflussung angeht, da sie ihren Konzernen nicht vorschreiben kann, ein bestimmte Menge weniger zu fördern.

Fakt aber ist auch: Schon jetzt lohnt für viele Erdöl-Unternehmen die Förderung nicht mehr. Bei noch weiter fallenden Preisen dürfte es kaum noch wen geben, der das wirtschaftlich lange durchhalten kann. Sehr wahrscheinlich wird also zunächst die teure Schieferölproduktion in den USA zurückgehen, dazu könnten neue Förderkürzungen der OPEC+ kommen. US-Präsident Donald  Trump hat vor kurzem bereits die Zahl von 20 Millionen Barrel in den Raum geworfen. Der Einfluss der USA auf Saudi-Arabien ist groß, vielleicht forciert Trump weitere Gespräche. Hinzu kommt: Füllen nun tatsächlich einige Länder ihre strategischen Reserven auf – laut IEA sollen die USA, weil sie müssen, Südkorea, Indien und China darüber nachdenken, nimmt das zumindest etwas Druck vom Markt.

Irgendwann wird es so weit sein und die Wirtschaft erholt sich

Entscheidend aber ist freilich, wann sich die Weltwirtschaft beginnt zu erholen. Oder zumindest, wann der nach wie vor in vielen Ländern geltende Shutdown endet. Vorhersagen lässt sich dies nicht. Aber irgendwann wird es so weit sein. Und damit wird auch irgendwann die Ölnachfrage wieder anziehen. Dann könnte in entgegengesetzter Richtung das passieren, was jetzt die Preise drückt. Die Anlagen können nicht so schnell, wie nötig, wieder nach oben gefahren werden. Die Kürzungen der OPEC+ bestehen noch und sollten sie wieder aufgehoben werden, dauert es, bis sich dies am Markt bemerkbar macht. Wenn es also eine spekulative Note im Depot sein soll, dann drängen sich Wetten auf den Ölpreis geradezu auf. Allein, es könnte viel Geduld brauchen.

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17.04.2020 | 09:53

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