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Ölkrise: Ein Strohfeuer wärmt nicht

Die Börsen weltweit zittern - nicht wegen des Wintereinbruchs, sondern wegen des fallenden Ölpreises. (Foto: Fotolia)

Die Börsen weltweit zittern - nicht wegen des Wintereinbruchs, sondern wegen des fallenden Ölpreises. (Foto: Fotolia)


Des einen Freud, des andren Leid: Während die Verbraucher so günstig tanken wie lange nicht, drohen andernorts ganze Volkswirtschaften an der gegenwärtigen Ölkrise zu zerbrechen. Der harte Preiskampf trifft zudem die Kapitalmärkte mit voller Wucht – viele Konzerne müssen um ihre Zukunftspläne bangen.

Erdöl ist nach wie vor der Motor der globalen Wirtschaft – ob auf den Straßen Deutschlands oder in den Fabriken Chinas. In den Förderländern basiert der Staatshaushalt oft in großen Teilen auf Ölexporten, etwa in Saudi-Arabien (90 Prozent) oder Venezuela (über 95 Prozent). Ist der Ölpreis hoch, können sich die Regierungen dieser meist autokratisch regierten Länder allerlei Maßnahmen leisten, um Bevölkerung und Eliten bei der Stange zu halten. Doch wehe, das schwarze Gold verliert an Wert. In Venezuela wurde die Regierung abgewählt, Saudi-Arabien verbucht ein Rekordminus im Staatshaushalt von 89,4 Milliarden Euro und in Russland verschärft sich die Rezession. 

Während es also für die Förderstaaten immer ungemütlicher wird, kommen auch die großen Kapitalmärkte ins Zittern – da kann das Heizöl noch so günstig sein. Der Dow Jones – sein voller Name „Industrial Average“ verrät die Abhängigkeit vom Ölpreis – ist seit Jahresbeginn um knapp elf Prozent gefallen. Die chinesischen Börsen reagierten schockartig auf die Nachrichten einer abflauenden Öl-Nachfrage in der heimischen Industrie. Und in Deutschland verlieren die Aktien von Banken und Autobauern zum wiederholten Mal. Optimisten, die mit einer Erholung des Ölpreises im Winter gerechnet hatten, werden derzeit hart abgestraft. Nicht einmal die schweren Schneestürme an der Ostküste der USA konnten den Trend lange stoppen, sondern verursachten nur ein Strohfeuer – am Montag verlor der Preis pro Barrel WTI-Öl wieder 4,3 Prozent, bei der Nordseesorte Brent waren es 2,7 Prozent.


Iran und Irak sorgen nacheinander für Preisrutsch

Wie berichtet sehen viele Analysten kaum Hoffnung auf eine baldige Erholung des Ölpreises. Der Druck auf die Förderländer steigt, die OPEC hat noch immer keine einheitliche Krisenstrategie gefunden. Wenigstens in den USA gibt es Anzeichen für einen Rückgang der Produktion: Dem Ölindustrie-Dienstleister Baker Hughes zufolge sind dort die Bohrlöcher zum neunten Mal in zehn Wochen zurückgegangen – derzeit sind es noch rund 510. Doch selbst wenn der Druck an dieser Stelle ein wenig vom Kessel genommen wird, steigt er andernorts umso stärker. Die Aufhebung wichtiger internationaler Sanktionen gegen den Iran führte schon in der letzten Woche dazu, dass der Ölpreis massiv einknickte – schließlich strebt das Land mit seinem Öl nun wieder auf den Weltmarkt. 

Nur eine Woche später sendet der Nachbarstaat Irak neue Schockwellen durch die Kapitalmärkte. Dort wurde zuletzt offenbar so viel Öl gefördert wie noch nie. Die irakische Regierung braucht das Geld dringend, doch die Angst vor einem Überangebot steigt – und mit ihr die Nervosität der Anleger. Eine baldige Lösung des Problems ist kaum abzusehen. Auch, weil sich Saudi-Arabien bislang gegen eine Senkung der Fördermenge sperrt. Leidtragende des Ölpreisverfalls sind jedoch nicht nur die offensichtlichen Kandidaten in der ersten Reihe. Auch die Zulieferer der Ölkonzerne, darunter Siemens, haben zu kämpfen. 

Gewinn von Shell halbiert sich

Bei den Münchnern basieren etwa 10 Prozent des Geschäfts auf der Öl- und Gasindustrie. Im vergangenen Jahr sackte der Umsatz der Sparte „Power and Gas“ um elf Prozent auf 13,2 Milliarden Euro ab, das operative Ergebnis sogar um mehr als ein Drittel auf 1,4 Milliarden Euro. Ebenfalls betroffen ist die Sparte „Prozessindustrie und Antriebe“. Schon morgen wird sich zeigen, wie gut Siemens den niedrigen Ölpreis kompensieren kann – dann stellt Joe Kaeser die Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahr 2015/16 vor. 

Größer sind die Sorgen indes bei Shell und Co. Der niederländisch-britische Energiekonzern legte Ende letzter Woche erste Zahlen für das vierte Quartal 2015 vor. Die Bilanz: vernichtend. In den letzten drei Monaten des Jahres sank der bereinigte Gewinn demzufolge auf 1,6 bis 1,9 Milliarden US-Dollar – im Vorjahreszeitraum waren es noch 3,3 Milliarden. Anfang Februar veröffentlicht Shell etwa zeitgleich mit einigen anderen Ölriesen die endgültigen Quartalszahlen. Anleger sollten sich vorsorglich Schmerztabletten bereitlegen. 

Marius Mestermann

25.01.2016 | 19:32

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