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Zentralbanken kaufen massiv Gold

Gold: Begehrt wie lange nicht. (Bild: Degussa)


Russland und China wollen sich von Dollaranlagen emanzipieren und stocken ihre Bestände massiv auf. Damit wird ein politischer Goldrausch entfacht. Ist die grundlegende Trendwende beim Goldpreis wirklich da? Und lohnt sich für Anleger der Einstieg?

Die Zentralbanken kaufen Gold wie noch nie. 2018 wurde das Edelmetall im Wert von 27 Milliarden Dollar bei Notenbanken neu eingebunkert. Die größte Menge kaufte die russische Zentralbank – 274,3 Tonnen, unter anderem mit den Dollars, die aus dem Verkauf der US-Staatsanleihen kamen.

Nach Angaben des World Gold Council (WGC) stieg der Goldanteil bei den Zentralbanken innerhalb eines Jahres um 651 Tonnen. Das ist der größte Kennwert seit 1971, als die USA auf den Goldstandard verzichteten. Fast die Hälfte davon entfällt auf die Zentralbank Russlands. Für Russland ist die Spekulation bislang aufgegangen. In den vergangenen neun Monaten verdiente die Zentralbank rechnerisch etwa zehn Milliarden Dollar.Russland kauft weiterhin Gold im Zuge der Entdollarisierung der Reserven. Nach dem Reserven-Umfang stieg Russland auf Platz fünf und überholte damit China, Indien und Japan. Die russische Zentralbank verfügt derzeit über 2112 Tonnen Gold – ein absoluter Rekord für das moderne Russland. Im Gegenzug verfügt die russische Zentralbank derzeit über US-Staatsanleihen im Wert von nur noch 12,8 Milliarden Dollar; 2010 waren es noch fast 180 Milliarden Dollar.

Fast das ganze Gold, das in Russland gefördert wird, wird mittlerweile von der Zentralbank gekauft. Im vergangenen Jahr kaufte die Zentralbank 274 Tonnen von den 314 Tonnen in Russland hergestellten Goldes, also fast 90 Prozent. Die Produktionsmenge fehlt natürlich auf dem Weltmarkt, so dass die Preise dort tendenziell steigen. Denn die globalen Fördermengen stagnieren.

Laut Prognose von Goldman Sachs werden die Mengen der globalen Goldförderung in den kommenden Jahren sogar zurückgehen. Laut Goldcorp. wird die Goldproduktion zum Jahr 2022 auf das Niveau um die Jahrtausendwende sinken. Laut dem United States Geological Survey sind die Goldvorräte bei Aufrechterhaltung des jetzigen Tempos der Förderung bereits zum Jahr 2034 ausgeschöpft.

Die Analysten des New Yorker Investmentbanking- und Wertpapierhandelsunternehmens Goldman Sachs glauben daher, dass die Goldrallye erst am Anfang sei. Sie geben für Gold einen Zielpreis von 1450 US-Dollar pro Unze aus, und erwartet für dieses Jahr demnach ein Sechsjahreshoch für das begehrte Edelmetall, das zuletzt im September 2013 für kurze Zeit die Marke von 1.400 Dollar überschreiten konnte. Dabei gehen die Experten davon aus, dass der Goldpreis dieses Jahr im Wesentlichen von starken Zukäufen der Notenbanken sowie einer immer wohlhabenderen Mittelschicht in China und Indien – diese beiden asiatischen Ländern, in denen der Besitz des Edelmetalls als Zeichen der Stärke gilt, bilden die zwei größten Goldmärkte der Welt – profitieren werde. Allein die Goldkäufe der internationalen Zentralbanken sollen den Goldpreis auf ein Niveau von 1.425 US-Dollar pro Unze führen.

Ursächlich für den aktuellen Goldrausch ist neben den Zentralbankkäufen die überraschende Wende in der Geldpolitik der US-Notenbank Fed. Diese verkündete Ende Januar aufgrund der zuletzt eingetrübten Konjunkturaussichten keine weiteren Zinsanhebungen, und signalisierte den Finanzmärkten somit eine Zinspause. Möglicherweise könnte es künftig sogar zu einem Ende der Zinserhöhungen kommen. Die Aussicht auf geringe Zinsen erhöht die Attraktivität für den Kauf des Edelmetalls und könnte die Anleger daher nachhaltig ins Gold treiben, weil man auch bei Staatsanleihen kaum mehr Zinsen bekommt. Hinzu kommt, dass die Geldpolitik der FED den Dollar belastet. Eine schwächere amerikanische Währung bewirkt, dass Gold in Ländern außerhalb des Dollarraum günstiger wird, was eine stärkere Nachfrage und höhere Preise auslöst.

Beflügelt wird der Goldpreis außerdem insbesondere durch den Handelskrieg zwischen den USA und China. Während die Vereinigten Staaten im Handelsstreit mit Einführzöllen vorgehen, wertet das Reich der Mitte seine Währung ab, verkauft US-Staatsanleihen und kauft an deren Stelle Gold. Dem stetigen Anstieg von Chinas Goldreserven könnte zudem eine strategische Bedeutung zuteil kommen. So ist nicht auszuschließen, dass die politische Führung des einwohnerstärksten Landes der Erde den Plan verfolgt, eines Tages die eigene Währung Yuan-Renminbi zu einer goldgedeckten Währung zu machen. Das hätte unter anderem den Vorteil, die Wirtschaft vor dem Risiko einer Inflation zu schützen.

China und Russland wollen sich also auch aus politischen Gründen von ihren Dollarbeständen trennen, um sich von der Dominanz der US-Währung zu emanzipieren. Auch die Türkei und Kasachstan kurbelten ihre Goldkäufe mächtig an, und verringerten ihre Dollar-Reserven, um unabhängiger von den USA zu werden. Die ungarische Zentralbank verzehnfachte zudem ihre Reserven auf 31,5 Tonnen und auch Polen kaufte massiv ein - 12 Tonnen Gold. Insgesamt haben Zentralbanken noch nie so viel Gold gekauft wie letztes Jahr. Laut World Gold Council (WGC) stockten sie ihre Bestände um 651,5 Tonnen auf. Damit besitzen die Notenbanken so viele Goldreserven wie zuletzt im Jahr 1971, als die Preisbildung des Dollar an den Goldwert aufgehoben wurde.

Auch im Januar setzte sich der Trend fort: China war im ersten Monat des Jahres mit 11,8 Tonnen Gold der größte Goldkäufer, nachdem die Zentralbank des Landes bereits im Dezember 2018 volle 10 Tonnen Gold erwarb. Des weiteren kauften die russische Zentralbank 6,2 Tonnen Gold, die argentinische Zentralbank 7 Tonnen Gold und die indische Zentralbank 6,5 Tonnen Gold. Weitere Goldkäufe im Januar 2019 verzeichneten die Zentralbanken von Kolumbien (5,4 Tonnen), Kasachstan (+2,8 Tonnen), Kirgisistan (+0,4 Tonnen) und der Eurozone (+0,1 Tonnen). Die türkische Zentralbank kaufte im Januar 2019 weitere 7,6 Tonnen Gold, während die türkischen Geschäftsbanken ihre Bestände um 5 Tonnen reduzierten.

Nicht zuletzt trägt auch die wachsende Sorge vor einer Rezession der Weltwirtschaft und einem Crash an den Finanzmärkten zum Anstieg des Goldpreises bei. Kurzum: Der Goldpreis dürfte 2019 weiterhin Höhenluft schnuppern. Wim Weimer

13.03.2019 | 20:37

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