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Ölmärkte 2020: Das sind die Risiken

(Quelle: shutterstock_hiroshi_teshigawara)


Die starke Verbreitung des Coronavirus könnte die Reisetätigkeit und auch den Handel belasten. Außerdem gefährden die Spannungen im Nahen Osten und Nordafrika die globalen Ölmärkte. Dabei spielen drei Krisenherde eine zentrale Rolle

Von Greg E. Sharenow, Portfoliomanager bei PIMCO

Die Tötung des iranischen Generals Quasem Soleimani durch die USA und die darauffolgenden iranischen Angriffe auf Militärstützpunkte im Irak, auf denen US-Soldaten stationiert sind, ließen geopolitische Risiken an den Ölmärkten erneut in den Vordergrund rückten. Da auf dem globalen Ölmarkt ein Angebotsdefizit herrscht und sich die Kapazitätsreserven allesamt in Ländern des Golfkooperationsrats befinden, dürften Störungen bei der Ölförderung oder beim Ölexport aus der Region deutliche Auswirkungen auf den Ölpreis haben.

Im Folgenden konzentrieren wir uns auf drei von uns genau beobachtete Krisenherde. Die Entwicklungen in diesen Ländern sind derzeit besonders bedenklich und verstärken insbesondere angesichts des sich entspannenden Handelskonflikts zwischen den USA und China das Risiko für Kursanstiege. Wir können an dieser Stelle nicht auf alle Regionen und Szenarien eingehen, erwarten jedoch, dass sich neue Risiken formieren, von denen nicht alle Aufwärtsdruck auf die Preise ausüben werden.

Iran: Obwohl die Sorgen im Hinblick auf eine Eskalation des Konflikts zwischen den USA und dem Iran angesichts der Erklärungen von US-Präsident Donald Trump und des iranischen Außenministers Mohammed Dschawad Sarif zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Texts nachgelassen haben, fällt es uns schwer, eindeutig Entwarnung zu geben. Unter der aktuellen US-Regierung sind die Spannungen zwischen den USA und dem Iran während der vergangenen Jahre konstant gestiegen. Die US-Sanktionen haben der iranischen Wirtschaft erheblichen Schaden zugefügt und den Iran dazu veranlasst, Verbündete der USA in der Region anzugreifen. Wenngleich in den vergangenen Jahren mehrfach die Hoffnung auf eine baldige Entspannung der Lage geweckt wurde, so scheint doch keine der beiden Seiten gewillt, die Forderungen der anderen zu erfüllen. Auslöser für die Spannungen zu Jahresbeginn waren der Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran (Joint Comprehensive Plan of Action, JCPOA) 2018 sowie die Entscheidung des Iran, die im Rahmen des JCPOA vereinbarte Beschränkung seines Atomprogramms schrittweise zu missachten. Iran hat die Urananreicherung jedoch nach wie vor nicht auf den bedenklichen Wert von 20 Prozent hochgefahren und gestattet der Internationalen Atomenergie-Organisation nach wie vor Inspektionen und die Zusammenarbeit. Die Positionen der USA und des Iran bleiben in vielen Punkten weit voneinander entfernt, und die in Bezug auf iranische Ölexporte verhängten Sanktionen dürften in Kraft bleiben. Zusammenfassend betrachtet, lässt sich festhalten, dass die übergeordneten Gründe für unsere Sorgen unverändert weiterbestehen und die jüngsten Ereignisse entgegen unseren Hoffnungen schlimmere Entwicklungen nach sich ziehen könnten. Dies wäre umso problematischer, wenn die Produktion und die Exporte von Nachbarländern durch die begrenzten Reserve- oder Exportkapazitäten außerhalb des Nahen Ostens beeinträchtigt würden.

Irak: Bereits vor den Ereignissen im Januar ließ sich die politische Situation im Irak bestenfalls als schwierig bezeichnen. Dem Irak ist es trotz politischer Instabilität und begrenzter Wasserressourcen in den vergangenen Jahren zwar gelungen, die Ölfördermengen konstant zu halten und sogar zu steigern, die jüngsten Proteste, die Übergangsregierung und die Tatsache, dass im Irak stellvertretend für die USA und den Iran der Konflikt zwischen diesen beiden Ländern ausgetragen wird, sorgen jedoch für Unsicherheit im Hinblick auf die künftige Produktion und Stabilität. Obwohl es unseres Erachtens unwahrscheinlich ist, dass die USA Sanktionen gegen den Irak verhängen, könnte eine ausbleibende Verlängerung der Sanktionsverzichtserklärung für Erdgas aus dem Iran dazu führen, dass der Irak vor Beginn des Sommers mit Problemen bei der Stromerzeugung konfrontiert sein wird. In der Vergangenheit hat dies zu einer Erhöhung der politischen Unsicherheit geführt.

Nordafrika: Die Lage in Libyen, wo derzeit über einen Waffenstillstand zwischen den rivalisierenden Parteien verhandelt wird, gehört nach unserer Auffassung zu den größten und am wenigsten diskutierten Risiken für den Ölmarkt. Wenngleich sich die Fördermengen nach der Absetzung Muammar al-Gaddafis auf Höchstständen bewegen, verheißen die jüngsten Kämpfe zwischen den beiden konkurrierenden Regierungen und das Versagen der internationalen Gemeinschaft, zur erfolgreichen Schlichtung des Konflikts beizutragen, für die Stabilität der Fördermengen nichts Gutes. Die zunehmende Einmischung anderer Länder in den Konflikt über finanzielle Hilfen, Waffenlieferungen oder die Entsendung von Soldaten dürfte das Problem eher verstärken als mindern. Die Lage in Bezug auf die Machtübergabe in Algerien ist zwar weniger explosiv, bietet aber einen weiteren Grund zur Sorge. Wir gehen nicht davon aus, dass es zu einem bewaffneten Konflikt kommen wird. Die politische Unsicherheit könnte jedoch zumindest dazu führen, dass dem Land zur Aufrechterhaltung der Fördermengen unerlässliche Investitionen verwehrt bleiben.

Folgen für Rohstoffanleger

Obwohl die aktuellsten geopolitischen Ereignisse zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Texts nicht zu einem Rückgang der Ölfördermengen geführt haben, der über die freiwilligen und unfreiwilligen Kürzungen der OPEC hinausgeht, ist das Umfeld für Rohstoffanleger überaus positiv. Die Anspannung am Ölmarkt war im vergangenen Jahr groß genug für eine anhaltende Backwardation. Dies unterstützt die Aussichten für positive Renditen von Anlagen in Erdöl. Wie wir bereits in einem früheren Blog-Beitrag hervorgehoben haben, profitieren die Renditen der Anleger von Backwardation. Anleger sollten daher zumindest die Eigenschaften von Rohstoffanlagen im Hinblick auf die Diversifizierung und die Absicherung von Extremrisiken berücksichtigen.

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24.01.2020 | 11:01

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