boerse am sonntag - headline

Erdgas – Dreht Russland den Gashahn zu?

Deutschland bezieht etwa 35 % seines Gasbedarfs aus Russland, wobei der Großteil für die Wärmeversorgung genutzt wird, nur ein geringerer Anteil wird für die Stromerzeugung benötigt. (Foto: Handelsblatt/Getty Images)


Verunsicherung durch geopolitische Krise: Abhängigkeiten treten oft erst durch Krisen stärker ins Bewusstsein, so auch bei den Auswirkungen des russisch-ukrainischen Konfliktes. Auf westliche Sanktionen gegen Russland folgten angeblich Reduzierungen der Erdgaslieferungen u.a. an die Slowakei und Polen seitens Russland, die allerdings von der Gazprom-Führung bestritten wurden.

Russland hatte kritisiert, dass Länder der EU Erdgas aus Russland importieren und dann weiter in die Ukraine liefern. Deutschland bezieht etwa 35 % seines Gasbedarfs aus Russland, wobei der Großteil für die Wärmeversorgung genutzt wird, nur ein geringerer Anteil wird für die Stromerzeugung benötigt. Angst vor einem kalten Winter ist allerdings überflüssig. In Deutschland lagern knapp 20 Mrd. Kubikmeter Erdgas als Reserve. Das entspricht etwa 20 % des jährlichen Bedarfs. Rosneft-Chef Igor Setschin hat zudem verlautbaren lassen, dass sich die Russen unabhängig von den Spannungen an die vereinbarten Verträge halten wollen.

Alternative Fracking?

Die USA machen es vor. Sie setzen bereits die umstrittene Fracking-Methode ein, mit der Erdgas aus Gesteinsschichten gelöst werden soll. Der Erdgas-Preis an den Börsen in den USA notiert niedrig. Trotz der ukrainisch-russischen Krise gibt es keinen Preisanstieg. Der Kurs liegt bei knapp unter 4 US-Dollar je MMBtu. Die Abkürzung MMBtu steht für Million British Thermal Unit, was 26,4 Kubikmeter Gas entspricht. Gegenüber den letzten 52 Wochen ist der Erdgas-Preis nur leicht angestiegen. Vor neun Jahren lag der Kurs noch bei 15,78 US-Dollar. Starke Kurssteigerungen sind auch in absehbarer Zeit unwahrscheinlich.

Unbestritten ist, dass die Fracking-Technologie noch in den Kinderschuhen steckt und Folgen schwer abzuschätzen sind. Kritiker fürchten beispielsweise eine Verunreinigung des Grundwassers. Ob Fracking durch technologische Verbesserungen der Bedingungen mehr Anhänger findet, bleibt abzuwarten. Im Unterschied zu den USA, die sich durch Fracking von Erdgas-Lieferanten unabhängig gemacht und Erdgas deutlich verbilligt haben, bleibt Deutschland skeptisch. Die deutsche Regierung beabsichtigt ein Fracking-Moratorium bis 2021, um die Chancen und Risiken der Technologie besser abwägen zu können. Nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sind in Deutschland ca. 13 Billionen Kubikmeter Gas im Gestein enthalten, wovon etwa 10 % mit heutigen Mitteln abbaubar sind.

Abschied von der Pipeline

Im Unterschied zu anderen Energierohstoffen lässt sich Erdgas im natürlichen Zustand nur in Pipelines transportieren. Nutzt man andere Transportwege wie z. B. mit Schiffen, muss das Gas durch extreme Kälte verflüssigt und als Liquefied Natural Gas (LNG) transportiert werden. LNG ist eine Möglichkeit, sich von der Abhängigkeit russischer Lieferungen zu lösen. Konzerne wie Gazprom müssten ihre Konditionen anpassen, da Länder wie Norwegen und vor allem Katar als Exporteure für LNG zur Verfügung stehen könnten. Allerdings besteht in vielen Ländern noch Bedarf an speziellen Kühllagern, um LNG umfassend nutzen zu können.

20.11.2014 | 08:57

Artikel teilen: