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Bodenschätze 4.0 – Wie viel Potenzial steckt in den Rohstoffen von Morgen?

Der "Salar de Uyuni" in Bolivien: Hier werden die größten Lithiumvorkommen der Erde vermutet. (Foto: SL-Photography / shutterstock.com)


Ob nun Elektrifizierung, Automatisierung oder Digitalisierung, die Weltwirtschaft befindet sich in ihrem größten Umbruch seit der Industrialisierung. Mindestens. Das schafft auf Unternehmensseite nicht nur neue Angebote, es verändert auch die Nachfrage. Ganz besonders die nach Rohstoffen wie Lithium, Kobalt oder Nickel. Längst sind diese auch an der Börse keine Geheimtipps mehr. Das hat sie und die Unternehmen, die sie fördern, teuer gemacht. Doch noch immer scheint ihr Potenzial riesig. Ein Überblick.

Kobalt

Angebot, Nachfrage und Preis des schweren, silberblauen Metalls, das nicht nur leitfähig sondern mit Blick auf seine magnetische Eigenschaft auch extrem hitzebeständig und inzwischen neben Lithium und Coltan essenzieller Bestandteil von Smartphone-Akkus und E-Auto-Batterien ist, haben zuletzt eine ziemlich rasante Achterbahnfahrt hingelegt. Die globale Nachfrage beispielsweise verdoppelte sich zwischen 2010 und 2015 von 65.000 auf über 120.000 Tonnen pro Jahr. Damit explodierte auch der Preis für den wertvollen Rohstoff, dessen weltweit bekannte Vorkommen bei rund 25 Millionen Tonnen liegen. Allein 2017 verteuerte sich das Metall um 129 Prozent. Anfang 2018 dann kostete eine Tonne Kobalt 95.000 US-Dollar. Eine Vervierfachung gegenüber den Tiefstständen von 2016.

Danach allerdings folgte eine heftige Korrektur, welche aus einem zwischenzeitlichen Überangebot herrührte. Und so verkaufte sich die Tonne Kobalt Ende 2018 für 55.000 Dollar und zuletzt sogar nur noch für rund 31.000 Dollar. 2019 könnte sich das Angebot nun wieder verknappen und der Preis somit bereits Mitte des Jahres um 30 Prozent höher stehen,  glauben die Experten des unabhängigen Beratungsunternehmens Capital Economics. Grund dafür ist der vorübergehende Exportstopp, den der Rohstoffkonzern Glencore für eine seiner Kobalt-Minnen im Kongo wegen zu hohem Uran-Gehalt verhängt hat und einige Monate anhalten dürfte. Aber auch längerfristig steht den Londoner Analysten nach einer Preissteigerung wenig im Weg. Bis 2020, schreiben sie, könnte die Tonne Kobalt wieder 80.000 Dollar kosten.

Grund dafür ist zuvorderst der weiter ansteigende Marktanteil von Elektro- und Hybridfahrzeugen, denn in deren Batterien ist Kobalt bislang unersetzbarer Bestandteil. Allein Tesla braucht im Schnitt zwischen zehn und zwölf Kilogramm Kobalt je Fahrzeug. Und würden 2030 rund 30 Prozent der Neuwagen über einen Elektroantrieb verfügen, was Schätzungen der Boston Consulting Group (50 Prozent, inklusive Hybrid-Modelle) sogar unterschreitet, entspräche das einer zusätzlichen Kobalt-Nachfrage von rund 300.000 Tonnen und damit dem doppelten des aktuellen Marktvolumens.
Mag derzeit ein Überangebot bestehen, langfristig dürfte gerade die Versorgungssituation mit Blick auf den politisch extrem instabilen Kongo, dessen Minen für rund zwei Drittel der globalen Förderung verantwortlich zeichnen, ein Risiko bleiben. Allein rund 20 Prozent des weltweiten Angebots stammt Schätzungen nach aus unkontrollierten, informell betriebenen Klein-Minen.

Es scheint als könnte den Anstieg des Kobaltpreises auf lange Sicht nur eines aufhalten: Batteriezellen, die ohne das teure Metall auskommen. Tesla und Panasonic forschen bereits an Alternativen, doch bis es die bei einem Erfolg marktreif gibt, dürfte es noch dauern.

In Kobalt zu investieren bleibt gerade nach den jüngsten Korrekturen verlockend, dürfte aber weiter nichts für Anleger mit schwachen Nerven sein. Was vor allem daran liegt, da es hierzulande weder Kobalt-ETFs noch spezielle Kobalt-Aktienfonds gibt. Bleibt das Investment in einzelne Aktiengesellschaften. Mit Blick auf kleinere Unternehmen ist ein solches aber oft riskant. Und bei Großkonzernen wie Glencore bestimmen – noch – andere Rohstoffe die Geschäftsentwicklung.

Lithium

Ähnlich wie Kobalt profitiert auch Lithium zuvorderst von der Mobilitätswende im Automobilsektor, denn jedes Elektroauto verschlingt je nach Leistung zwischen drei und zehn Kilogramm Lithium. Und mit Blick auf die Neuwagenverkäufe könnte der Stromer-Anteil bereits in den kommenden Jahren zwischen fünf und sieben Prozent liegen. Das wiederum könnte bei gleich bleibendem Bedarf bis 2025 mindestens zu einer Verdopplung der derzeitigen Jahres-Lithiumnachfrage von rund 210.000 Tonnen führen. Die Analysten des Beratungsunternehmens Roskill rechnen in jenem Zeitraum mit einer Gesamt-Bedarfssteigerung von 21 Prozent pro Jahr. Lithium schließlich steckt bereits heute und fernab der Auto-Industrie in unzähligen Akkumulatoren, die Lithium-Ionen-Batterie dürfte inzwischen jedem ein Begriff sein.

Darüber hinaus wird das silber- bis weißgraue und ultraleichte Alkalimetall auch als Schmiermittel, in Klimaanlagen und in der Produktion von Glas oder Keramik verwendet. Und allein mit Blick auf den Akku- und Batteriesektor soll die Nachfrage nach dem „weißen Gold“ bis 2028 um 26 Prozent von 140.000 auf 1,4 Millionen Tonnen steigen. Das zumindest will Roskill errechnet haben. Deren Division Manager David Merriman glaubt daher, dass sich Angebot und Nachfrage auf dem Lithiummarkt nur noch bis 2021 im Gleichgewicht halten dürften, danach könnte ein deutlicher Überhang auf der Nachfrageseite entstehen, da es an der Finanzierung für den Aufbau neuer Kapazitäten fehle. Darüber hinaus zwinge das Wettrennen um Marktanteile im Elektroauto-Markt Automobil- und Batteriehersteller dazu, sich langfristig hohe Mengen des Rohstoffs zu sichern, gibt Lynxbroker-Experte Sascha Sadowski zu bedenken.

Von Aussichten, wie diesen, konnte der Lithium-Preis zuletzt allerdings kaum mehr profitieren, was vor allem die Aktien der Lithium-Förderer und Verarbeiter deutlich verbilligt hat. Einzelne Aktien korrigierten 2018 um mehr als 50 Prozent. War der Preis ausgehend von 6.000 Dollar je Tonne im Jahr 2015 zwischenzeitlich auf über 20.500 Dollar gestiegen, kostete die Tonne Lithium jüngst nur noch rund 18.000 Dollar.

Obwohl der Bedarf also weiter ansteigt, sinken die Preise. Als Grund gilt vielen Experten eine von Investoren befürchtete Überversorgung. Die US-Bank Morgan Stanley wies beispielsweise in einer Analyse darauf hin, dass sie bis 2025 von einem Angebotsanstieg um 500.000 Tonnen jährlich ausgehe. Und das nur mit Blick auf Argentinien, Chile und Australien. Im Gegensatz zu Kobalt befinden sich zudem rund 70 Prozent der bislang bekannten Lithium-Lagerstätten in Chile, Argentinien und Bolivien, politisch also wesentlich stabileren Ländern als der Kongo. Zudem kommt Lithium global vergleichsweise häufig vor, zu Engpässen käme es also zunächst nur dann, wenn es den Förderern nicht gelingt mit der schnell steigenden Nachfrage Schritt zu halten. Doch bislang scheint es ihnen zu gelingen. 2018 seien neue Kapazitäten aufgebaut worden, die 2019 auf den Markt drückten, erklärt Fastmarkets-Experte William Adams. Auch Andrew Miller, Analyst bei Benchmark Mineral Intelligence glaubt, dass der Bedarf erst zwischen 2020 und 2021 „so richtig“ einsetzen werde, prognostiziert für 2019 aber dennoch einen Preisanstieg von 13,5 Prozent.

Wie das Investment in Kobalt, bleibt aber auch das in Lithium ein riskantes. Noch ist nicht abzusehen, wie lange die Lithium-Ionen-Batterie die bevorzugte Akku-Variante bleibt. Längst gibt es mögliche Alternativen, wie beispielsweise die Natrium-Ionen- oder die Kohlenstoff-Batterie. Direkt in Lithium kann man an der Börse zudem bislang nicht investieren, dafür aber mithilfe von Zertifikaten auf die Preisentwicklung wetten oder Aktien der Förderer und Produzenten kaufen. Gerade die sind nach den jüngsten Korrekturen auch wieder deutlich günstiger zu haben. „Wer als Investor in den kommenden Jahren vom Lithium-Boom profitieren möchte, der sollte dabei auf führende Unternehmen der Branche setzen. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass sich die Aktienkurse der Marktführer in allen Branchen langfristig am besten entwickeln.“, empfiehlt Lynxbroker-Analyse Sadowski und verweist unter anderem auf die beiden Marktführer, Albemarle und Sociedad Química y Minera de Chile.

Nickel

An Nickel dachten lange Zeit die wenigsten, wenn es um den Rohstoffbedarf der Zukunft ging, der wiederum maßgeblich von den Umwälzungen in der Fahrzeugindustrie beeinflusst werden dürfte. Dabei komme bis dato in den meisten Elektro-Fahrzeugen eine Lithium-Nickel-Mangan-Kobalt-Methode zum Einsatz, weiß Nitesh Shah, Director Commodities Strategist bei ETF Securities. Die Chancen, dass sich diese langfristig durchsetze, stünden gut. Und während derzeit Nickel, Mangan und Kobalt noch zu gleichen Teilen vorkämen, verschiebe sich das Verhältnis der Metalle allmählich zugunsten von Nickel auf 8:1:1, so der Experte weiter.  Mit Blick auf die Tesla-Batterien ist Nickel bereits heute mengenmäßig der wichtigste Bestandteil der positiven Elektrode. Grund für die Verschiebung:  Nickel kommt zu einem Großteil aus Russland, Australien und Kanada (50 Prozent der Weltfördermenge) und damit nicht – wie Kobalt – aus einer krisengeplagten, instabilen Region. Und: Nickel ist deutlich günstiger. Kostet eine Tonne Kobalt  derzeit die bereits erwähnten 31.000 Dollar, ist die Tonne Nickel für 12.350 Dollar zu haben. Vor einem Jahr, als die Tonne Kobalt noch rund 95.000 Dollar kostete, war der Unterschied ein noch auffälligerer. 

Auch Nickel hat einer Korrektur hinter sich, wenn auch eine weniger deutliche. Legte der Kurs – im Gegensatz zu Kobalt und Lithium ist Nickel an der Börse handelbar – von Juni 2017 bis Juni 2018 noch von 8.850 auf 15.100 Dollar zu, brach er in den Monaten bis Dezember des vergangenen Jahres um 30 Prozent auf 10.700 Dollar ein, ehe er sich nun, 2019, wieder um 23 Prozent erholte und bei rund 12.650 Dollar je Tonne steht.  Geht es nach den Analysten der Bank of America, eine „vollkommen gerechtfertigte“ Erholung.

Grundsätzlich ist von dem mittelharten, silbrig-weißen Metall, das unter anderem auch zur Produktion von nichtrostenden Stählen und Nickellegierungen eingesetzt wird, genug auf der Erde vergraben. Die Reserven liegen Schätzungen nach irgendwo zwischen 70 und 170 Millionen Tonnen. Auch hier lassen sich Preissteigerungen also nicht durch eine generelle Knappheit erklären, sondern allein durch eine sich erhöhende Nachfrage bei gleichbleibendem oder sinkendem Angebot. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Wirtschaft floriert. Doch derzeit sieht es global mehr nach einem konjunkturellen Abschwung aus. Bleibt also zuvorderst die Hoffnung auf Nickel als essentieller Bestandteil des E-Autos.

In Nickel investieren lässt sich über Aktien von Bergbauunternehmen – Norilsk Nickel beispielsweise heißt der derzeit größte Produzent, aber auch die bekannten Schwergewichte wie Vale, Glencore und BHP Billiton besitzen Minen – oder Optionsscheine, Zertifikate und ETCs.

Oliver Götz

04.04.2019 | 14:51

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