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Aktien: Trotz politischer Risiken gute Aussichten?

Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)

(Bild: Fotolia / psdesign1)


Gute Konjunkturdaten und sprudelnde Unternehmensgewinne – aus Anlegersicht spricht derzeit grundsätzlich alles für Aktien. Allerdings scheint aktuell statt der fundamentalen Wirtschafts- und Unternehmensdaten die politische Nachrichtenlage das Börsengeschehen zu dominieren.

Von Ulrich Stephan

Die komplizierte, aber inzwischen gelungene Regierungsbildung in Italien, Strafzölle und Handelskriege sowie tendenziell steigende US-Anleiherenditen lasteten zuletzt auf den internationalen Aktienkursen. Viele Anleger fragen sich daher: Können diese Probleme eskalieren und ist damit die Zeit steigender Aktienkurse vorerst vorbei? Nicht aus Sicht der Deutschen Bank, denn das wirtschaftliche Umfeld für die Unternehmen scheint weiter intakt: Für die Vereinigten Staaten beispielsweise rechnet die Deutsche Bank auch aufgrund der fiskalpolitischen Stimuli für das Jahr 2018 mit einem Wirtschaftswachstum von 3,0 Prozent. In der Eurozone hingegen könnte sich die wirtschaftliche Dynamik etwas abkühlen, dennoch dürfte das Konjunkturplus in der Eurozone ordentliche 2,1 Prozent betragen.

Profiteure dieser Entwicklungen dürften auf beiden Seiten des Atlantiks insbesondere wachstumsstarke Unternehmen sein. Diese sind in zyklischen, also konjunktursensitiven Branchen wie beispielsweise dem Technologiesektor oder der Automatisierungsindustrie, überrepräsentiert. Bereits in den vergangenen fünf Jahren haben sich zyklische Aktien in Europa und den USA stärker entwickelt als Papiere aus defensiven Branchen, die weniger von der aktuellen wirtschaftlichen Lage beeinflusst werden und zu denen beispielsweise die Nahrungsmittelindustrie gehört.

Im US-amerikanischen Leitindex S&P 500 gewannen Zykliker aus Sicht eines Euroanlegers gerechnet fast 75 Prozentpunkte stärker an Wert als ihre defensiven Pendants, im breiten europäischen Aktienindex Stoxx 600 liegt die Outperformance bei rund 40 Prozentpunkten – ein Trend, der sich auch im bisherigen Jahresverlauf 2018 fortgesetzt hat. Ein Ende dieser Outperformance ist nach Einschätzung der Deutschen Bank derzeit nicht in Sicht.

Japan: kein eindeutiger Trend

Während in den USA und Europa zyklische Branchen also weiterhin die Nase vorn haben dürften, ist die Situation in Japan eine andere: Hier haben sich mit Blick auf die vergangenen fünf Jahre sowie seit Jahresbeginn die defensiven Sektoren besser entwickelt. Ein Grund dafür ist, dass im defensiven Bereich beispielsweise die Versorgungsunternehmen vom erneuten Hochfahren einiger Kernkraftwerke profitieren, die infolge der Fukushima-Katastrophe vom Netz genommen worden waren.

Unter den zyklischen Sektoren hingegen stehen aufgrund der anhaltenden Niedrigzinspolitik der Bank of Japan insbesondere die japanischen Banken unter Druck. Darüberhinaus spielt für die Entwicklung am japanischen Aktienmarkt immer auch die Währungsentwicklung eine entscheidende Rolle: Angesichts politischer Unsicherheiten in Europa und internationaler Handelsstreitigkeiten wurde die japanische Währung vermehrt als „Safe Haven“-Anlage gesucht, sodass der aktuell vergleichsweise starke Yen damit insbesondere die Erträge zyklischer, exportorientierter Unternehmen wie beispielsweise aus dem Industriesektor dämpfte.

Hingegen mussten Unternehmen aus defensiven Branchen, die ihre Gewinne vermehrt auf dem Heimatmarkt erzielen und weniger währungssensitiv sind, einem geringeren Gegenwind standhalten. Entsprechend risikobereite Anleger sollten daher den gesamten japanischen Aktienmarkt im Auge behalten. Sobald die Störfeuer nachlassen, könnte das insgesamt robuste globale Konjunkturumfeld auch den zyklischen japanischen Unternehmen zur Outperformance verhelfen.

Aktien weiterhin ein interessantes Investment

In den Schwellenländern wiederum scheinen zyklische sowie defensive Aktien gleichermaßen über interessantes Kurspotenzial zu verfügen. Für die zyklischen Sektoren dürfte ebenfalls das starke Wirtschaftswachstum sprechen: Für das aktuelle Jahr rechnet die Deutsche Bank in den aufstrebenden Volkswirtschaften mit einem Konjunkturplus von insgesamt 5,1 Prozent. Gleichzeitig dürften sich, aufgrund der in vielen Ländern rasant wachsenden Mittelschicht und des steigenden Wohlstands, immer mehr Menschen Güter leisten können, die bei uns bereits zum Alltag gehören – und daher dürfte auch das Ertragspotenzial der Unternehmen aus bei uns als defensiv geltenden Sektoren, wie beispielsweise Basiskonsum-und Gebrauchsgüter, zunehmen.

Insgesamt dürften die internationalen Aktienmärkte aus Sicht der Deutschen Bank für entsprechend risikobereite Anleger weiterhin interessante Anlagemöglichkeiten bieten – trotz der zuletzt gestiegenen Unsicherheit. Die politischen Entwicklungen insbesondere um den Handelsstreit zwischen den USA und China nehmen derzeit zwar Einfluss auf die Kapitalmärkte. Die harten Wirtschaftsdaten zeigen sich jedoch noch weitestgehend unbeeindruckt und sollten – sofern eine Eskalation ausbleibt – zeitnah wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken.

Dr. Ulrich Stephan ist Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

29.06.2018 | 23:04

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