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Argentinien – Zartes Produkt, zähe Probleme

Torsten Reidel (Bild: Gruener Fisher)

Groß wie die Hörner der Rindviecher: die wirtschaftlichen Probleme Argentiniens (Bild: Shutterstock)


Veganer und Vegetarier müssen den Anfang dieser Kolumne ausnahmsweise mal überspringen. Denn es geht um Fleisch, genau genommen um argentinisches Rindfleisch. Für das südamerikanische Land ist das Agrarprodukt ein wichtiger Exportschlager, der rund um den Globus gefragt ist. Das Fleisch gilt als ausgesprochen zart mit charakteristischem Aroma, gleichzeitig ist es vergleichsweise erschwinglich gegenüber Spitzensorten etwa aus den USA oder Japan. Den Bankern des Internationalen Währungsfonds (IWF) mag bei dem Gedanken an ein Steak aus Argentinien mittlerweile jedoch der Appetit vergangen sein.

Von Torsten Reidel

Sie dürften sich fragen, warum ein Land, das in der Lage ist, ein so gutes Produkt herzustellen, bei seinen Staatsfinanzen in solcher Regelmäßigkeit versagt. Erst vor wenigen Wochen musste der IWF Argentinien mit einem Rekordkredit von 50 Milliarden Dollar von heute auf morgen unter die Arme greifen. Die Nacht-und-Nebel-Aktion hat Investoren umso mehr verschreckt, als dass eben jener IWF das Land kurz zuvor noch als Musterschüler Lateinamerikas gelobt hatte, in dem Staatspräsident Mauricio Macri mutige Reformen auf den Weg gebracht hat. Doch Argentinien steckt in einer Schuldenfalle. Das Defizit im Staatshaushalt und in der Leistungsbilanz liegt bei jeweils rund fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ausländische Investoren, allen voran aus den USA, haben bislang dafür gesorgt, dass Argentinien diese Lücke finanzieren konnte. Seit Jahresanfang jedoch hat sich die Landeswährung Peso um mehr als 50 Prozent zum Dollar abgewertet. Dagegen nimmt sich der Verfall der türkischen Lira fast schon moderat aus. Ohne Hilfe von außen kann Argentinien seine Schuldenlast, die in US-Dollar zu bezahlen ist, nicht mehr stemmen.

Das ist für sich genommen keine Schande. Es ist Aufgabe des IWF, in einer solchen Situation zu helfen. Problematisch ist die seit Jahrzenten prekäre wirtschaftliche Lage Argentiniens und dass speziell der IWF gezwungen ist – um beim Bild vom Anfang zu bleiben – auf dem Thema herumzukauen. Bereits zur Jahrtausendwende hing das Land am Tropf des Währungsfonds, nachdem die Wirtschaft tief in einer Rezession gerutscht war. Weil Reformen und die Sanierung der Staatsfinanzen nicht so vorankamen wie gefordert, setzte der IWF 2001 eine Hilfstranche kurzerhand aus. Daraufhin fand eine Kapitalflucht statt, in deren Folge das Finanzsystem kollabierte und Argentinien den Schuldendienst auf seine Anleihen aussetzen musste. Der eine oder andere Sparer hierzulande wird sich vielleicht noch schmerzlich daran erinnern. Denn damals wurden Gaucho-Anleihen von deutschen Banken gerne der privaten Kundschaft angeboten – die wegen des hohen Kupons auch prompt zugriff, ohne wirklich über die Risiken informiert zu sein.

Von diesem Zusammenbruch seines Finanzsystems hat sich die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas im Grunde nie wieder richtig erholt. Die Frage ist, warum? Ein Grund ist, dass Macri dem Übel der Korruption, das unter den Vorgängerregierungen um sich gegriffen hat, bislang nicht den Garaus machen konnte. Fast alle großen Baufirmen stehen im Verdacht, dass bei der Vergabe von Staatsaufträgen nichts ohne Mauscheleien und Schmiergelder läuft. Der dringend benötigte Ausbau der Infrastruktur des Landes hinkt hinterher. Dazu kommt politische Instabilität. Macri führt eine Minderheitsregierung. Beim Vorantreiben demokratie- und marktfreundlicher Reformen ist er daher auf die Gunst der Opposition, vor allem der ehemaligen Peronisten, angewiesen. Das Reformtempo erlahmt dadurch immer wieder. Schließlich spürt die argentinische Volkswirtschaft mehr und mehr den Gegenwind durch steigende US-Zinsen und eine Eintrübung des Welthandelsklimas.

Vor allem aber macht die anhaltende Dürre zu schaffen. Die Agrarexporte sind massiv eingebrochen. Ersten Schätzungen zufolge wird dies Argentinien ein bis zwei Prozentpunkte an Wirtschaftsleistung kosten. Mittlerweile hat Macri eine allgemeine Exportsteuer eingeführt, um den dramatischen Währungsverfall und die rasante Teuerungsrate – derzeit sind es über 40 Prozent – in den Griff zu bekommen. Fraglich bleibt jedoch, ob diese Maßnahme gegen die zum großen Teil strukturellen Probleme helfen wird.

Hiermit ist ein wichtiges Stichwort gefallen: Argentiniens Probleme sind weitgehend hausgemacht. Zwar gibt es Parallelen zur Türkei und anderen Schwellenländern wie etwa die hohe Auslandsverschuldung. „Ansteckungseffekte“ auf die gesamten Emerging Markets sind jedoch zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu befürchten. Anleger sollten dennoch gewarnt sein. Steigende Währungs- und Schuldenrisiken sind ein Thema, das sie im Blick behalten sollten. Argentinien und die Türkei werden keine Einzelfälle bleiben. Dies darf jedoch nicht den Blick dafür verstellen, dass sich die externen Schulden der Emerging Markets weiterhin auf einem gesunden Niveau bewegen. Vor allem in den wirtschaftlich bedeutenden Staaten Russland, Indien, Brasilien und China sind die Währungsreserven in Fremdwährungen vielfach auf historisch hohem Niveau angekommen. Gerade China als inzwischen stärkster US-Dollar-Ankäufer befindet sich somit in einem extrem gesunden Zustand. Ein Übergreifen der aktuellen Argentinien-Krise ist somit auch von der Währungsseite her unwahrscheinlich.

Torsten Reidel ist Geschäftsführer von Grüner Fisher Investments.

09.10.2018 | 17:09

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