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Billionenschwere Börsenhipsterei

(Foto: RWE)



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Bei einer neuen Geldanlage achten inzwischen 70 Prozent der Deutschen darauf, dass diese auch nachhaltig ist. Eine schöne Entwicklung für den Planeten, aber auch für das Portemonnaie?

Bei einer neuen Geldanlage achten inzwischen 70 Prozent der Deutschen darauf, dass diese auch nachhaltig ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in Auftrag gegebene Studie zum Anlageverhalten in Corona-Zeiten. Die Sorge, dabei weniger Rendite als mit einem klassischen Sparprodukt zu erzielen, spiele dazu „keine Rolle mehr“.

Besonders überraschend kommen Ergebnisse wie dieses nicht. Die Nachhaltigkeitswelle rollt an den Börsen. Und bei der aktuellen Klettertour an den Märkten, steigt ohnehin so gut wie alles, was halbwegs glaubwürdig einem Zukunftstrend folgt. Umso entspannter lässt sich da aus Anlegersicht gleichzeitig noch etwas für das eigene Umwelt- und Sozialgewissen tun. Investieren, Rendite einstreichen und dann auch noch den Planeten retten. Das klingt gut und kommt gerade beim jüngeren Klientel, das durch den im Zuge der Coronakrise losgetretenen Aktienhype selbstbewusst wie nie an die Märkte drängt, gut an.

Überhaupt ist alles mit grünem Anstrich gerade super angesagt. Es scheint, als hätten die Finanzmärkte dieser Welt das Hipster-Dasein für sich entdeckt. Endlich keine moralischen Dilemma mehr, da das Geld ja in „guten Firmen“ landet. Börse in cool, das macht Spaß. Spätestens seit dem Wahlsieg Joe Bidens in den USA, ist deshalb ein regelrechter Hype um soziale und nachhaltige Investments entstanden. Auch in Europa hätten zahlreiche politische und regulatorische Initiativen den Grundstein dafür gelegt, dass sich die Entwicklungen im Bereich nachhaltiger Anlagen beschleunigen, sagt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei der US-Investmentbank JP Morgan.

Vor allem aber steigen Angebot und Bemühungen der großen Vermögensverwalter und Banken in diesem Bereich seit Monaten kräftig. Ende März sind nun erneut 43 Investoren gemeinsam der Investoreninitiative „Net Zero Asset Managers“ beigetreten. Darunter die mit Blackrock und Vanguard größten Vermögensverwalter der Welt. Insgesamt hat das Bündnis nun 73 Unterzeichner und verwaltet ein Vermögen von umgerechnet 32 Billionen US-Dollar. Ziel des Investorennetzwerks ist es, seine Portfolios bis 2050 klimaneutral zu machen. Und ist damit nicht allein. „Climate Action 100+“, eine Allianz von 540 Vermögensverwaltern, verfolgt die gleichen Ziele.

Entsprechend rasant steigen die Summen, die in nachhaltigen Fonds landen. „Die Summe des nach ESG-Kriterien verwalteten, weltweiten Vermögens ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen und wird in diesem Jahr weiter an Fahrt aufnehmen“, sagt Investmentstratege Galler. Auf globaler Ebene habe sich die Summe des nach ESG-Kriterien beeinflussten Vermögens binnen vier Jahren verdoppelt. Ein ähnliches Bild zeichnet der Anleihemarkt. Im Februar ist das emittierte Emissionsvolumen nachhaltiger Unternehmensanleihen um 300 Prozent gestiegen. Im gesamten ersten Quartal wurden Bonds im Wert von 100 Milliarden Euro ausgegeben. Eckhard Schulte, Manager des MainSky Active Green Bond Fund, glaubt, dass das Marktvolumen in diesem Jahr „locker die Schallmauer von einer Billion Euro“ durchbrechen wird. „In den kommenden Jahren wird die europäische Wirtschaft ihren Finanzbedarf zunehmend durch nachhaltige Unternehmensanleihen decken“, ist LBBW-Analystin Alexandra Schadow überzeugt.

Für den Planeten ist das eigentlich ein hoffnungsfrohes Zeichen. Aber wehe, da geht was schief. Und die versprochenen Renditen fallen aus. Dann kann auch eine Mega-Blase platzen. Privatanleger sollten sich dieses Risikos bewusst sein. Sie sollten genauestens prüfen, in welchen Unternehmen ihr Geld landet und nicht blind den drei Buchstaben „ESG“ folgen. Mit der fröhlichen Börsenhipsterei kann es schnell vorbei sein, wenn die Märkte ihr Momentum verlieren.

OG

31.03.2021 | 15:44

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