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Der bange Blick auf die Bewertungen

(Foto: solarseven / Shutterstock)



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Die Aktienmärkte sind aus der Euphorie in eine Phase des Abwartens gewechselt. Verständlich, denn der Blick auf die Bewertungen lässt einen holprigen Jahresstart 2022 erwarten. „Noch immer sind die Bewertungen sehr hoch und angesichts der in der Realwirtschaft drohenden Risiken vielleicht auch schlicht zu optimistisch“, sagt Ivan Mlinaric, Geschäftsführer der Quant.Capital Management GmbH.

Das langfristige Shiller-KGV liegt aktuell bei 38,6 und hat damit zuletzt neue zyklische Höchststände erreicht. „Höhere Werte wurden nur in der Spitze der Internetblase um das Jahr 1999 erreicht“, sagt Mlinaric. Hier sind sehr hohe Zuwachsraten bei den Gewinnen eingepreist, zumindest bei den US-Aktien. Ein Grund liegt in der Tendenz der Analysten, Gewinne systematisch zu überschätzen. „Wir sehen in unseren Risikoanalysen, dass die Unternehmensgewinne in den vergangenen 20 Jahren häufig stark überschätzt wurden“, sagt Mlinaric. „Und das umso stärker, je optimistischer die Börsenzeiten gerade waren.“

Gemessen an den für das aktuelle Geschäftsjahr erwarteten Unternehmensgewinnen wird der S&P 500 Index mit einem KGV von 23 gehandelt. „Seit 1950 wurde der S&P 500 im Durchschnitt mit einem KGV von etwa 18 gehandelt“, sagt Mlinaric. Die Börsenexperten erwarten für das kommende Geschäftsjahr einen weiteren Anstieg der Unternehmensgewinne um 8,5 Prozent. „Unsere Berechnungen zeigen, dass die Analysten dazu tendieren, die Gewinne der US-Firmen ein Jahr im Voraus im Durchschnitt um 6,5 Prozent zu überschätzen“, so Mlinaric.

Beim Dax ist die Bewertung nicht ganz so hoch: Der Dax etwa wird gemessen an den für das aktuelle Geschäftsjahr erwarteten Unternehmensgewinnen mit einem KGV von 14,8 gehandelt. „Dabei erwarten die Analysten für das kommende Geschäftsjahr einen weiteren Anstieg der Unternehmensgewinne um 3,7 Prozent, was nicht allzu ambitioniert erscheint“, so Mlinaric. Zu bedenken ist allerdings, dass viele dazu tendieren, die Gewinne ein Jahr im Voraus im Durchschnitt um 46 Prozent zu überschätzen, in optimistischen Zeiten sogar im Schnitt um über 100 Prozent.

Angesichts der noch immer drohenden Gefahr einer Stagflation oder zumindest eines deutlich langsameren Wirtschaftswachstums sind die Gewinnsteigerungen für 2022 möglicherweise nicht nur systematisch, sondern auch von den realen Zahlen her deutlich zu hoch angesetzt. „Für Anleger ist es wichtig, sich diese Zusammenhänge bewusst zu machen und möglicherweise einen Risikoabschlag auf die Bewertungen vorzunehmen“, sagt Mlinaric.

16.12.2021 | 15:02

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