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Diese deutschen Start-ups könnten 2021 zum Einhorn werden

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Eine neue Fintech-Studie drückt die Stimmung in der deutschen Start-Up-Szene. Dabei steht es um viele Jungunternehmen im Land gar nicht schlecht. Immer mehr von ihnen liegen aussichtsreich im Rennen um den so wichtigen Einhornstatus.

Zunächst die schlechte Nachricht: Fintech-Startups aus Deutschland wurden im vergangenen Jahr von Investoren gemieden. Zu diesem Schluss kommt eine Statistik des Wagniskapitalgebers BlackFin im Auftrag von Finance Forward. China und die USA sind ohnehin enteilt, nun befand sich 2020 aber auch unter den 20 größten Fintech-Finanzierungen in Europa nur ein Start-Up aus Deutschland – die Smartphone-Bank N26. Wohlwollend ließe sich noch der Kreditanbieter Iwoca hinzuzählen, ein britisch-deutsches Fintech, das seinen Sitz aber in London hat. Das vereinigte Königreich blieb derweil mit elf Firmen im Ranking die unangefochtene Nummer Eins. Insgesamt wurden in Großbritannien 274 Deals abgeschlossen. In Deutschland waren es 65, womit die Bundesrepublik auch Frankreich (66) vorbeiziehen lassen musste. Den europäischen Top-Deal 2020 schloss mit 756 Millionen Euro der schwedische Zahlungsanbieter Klarna ab. Zum Vergleich: N26 sammelte gerade einmal 100 Millionen Euro ein. Eine Statistik zum Gruseln – mal wieder, mag da mancher denken.

Jetzt aber die gute Nachricht: Die Fintech-Branche bleibt offenbar die Ausnahme. Die Regel jedenfalls erzählt hierzulande inzwischen etwas anderes. In Deutschland erreichen immer mehr Start-Ups den Einhorn-Status, sprich eine Bewertung von mindestens einer Milliarden Euro, oder sind auf gutem Weg dorthin. Europaweit gehörte die Bundesrepublik im vergangenen Jahr mit einem akquirierten Wagniskapital in Höhe von 5,4 Milliarden Euro zur Spitze. Innerhalb von vier Jahren hat sich die Summe verdoppelt.

Deutsche Start-Ups europaweit am höchsten bewertet


Einer Rangliste des Investorennetzwerks Tech Tour zufolge, hat dazu nur Großbritannien (18) mehr Jungunternehmen, die bald ein Einhorn werden könnten, als Deutschland (11). Und: Addiert bewerten Investoren deutsche Start-Ups höher. In der Tech Tour-Studie nimmt Deutschland diesbezüglich mit umgerechnet 336 Millionen US-Dollar Platz Eins ein. Großbritannien folgt noch hinter der Schweiz (241 Millionen) auf Rang Drei (212 Millionen). Überdies bemerkenswert: Europas Start-Ups werden bei internationalen Kapitalgebern insgesamt immer beliebter. Das Handelsblatt veröffentlichte jüngst eine Datenanalyse des Münchner Risikoinvestors Earlybird, nach der Kapitalgeber bei Verkäufen oder Börsengängen von Start-Ups inzwischen pro investiertem Euro mehr Rendite erwirtschaften als in den USA.

Eine ausgezeichnete Lage für erfolgreiche Finanzierungsrunden. Das viele Geld am Markt will investiert werden. Der Weg zum Einhorn war womöglich noch nie so einfach, wie derzeit. Entsprechend häufen sich die Erfolge. Allein im Januar des laufenden Jahres schafften drei deutsche Unternehmen den Sprung über die Milliarden-Hürde. Jüngstes Mitglied in der deutschen Unicorn-Gemeinde ist seit wenigen Wochen das Münchner HR-Software-Unternehmen Personio. Nach einer 103 Millionen Euro schweren Finanzierungsrunde ist das Recruiting-Start-Up nun rund 1,4 Milliarden Euro wert. Offenbar wächst damit auch das Selbstbewusstsein. Gegenüber dem Handelsblatt frohlockte Gründer Hanno Renner: „Es gibt keinen Grund, warum wir nicht eines Tages mit 20 oder auch 40 Milliarden bewertet werden sollten.“

Weg zum Unicorn wird immer kürzer


Wenige Tage vor Personio hatten das Berliner Fintech Mambu, das Mikrofinanzierern Cloudtechnologie beiseite stellt, und das Logistik-Start-Up Sennder Einhorn-Status erlangt. „Ich glaube 2021 wird ein Jahr der Einhörner“, sagte Uwe Horstmann, Mitgründer des Venture-Capitalist-Unternehmens Project A und Sennder-Investor, dem Internetportal Gründerszene. Gegenüber selbigem meinte Christian Meermann, Mitgründer von Cherry: „In den letzten Jahren hat das Tempo extrem angezogen, der Weg zum Unicorn wird immer kürzer.“

Von Babbel bis Orderbird – Einhörner lauern derzeit überall

Folglich gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen, die 2021 die deutsche Einhorn-Herde noch erweitern könnten. Vorhersagen darüber zu treffen, wer die besten Chancen hat, ist kein Leichtes uns bisweilen sehr spekulativ. Tech-Tour veröffentlicht jedes Jahr eine Liste mit den europäischen Top-50. Dabei lag das Netzwerk schon oft richtig. Für das vergangene Jahr favorisierte Tech Tour die Sprachen-App Babbel, den App-Analytiker Adjust, die Fitnesstechnologie-Firma eGYM, die Identitätsüberprüfungsplattform IDnow, die Übersetzer-App DeepL, den Studentenjob-Vermittler Zenjob, das Kredit-Vergleichs-Portal Smava und die App Blinkist, die durch ihre Zusammenfassungen von Sachbüchern bekannt geworden ist. Darüber hinaus fanden sich in dem Ranking Mambu, Wefox und Signavio, die alle drei den Einhorn-Status schon erreicht haben. Die Liste für 2021 wurde noch nicht veröffentlicht.

Die Start-Up-Plattform Sifted fasst den Kreis aussichtsreicher Kandidaten noch etwas weiter, bezieht in ihre Top-100 der aufregendsten deutschen Start-Ups allerdings auch solche mit ein, die es bereits zum „Unicorn“ geschafft haben. Auf gutem Weg dorthin, sieht Sifted neben vielen weiteren so beispielsweise die Präsentations- und Co-Working-Plattform Pitch, die digitale Coaching-Plattform Coachhub, das Vertical Farming-Start-Up INFARM oder die Bestell-App Orderbird.

Die Corona-Pandemie hat viele digitale Trends beschleunigt und damit auch die Geschäftsmodelle vieler bis dato kleiner Start-Ups auf einen Schlag wertvoll gemacht. Jedox zum Beispiel entwickelt EPM-Software, die Unternehmen bei der Budgetplanung hilft. Vor dem Hintergrund der Pandemie ein gefragter Alltagshelfer. Das Kerngeschäft wuchs zuletzt um 60 Prozent. Die Investoren ließen sich nicht lange bitten und steckten im Rahmen der vergangenen Finanzierungsrunde 100 Millionen US-Dollar in das Start-Up. „Jedox hat das Potenzial, ein Einhorn mit Milliardenbewertung zu werden. Wir sind jetzt schon auf dem besten Weg dahin“, sagte Investor Paul-Josef Patt dem Handelsblatt.

Es mangelt also nicht an Kandidaten für ein Einhorn-Rekordjahr in Deutschland. Wirklich selten sind die Fabelwesen am Markt nicht mehr. Für die hiesige Start-Up-Landschaft sind das schöne Nachrichten. Die schlechte lautet: Aktuell gibt es in Deutschland 15 Unicorns. In den USA sind es 216.

OG

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03.02.2021 | 17:48

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