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Ein Mann, (k)ein Wort?

Dieter Zetsche (Bild: Daimler AG)


Die Automobilbranche kommt nicht zur Ruhe. Daimler schreibt glänzende Zahlen, doch aus den USA drohen massive gerichtliche Schwierigkeiten. Auch wenn das ein wenig an die Zahlungen von VW erinnert, die wie Tributzahlungen wirkten: völlig unverschuldet sind er wie VW wohl kaum die ganzen Schwierigkeiten geraten. Wie wird Dieter Zetsche auf die Vorwürfe reagieren? Und ist sein persönlicher Ruf in Gefahr?

Im Mai wird Dieter Zetsche 65 Jahre alt. Einen beeindruckend großen Teil seines Lebens hat er bei Daimler verbracht, seit 1976 arbeitet er für die Stuttgarter. Angefangen hat er in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Dann arbeitete sich der studierte Ingenieur über viele Stationen in den Vorstand vor und übernahm 2006 dessen Vorsitz. In der Folge gelang ihm eine mehr als erfolgreiche Restrukturierung des Konzerns, vor allem die Kernmarke des Konzerns, Mercedes Benz, führt er zurück in die Erfolgsspur. War man zwischenzeitlich hinter BMW und sogar Audi zurückgefallen, ist die Marke mit dem Stern inzwischen wieder deutlich der größte deutsche Premium-Autohersteller – und der größte weltweit.

Zetsche selbst sieht heute zwei seiner großen Ziele erreicht. Daimler sei „kerngesund und hochprofitabel“ und nun sei man in „der Gestaltungsphase für die Zukunft“ – so formulierte er es jüngst auf der Jahrespressekonferenz in Stuttgart. Bei dieser Phase der Gestaltung dürfte es vor allem um die angedachte Dreiteilung des Daimler-Konzerns in die eigenständigen Sparten PKW, LKW und Busse sowie Finanzdienstleitungen gehen. Würde er auch diese tiefgreifende Umstrukturierung erfolgreich in die Wege leiten, könnte er sich 2020 mit dem Auslaufen seines Vertrages eigentlich erhobenen Hauptes und guten Gewissens entweder zurückziehen oder einer Berufung in den Aufsichtsrat guten Mutes entgegensehen.

Doch ausgerechnet jetzt, so kurz vor dem Gipfel einer großen Karriere, wird die Luft um Zetsche herum dünner. Dieselskandal bei Daimler! Es geht die Vermutung um, dass hier noch eine Menge auf den so traditionsreichen Autokonzern wartet. Das deutsche Kraftfahrtbundesamt, die Stuttgarter Staatsanwaltschaft und die US-Behörden ermitteln schon länger, neue Erkenntnisse geben nun aber neuen Anlass zur Beunruhigung. Nach Informationen der „Bild am Sonntag“ soll es in mehreren Mercedes-Modellen unter anderem eine Software namens „Bit15“ geben, die die Abgasnachbehandlung nach 26 Kilometern aussetzt.

Auch wenn es offiziell noch keine Rechtsverstöße gibt, Daimler warnte zuletzt bereits seine Aktionäre vor Belastungen. Seine Rückstellungen hat man aufgrund rechtlicher Risiken inzwischen nochmals um 1,2 auf nun 17,2 Milliarden Euro aufgestockt. Nicht auszuschließen sei es, dass die Behörden „zu dem Schluss kommen, dass in Mercedes-Benz-Dieselfahrzeugen ähnliche Funktionalitäten enthalten sein könnten“, schreibt Daimler im Geschäftsbericht 2017 und meint damit freilich illegale Abschalteinrichtungen. Zudem ist dort von einem möglichen „erheblichen Kollateralschaden“ sowie „Reputationsschäden“ die Rede. Das klingt mal mindestens bedrohlich. Kein Wunder, dass die Daimler-Aktie daher zu den Werten im Dax gehört, die sich von dessen jüngstem Kurssturz bislang kaum erholen konnten. Seit dem Januar-Hoch bei 75,69 Euro ging es um knapp acht Prozent bergab auf 69,90 Euro. Und so lange neue Anschuldigungen im Abgasskandal mehr wahrscheinlich als unwahrscheinlich sind, scheint Besserung kaum in Sicht. Da helfen Zetsche auch Rekordzahlen bei Absatz, Umsatz und Gewinn nicht, die im Gesamtjahr 2017 um neun, sieben und 23 Prozent auf 3,3 Millionen, 164,3 und elf Milliarden Euro emporschnellten. OG

23.02.2018 | 21:35

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