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Eine Frage des Zufalls

Torsten Reidel (Bild: Grüner Fisher)

(Bild: Fotolia / vege)


Jedes Medium hat seine journalistischen Dauerbrenner, die regelmäßig hervorgeholt werden, ohne dass sie aus der Mode geraten. Bei Frauenzeitschriften zum Beispiel ist es die Diät im Frühjahr. Bei Ratgeberzeitschriften gelten Tipps zum Weihnachtsfest für den richtigen Umtausch ungeliebter Geschenke als Klassiker. Und bei Börsenbriefen, Geldanlagemagazinen und den Finanzseiten der großen Tageszeitungen? Da ist es die Frage, wo denn wohl die Aktienkurse am Ende eines Halbjahres oder Jahres stehen werden.

Von Torsten Reidel

Häufig fokussiert sich die journalistische Dauerbrenner-Prognose in Wirtschaftssachen auf das deutsche Börsenbarometer DAX. Manchmal ist auch der Dow Jones- oder der S&P 500-Index gefragt. In den vergangenen Jahren fiel das Ergebnis dieser Umfragen in etwa immer gleich aus: Die Mehrheit der Anlageexperten erwartete einen moderaten Anstieg der Kurse auf Sicht der kommenden sechs oder zwölf Monate. „Anleger blicken zurückhaltend auf die Börse“ ist eine der typischen Überschriften, die über solchen Artikeln dann prangte.

Wir bei Grüner Fisher Investments haben stets einen differenzierten Blick auf diese Prognosen geworfen. Für uns als unabhängiger Vermögensverwalter kommt es vor allem darauf an, unseren Kunden den langfristigen und nachhaltigen Anlageerfolg zu ermöglichen – unabhängig davon, wie es kurzfristig an den Weltbörsen läuft. Sich an kurzfristig ausgelegten Punktprognosen zu orientieren, ist dabei aus strategischer Sicht also wenig sinnvoll. Um dennoch wichtige Erkenntnisse aus diesen Informationen zu ziehen, ist ein genauerer Blick auf die Methodik der Prognosen hilfreich.

Jeder professionelle Marktteilnehmer, der bereits selbst an einer derartigen Umfrage teilgenommen hat, muss feststellen: Die Versuchung ist groß, einen Punktestand zu nennen, der sich an der historischen Durchschnittsrendite des zugrundeliegenden Index orientiert. Das Risiko, mit dieser Prognose hoffnungslos daneben zu liegen – und sich damit unweigerlich zu blamieren – erscheint vergleichsweise gering. Zudem ist es ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen, beispielsweise den Stand des Dax zum Jahresende exakt vorhersagen zu wollen. Das Prinzip Zufall hält Einzug.

Historisch betrachtet zeigt sich jedoch: Die durchschnittliche Rendite eines Aktienindex entsteht durch die Kombination extremer Werte. Sprich: Bei einer Jahresperformance sind durchschnittliche Werte selten, extreme Werte sind normal. Gerade bei relativ „schmalen“ Indizes wie Dax & Co. wird also die typische Volatilität in diesen Prognosen einfach nicht berücksichtigt. Dementsprechend liegt der aus den Umfragewerten generierte Marktkonsens in schöner Regelmäßigkeit daneben.

Interessant ist dabei zu beobachten, wie viele Analysten und Banken zumindest nach außen hin ihre Erwartungshaltung unterjährig anpassen. Das typische Spiel läuft so: Gehen die Kurse im ersten Halbjahr nach oben, werden die Prognosen zum Jahresende angehoben. Läuft das erste Halbjahr schlecht, werden sie gekappt. Im laufenden Börsenjahr 2018 haben einige Banken ihre Prognosen nach unten korrigiert – bedingt eben durch das durchwachsene erste Halbjahr. Am Jahresende kann die Prognose im Einzelfall dann wieder zutreffen, die zu Jahresbeginn getroffen wurde – auch wenn aufgrund der hohen Volatilität unterjährig die „korrigierte“ Prognose eine ganz andere war.

Wo ist nun der Mehrwert für die Anleger? Sicher ist: Wer die Strategie im eigenen Portfolio an die kurzfristigen Punktprognosen koppelt, der transferiert unweigerlich die Schwankung der Umfragewerte ins eigene Portfolio, vollzieht zahlreiche Strategiewechsel und verliert das langfristige Bild dadurch völlig aus dem Blick. Mit dem Wissen, dass der Marktkonsens aufgrund seiner Struktur in den seltensten Fällen richtig liegt, lassen sich dagegen zahlreiche sinnvolle Research-Ansätze finden, immer unter der Prämisse: Ist die durchschnittliche Erwartungshaltung der Anleger zu hoch oder zu niedrig?

2018 haben sich zur Jahresmitte nur sehr wenige Banken und andere Marktteilnehmer mit einer Prognose zu Wort gemeldet. Für Anleger ist das gar nicht schlimm, da sie bei ihrer Investmentstrategie generell andere Prioritäten setzen sollten. Eine langfristige, nachhaltige und erfolgreiche Strategie zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich nicht von der Volatilität der Märkte „anstecken“ lässt – eine Eigenschaft, die kurzfristige Prognosen nicht besitzen.

Torsten Reidel ist Geschäftsführer von Grüner Fisher Investments.

04.09.2018 | 13:40

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