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Reichtum weltweit gestiegen



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Alljährlich untersucht der Versicherer Allianz die Verteilung des Reichtums auf der Welt. In Pandemiezeiten gibt es einen medizinischen Befund. Das Vermögen der Superreichen schmilzt auch in Corona-Zeiten nicht.

Es hört sich an wie ein Widerspruch: Auf der einen Seite steckt die globale Wirtschaft in der tiefsten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf der anderen Seite wächst das Vermögen derjenigen, die sowieso schon viel Geld haben. „Vermögensimmunität“ taufen die Autoren des globalen Vermögensreports, den der Versicherer Allianz jährlich herausgibt, dieses Phänomen und wählen damit einen Ausdruck, der in einer von Medizinern dominierten und von Corona geprägten Umgebung zeitgemäß klingt.

Der „Global Wealth Report“, den der Versicherer jetzt veröffentlich hat, zeichnet zunächst die Entwicklung des vergangenen Jahres nach: Noch nie konnte über ein Jahrzehnt hinweg eine so große Zunahme des Wohlstands verzeichnet werden wie 2019: Weltweit stieg das Brutto-Geldvermögen um 9,7 Prozent, das ist das stärkste Wachstum seit 2005. Auslöser dafür sind die Zentralbanken, die beinahe weltweit jede Krise mit noch mehr Geld bekämpfen. Das Geld strömt vor allem in die Aktienmärkte, die im vergangenen Jahr ein Plus von 25 Prozent verzeichnet haben. Das hat Aktionäre reich gemacht: Allein die Anlageklasse der Wertpapiere nahm 2019 um satte 13,7 Prozent zu. Nie war das Wachstum im 21. Jahrhundert stärker.

Schwellenländer fallen wieder zurück

Eine weitere Besonderheit: Über Jahre hinweg wurde die regionale Wachstumsrangliste von Schwellenländern angeführt - nicht so im Jahr 2019. Die Regionen, die das schnellste Wachstum verzeichneten, waren sowieso die reichsten: in Nordamerika und dem Gebiet nördlich und östlich von Australien nahm das Brutto-Geldvermögen der Haushalte um jeweils rekordverdächtige 11,9 Prozent zu. „Der Aufholprozess ist ins Stocken geraten“, schreiben die Autoren des Reports.

Für das von der Pandemie geprägte Jahr 2020 sehen sie einen ähnlichen Verlauf, allerdings extremer. Als Covid-19 die Weltwirtschaft in die tiefste Rezession seit 75 Jahren stürzte, legten Zentralbanken und Finanzbehörden auf der ganzen Welt beispiellose Hilfspakete auf und schirmten so die Haushalte und ihr Geldvermögen vor den Folgen einer „Welt in Unordnung“ ab, heißt es. „Wir gehen daher davon aus, dass die privaten Haushalte ihre Verluste aus dem ersten Quartal wettmachen konnten und bis zum Ende des zweiten Quartals 2020 einen leichten Anstieg des globalen Geldvermögens um 1,5 Prozent verzeichnen.“ Es sei damit sehr wahrscheinlich, dass das Geldvermögen der privaten Haushalte im Jahr 2020 im Plus enden wird.

„Die Welt wird ein ärmerer Ort“

Damit hat das was Europäische Zentralbank, US-Notenbank oder auch die japanische Zentralbank machen, nämlich Geld ohne Zinsen zu verleihen und Schulden aufzukaufen, die Vermögen gegen Corona immun gemacht. „Aber wir sollten uns nichts vormachen“, schreiben die Autoren: „Null- und Negativzinsen sind ein süßes Gift. Den Tag zu retten ist nicht dasselbe wie die Zukunft zu gewinnen.“ Das Wohlstandsgefälle zwischen reichen und armen Ländern habe sich nämlich wieder vergrößert. Im Jahr 2000 war das Netto-Geldvermögen pro Kopf in den Industrieländern im Durchschnitt 87-mal höher als in den Schwellenländern; bis 2016 war dieses Verhältnis auf 19 gesunken. Seither ist es wieder auf 22 im Jahr 2019 angestiegen. Diese Umkehrung des Aufholprozesses lässt sich auch an anderer Stelle beobachten: Erstmals ist die Zahl der Mitglieder der globalen Vermögensmittelklasse deutlich gesunken: von etwas mehr als eine Milliarde Menschen im Jahr 2018 auf knapp 800 Millionen Menschen im Jahr 2019. „Es ist ziemlich beunruhigend, dass sich die Kluft zwischen reichen und armen Ländern wieder vergrößert hat", stellt Patricia Pelayo Romero fest, eine der Autorinnen des Berichts. „Denn die Pandemie wird sehr wahrscheinlich die Ungleichheit weiter vergrößern, da sie nicht nur einen Rückschlag für die Globalisierung darstellt, sondern auch das Bildungs- und Gesundheitswesen, insbesondere in Ländern mit niedrigem Einkommen, erschüttert. Wenn sich immer mehr Volkswirtschaften nach innen wenden, wird die Welt insgesamt ein ärmerer Ort sein".

Während diese Einschätzungen Wasser auf die Mühlen aller Globalisierungskritiker sind und deswegen in dem Report auch ausführlich beschrieben werden, gibt es anders gerechnet Lichtblicke: Betrachtet man nämlich die Entwicklung seit der Jahrhundertwende, so bleibt der Aufstieg der Schwellenländer beeindruckend. Bereinigt um das Bevölkerungswachstum wuchs die globale Vermögensmittelklasse um fast die Hälfte und die obere Vermögensklasse um 30 Prozent – während die untere Vermögensklasse um fast zehn Prozent zurückging. Zwar verfügen die reichsten zehn Prozent, zu denen sich auch zahlreiche Deutsche zählen können, mit einem durchschnittlichen Netto-Geldvermögen von 240 000 Euro über 84 Prozent des gesamten Geldvermögens der Welt, dennoch geht es auf der Welt unterm Strich ein wenig gerechter zu.                            
oli

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24.09.2020 | 14:19

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