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Nach Kurssturz: Ist die Osram-Aktie jetzt ein Kauf?

(Bild: Osram AG)


Die zweite Gewinnwarnung innerhalb von acht Wochen war mindestens eine zu viel. Osram-Anleger zogen am vergangenen Donnerstag die Reißleine und straften die Aktie des Leuchtmittelspezialisten mit einem Minus von 22 Prozent ab. Seit Beginn des Jahres haben die Münchner damit mehr als die Hälfte ihres Börsenwertes verloren. Keine guten Aussichten, möchte man meinen. Viele Analysten jedoch halten die Abschläge für übertrieben und raten gerade jetzt zum Einstieg.

Mitten in die aufgrund von Handelskonflikt und wieder trüberem Wirtschaftsausblick ohnehin äußerst angespannte Situation am Markt mit einer Gewinnwarnung hereinzuplatzen, darf wohl vorsichtig ausgedrückt als ungünstig bezeichnet werden. Osram tat es am vergangenen Donnerstag trotzdem. Was muss, das muss eben. Und einen wirklich günstigen Zeitpunkt für das Zusammenstreichen der eigenen Prognosen wird es wohl ohnehin nie geben. So mussten sie in München also in den besonders sauren Apfel beißen und bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Monaten ihre Aktionäre mit düsteren Aussichten enttäuschen.

Der Umsatz soll für das im September endende Geschäftsjahr 2018 nur noch zwischen einem und drei Prozent höher liegen als noch in dem von 2017. Ursprünglich hatte die ehemalige Siemens-Tochter mit einem Anstieg von bis zu fünf Prozent gerechnet. Auch nicht gerade viel, aber immerhin – je nachdem wie man es nimmt – fast das doppelte oder sogar fünffache des nun anvisierten Ziels. Auch mit Blick auf den operativen Gewinn ist der Leuchtmittelspezialist nochmal einen Tick skeptischer geworden. Statt bislang 640 Millionen, sollen es nun nur noch zwischen 570 und 600 Millionen Euro werden. Vom unteren Ende der Spanne aus gemessen wären das alles in allem 125 Millionen Euro weniger als im Geschäftsjahr zuvor. Das Ergebnis je Aktie stutzten die Münchner von irgendwo zwischen 1,40 und 2,10 Euro auf 1,0 bis 1,20 Euro zusammen.

Kein Wunder, dass es da unter Anlegern zu einem vorgezogenen Sommerschlussverkauf kommt. Ganze 22 Prozent verlor das Osram-Papier allein am Donnerstag. Seit Jahresbeginn summierte sich das Minus damit kurzzeitig auf 57 Prozent, was wiederum der Vernichtung von rund fünf Milliarden Euro Börsenwert entsprach. Mit einem Kurs von 34,40 Euro rutschte die Aktie sogar unter ihr Tief aus dem Januar 2016, so schwach präsentierte sie sich letztmals vor dreieinhalb Jahren. Wenig überraschend sind die Osram-Titel damit 2018 der bislang größte Verlierer im MDAX.

Nach Ursachen braucht man nicht lange zu suchen, bekam sie ja nebst vom Vorstand des Lichtkonzerns selbst recht eindeutig präsentiert. „Handels- und Vertriebsbeschränkungen sowie Planungsrisiken bei Automobilherstellern haben zu einer spürbaren Verunsicherung geführt“, hieß es in dessen Erklärung. Darüber hinaus werde die laufende Geschäftsentwicklung durch Projektverschiebungen von Kunden in den Bereichen Mobile Devices und Horticulture, sprich denen von Smartphones und Gewächshausbeleuchtung, beeinflusst.

Während letztere Projektverschiebungen alleine wohl verschmerzbarer Natur gewesen wären, trifft die Krise der großen deutschen Automobilhersteller Osram ins Mark. Der Leuchtmittelkonzern macht nach eigenen Angaben 50 Prozent seines Umsatzes und einen Großteil seines Gewinns in der Fahrzeugbranche. Ausgerechnet die steht in Deutschland unter Druck wie lange nicht mehr. Zum einen durch die Handelsstreitigkeiten mit den USA und der damit einhergehend drohenden Strafzölle. Zum anderen durch ihren selbstverursachten Abgas-Schlamassel. Mit Blick auf den neuen Abgastest-Standard WLTP liegen für einige Modelle noch keine Zulassungen vor, weshalb Volkswagen jüngst ankündigte die Produktion bis Ende September zurückzufahren und Daimler mit einer Gewinnwarnung negativ überraschte. Den Stuttgartern drohen darüber hinaus noch teure Rechtsstreitigkeiten.

Schwächere Konjunkturaussichten verstärken den Kostendruck zusätzlich. Und der kommt am Ende auch bei den Zulieferern an. So will Osram nun einen harten Sparkurs fahren, um mittel- bis langfristig die eigene Profitabilität wieder zu verbessern. Das heißt: Verwaltungskosten reduzieren und die Werkslandschaft umbauen. Und damit auch: Arbeitsplätze streichen sowie im Einkauf sparen, sprich den Kostendruck nochmal eine Stufe weiter nach unten auf die eigenen Zulieferer abgeben. Auch in Sachen Forschung und Entwicklung will Osram in Zukunft effizienter werden.

Während diese Pläne Anleger im bisherigen Jahresverlauf nicht überzeugten, glaubt ein Großteil der Analysten an zukünftige Erfolge. Und hält vor allem die heftigen Kursabschläge der letzten Monate für übertrieben. Langfristig unternehme der Beleuchtungsspezialist die richtigen Schritte, auch wenn der Weg auf kurze Sicht nun holpriger aussehe, blieb beispielsweise Commerzbank-Analyst Sebastian Growe gelassen. Auch wenn eine schnelle Trendwende aufgrund der Sorgen im Automobilsektor und der Gewinnkürzungen nicht in Sicht scheint sei der jüngste Ausverkauf zu weit gegangen. Osram habe zudem betont, dass sich das Preisumfeld nicht verschlechtert habe. Ebenso verfügten die Münchner – sollten die Absatzmärkte stabil bleiben – über eigenes Optimierungspotential. Sein Kursziel beließ Growe daher bei sehr optimistischen 71 Euro.

Die Experten der US-Investmentbank Merrill Lynch sind da mit einem Kursziel in Höhe von 40 Euro schon deutlich vorsichtiger. Dennoch sehen auch sie in dem heftigen Kursrutsch eine Übertreibung. Die Herausforderungen seien im Kurs nun mehr als deutlich berücksichtigt, so die Bank. Insgesamt raten trotz der schlechten Nachrichten immer noch 31 Analysten zum Kauf der Aktie. Sieben würden das Papier halten. Zum Verkauf der Aktie rät keiner.

Trotz aller Schwierigkeiten könnte die Osram-Aktie nun also auch eine günstige Einstiegsgelegenheit bieten. Einige Anleger nutzten diese bereits am Freitag, womit das Papier mit einem Kursanstieg von zehn Prozent rund die Hälfte seiner Vortages-Verluste wieder wettmachte. Zunächst dürfte es sich hier aber wohl nur um eine kurzfristige Gegenreaktion handeln. Spannend werden nun die kommenden Wochen. Oliver Götz

01.07.2018 | 00:07

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