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Risiko eines Inflationssprungs steigt

(Foto: Marko Aliaksandr / Shutterstock)



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Das zweite Halbjahr 2021 könnte einen sprunghaften Anstieg der Inflation sehen. Das zeigen die Daten aus den weltweiten Einkaufsmanagerindizes. „Während die Lage derzeit den Notenbanken noch keinen Anlass zur Sorge zu geben scheint, laufen in den Lieferketten die Preise bereits hoch“, sagt Ivan Mlinaric, Geschäftsführer der Quant.Capital Management.

„Eine Inflationsrate von zwei bis drei Prozent bereitet keinem Notenbanker schlaflose Nächte“, sagt Mlinaric. „Der Druck, die Zinsen niedrig zu halten, ist für die meisten Notenbanker so hoch, dass sowohl die Fed als auch die EZB kurzfristig erhöhte Inflationsraten tolerieren werden.“ Auch für Investoren wären solche Raten noch kein Grund zur Sorge, sofern der Effekt tatsächlich zeitlich begrenzt bliebe. „Was sich aber in den Nebenbetrachtungen zu den Einkaufsmanagerindizes zeigt, könnte zu weit höheren Inflationsraten führen“, so Mlinaric. Und ein unerwarteter Inflationsschock könnte die Notenbanken dann doch zu einer Reaktion zwingen, mit entsprechenden Auswirkungen für die Märkte.

Drei Faktoren sorgen aktuell dafür, dass ein Inflationsschock im Laufe dieses Jahres möglich wird: Ein Nachfragestau, der sich mit zunehmender Durchimpfung und einem Abflauen der Pandemie auflösen sollte und zu schnell steigender Nachfrage führen wird. Dann ein Cash-Überhang, denn sowohl im privaten Bereich wie bei den Unternehmen konnten Ausgaben in den vergangenen Monaten nicht oder nur begrenzt getätigt werden. Zudem sind die Sparquoten im historischen Vergleich hoch. „In den USA kommen noch die geradezu absurd hoch anmutenden, nachfragefördernden Konjunkturprogramme hinzu“, so Mlinaric. Diese Punkte dürften aber weitgehend in den Überlegungen der Notenbanker und Volkswirte eingepreist sein.

Was noch zu wenig berücksichtigt wird, sind die preistreibenden Effekte, die derzeit in den Lieferketten bereits zu sehen sind. „Unternehmen, die ihre Produktion wieder hochfahren, treffen dabei oft auf fast leergelaufene Lager und gestörte Lieferketten“, so Mlinaric. So heißt es im Bericht von IHS Markit zum EU-Einkaufsmanagerindex: „Die Lieferzeiten verlängerten sich im Februar mit der zweithöchsten Rate seit Umfragebeginn vor knapp 24 Jahren. Verzögerungen und Nachschubprobleme infolge der weltweit anziehenden Nachfrage und anhaltenden Corona-bedingten Transportprobleme sorgten dafür, dass die Einkaufspreise so rasant zulegten wie seit nahezu zehn Jahren nicht mehr.“

Weltweit sind diese Effekte zu sehen: Das ISM, das den Einkaufsmanagerindex für die USA erstellt, zitiert aus Antworten der Befragten, hier aus der Chemiebranche: „Lieferketten sind ausgetrocknet, Lager leer. Lieferzeiten steigen genau wie die Nachfrage und die Preise. (Supply chains are depleted; inventories up and down the supply chain are empty. Lead times increasing, prices increasing, [and] demand increasing. Chemical Products).“ Bei Computerchips haben die Lieferengpässe für Produktionsausfälle von Mobiltelefonen bis hin zu Automobilen geführt – mit noch offenem Ausgang. „Als ob das alles nicht herausfordernd genug wäre, ist aktuell auch noch die wichtigste Handelsroute zwischen Asien und Europa blockiert“, so Mlinaric. Wann der Suezkanal wieder befahrbar sein wird, ist heute noch nicht abzuschätzen.

„Hier zeigt sich deutlich, dass aus den globalen Lieferketten ein schwer kalkulierbares, aber potenziell explosives Gemisch an Inflation auf uns zurollt“, sagt Mlinaric. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die wichtigsten Zentralbanken in den kommenden Monaten kurzfristig die Zinsen erhöhen müssen, steigt aktuell deutlich an und sollte von Investoren entsprechend berücksichtigt werden“, so Mlinaric. Vor allem Assets, die in den vergangenen Monaten heiß gelaufen sind und auf einen Rückgang der Liquidität an den Märkten sensibel reagieren würden, stünden dann im Feuer.

25.03.2021 | 18:00

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