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Schwellenländer: insgesamt stabil – punktuell aber deutliche Schwierigkeiten

Schanghai, China: Schwellenländer sind weiter interessant (Bild: Fotolia / Oleksandr Dibrowa)

Stürmisches Börsenwetter: Türkei (Bild: Shutterstock)


Argentinien und die Türkei kämpfen mit einem starken Wertverfall ihrer Währungen und einer ausufernden Inflation, Südafrika ist im 2. Quartal dieses Jahres in die Rezession gerutscht: Die Schlagzeilen über die wirtschaftliche Entwicklung der Schwellenländer klangen schon einmal verheißungsvoller. Zumal auch deren Aktienmärkte seit Monaten unter Druck stehen.

Von Ulrich Stephan

Der MSCI Emerging Markets (MSCI EM), der mehr als 800 Unternehmen aus 24 Schwellenländern weltweit listet, hat aus Sicht eines Euroanlegers seit Jahresbeginn 2018 bis zum 19. September 2018 rund sieben Prozent an Wert verloren. Die aktuelle Situation in den Schwellenländern lässt Erinnerungen an das „Taper Tantrum“ aus dem Jahr 2013 wach werden: Nachdem US-Notenbankchef Ben Bernanke damals den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik andeutete, schichteten zahlreiche Anleger in Erwartung höherer US-Zinsen ihr Kapital aus den vergleichsweise risikobehafteten Schwellenländern in die USA um. Das führte zu erheblichen Verwerfungen an den Kapitalmärkten der aufstrebenden Volkswirtschaften.

Bei näherer Betrachtung zeigen sich heute jedoch deutliche Unterschiede zur Situation von 2013. Vor allen Dingen haben sich die wirtschaftlichen Daten vieler Schwellenländer seither verbessert: Das Wachstum präsentiert sich robuster und ihre externe Verschuldung sowie ihre Leistungsbilanzdefizite sind insgesamt betrachtet ebenso gesunken wie die zeitweise sehr hohe Inflation. Dennoch hat sich die Konjunktur in vielen Schwellenländern zuletzt abgekühlt. Nachdem das Konjunkturplus für Schwellenländer insgesamt im ersten Quartal 2018 5,5 Prozent betrug, ging es im zweiten Quartal etwas zurück. Laut Deutsche Bank Prognose sollte das Segment der Schwellenländer 2018 um 4,9 Prozent wachsen, lediglich einzelne Länder gerieten verstärkt unter Druck. Für 2019 prognostiziert die Deutsche Bank ein Wirtschaftswachstum in Höhe von 4,8 Prozent.

Herausforderungen einzelner Länder verunsichern Investoren


Das aktuelle Tempo der Fed bei ihren Leitzinserhöhungen sowie steigende US-Zinsen führen dazu, dass Investitionen in US-Anleihen im Vergleich zu Anleihen der Schwellenländer für entsprechend risikobereite Anleger an Attraktivität gewinnen – zumal Schwellenländeranleihen mit einem höheren Risiko behaftet sind. Durch reduzierte Kapitalflüsse aus beispielsweise den USA in die Schwellenländer werden zunehmend Schwächen einzelner Schwellenländer offengelegt. Vor allem die Türkei, Argentinien, Südafrika und Brasilien gerieten unter Druck, da sie aufgrund ihres Leistungsbilanzdefizits auf ausländisches Kapital zur Finanzierung von Investitionen angewiesen sind. Zudem leiden die Türkei und Argentinien unter dem Wertverfall ihrer Währungen und der ausufernden Inflation.

Darüberhinaus verstärkten einzelne länderspezifische Herausforderungen die negative Anlegerstimmung gegenüber den Schwellenländern – etwa der ungewisse Ausgang der Präsidentschaftswahlen in Brasilien und die Bedrohung der ansonsten stabilen wirtschaftlichen Situation in Russland durch weitere US-Sanktionen. Die erwähnten Nationen machen zusammen jedoch lediglich knapp 16 Prozent im MSCI EM aus. Die Türkei ist sogar nur mit 0,5 Prozent im MSCI EM gewichtet und Argentinien bis zur voraussichtlichen Aufnahme Mitte 2019 gar nicht.

Das Reich der Mitte im Fokus

Ein besonderes Augenmerk gilt mit Blick auf die Schwellenländer der Entwicklung Chinas. Denn aufgrund der schieren Größe des Landes spielt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt insbesondere für ihre asiatischen Nachbarländer eine wichtige Rolle: Ist die chinesische Konjunktur intakt, profitieren aufgrund enger wirtschaftlicher Beziehungen auch diese. Um die zuletzt etwas abgekühlte Wirtschaft zu stützen, hat das Reich der Mitte ein Konjunkturprogramm aufgelegt, das neben fiskalpolitischen Maßnahmen auch eine Lockerung der Geldpolitik beinhaltet. Diese umfasst unter anderem die Senkung des Mindestreservesatzes, um die Kreditvergabe der Banken anzukurbeln. Statt des ursprünglichen Ziels, Schulden abzubauen, soll die Verschuldung nun lediglich stabilisiert werden.

Aufgrund des Konjunkturprogramms nahm der Deutsche Bank-Frühindikator für China, der neben der Zinspolitik, den Marktzinsen und Wechselkursen auch die Geld- und Kreditmenge sowie die Schwankungsintensität der Aktienmärkte berücksichtigt, wieder eine positive Entwicklung. In der Realwirtschaft dürfte sich das Programm dann im ersten Halbjahr 2019 bemerkbar machen. Sobald die ergriffenen Maßnahmen Wirkung zeigen, sollte davon nicht nur die chinesische Wirtschaft profitieren, sondern auch die Konjunktur in den benachbarten Staaten, insbesondere in Südkorea und Taiwan – und damit die dortigen Aktienmärkte. Das ist ein positives Signal für die Aktienmärkte der Schwellenländer insgesamt: Im MSCI EM machen China, Südkorea und Taiwan mehr als 57 Prozent der Marktkapitalisierung aus. Im asiatischen Schwellenländerindex MSCI EM Asia sind es sogar drei Viertel.

Schwellenländer weiterhin interessante Anlagemöglichkeit

Am insgesamt positiven Ausblick für Chinas Wirtschaft ändert auch die jüngste Verschärfung der globalen Handelsstreitigkeiten nichts. Die US-Regierung kündigte Mitte September die Verhängung von Strafzöllen auf chinesische Exporte im Wert von rund 180 Milliarden US-Dollar an. Gleichzeitig drohte US-Präsident Donald Trump mit weiteren Handelsbarrieren, sollte China Gegenmaßnahmen ergreifen. Peking zögerte jedoch nicht und kündigte seinerseits zusätzliche Zölle auf US-Exporte im Wert von 60 Milliarden US-Dollar an. Trotz der Eskalation geht die Deutsche Bank, insbesondere aufgrund der expansiven Fiskal- und Geldpolitik, von einem weiterhin hohen Wirtschaftswachstum in China aus: Für 2018 wird ein Plus von 6,6 Prozent, für 2019 von 6,3 Prozent erwartet.

Insgesamt dürften Schwellenländer im Allgemeinen und asiatische Schwellenländer im Besonderen weiterhin eine interessante Anlagemöglichkeit für entsprechend risikobereite Anleger darstellen. Zwar gilt es, mögliche Belastungsfaktoren wie eine Ausweitung des globalen Handelsstreits weiter zu beobachten. Der grundsätzliche Wachstumstrend scheint jedoch nach wie vor intakt. Aufgrund länderspezifischer Risiken ist dabei ein regional breit gestreutes Investment ratsam.

Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat-und Firmenkunden der Deutschen Bank.

21.09.2018 | 17:16

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