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Euer Geld ist in großer Gefahr



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Der kleine Crash könnte erst der Anfang sein: Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn warnt die Deutschen. Andere Analysten tun das auch.

Die Anleger sind nach drei Wochen Kursverlusten hochnervös. An den Aktien- und Rohstoffmärkten machen sich Anflüge von Crash-Stimmung breit, denn neben den großen Sonder-Krisen – Ukraine, Syrien, Ebola – häufen sich schlechte Konjunkturmeldungen. Insbesondere Europa droht ein Rückfall in Rezession und Schuldenkrise, und der mehrjährige Börsenaufschwung scheint in einer gewaltigen Talfahrt zu enden.

Die wenigen Optimisten dringen dieser Tage mit ihren Argumenten kaum durch: Dass Amerika auf einem soliden Wachstumspfad laufe, dass auch die Schwellenländer ihren Aufschwung fortsetzten, dass die sinkenden Ölpreise einen globalen Konjunkturschub auslösen könnten, dass die Zinsen noch sehr lange sehr niedrig bleiben dürften und dass sich der Konflikt des Westens mit Russland spürbar entspanne. Mutige Anleger sehen in der jetzigen Korrektur daher die perfekte Einstiegs-Chance; der Rücksetzer sei im Grunde gesund, die Oktoberangst müsse man dagegen als klassische Übertreibung ansehen. Es könne doch noch zu einer überraschenden Jahresendrally kommen.

Viel lieber hört man jetzt auf Crash-Propheten, Mahner und Pessimisten - wie etwa Steen Jacobsen, Chefvolkswirt der Saxo Bank. Seine aktuelle Prognose sieh so aus: „Anleihen werden im Jahr 2014 alle anderen Anlageklassen outperformen." Er setzt auf weiter steigende Kurse beim Bund Future – sprich noch weiter sinkende zehnjährige Zinsen in Deutschland und auch in den USA.

„Deutschlands Wirtschaft wird im ersten Quartal 2015 schrumpfen und Frankreich wird in der Rezession stecken. Das Wachstum in der Euro-Zone wird bei Null liegen. 2014 ist ein weiteres verlorenes Jahr, was die Wirtschaft und das Ausbleiben von Reformen angeht", betont Jacobsen. Seit der DAX bei 10.000 Punkten gestanden habe seien fallende Kurse angesagt. „Ich glaube immer noch an einen Kursrückschlag von 25 bis 30 Prozent im zweiten Halbjahr, wie ich es schon das ganze Jahr über vorhergesagt habe.“

„Meine wichtigste Prognose bleibt neue Rekordtiefs bei den Zinsen bei zehnjährigen und länger laufenden Papieren im ersten oder zweiten Quartal 2015." Die Deflation werde Investoren klarmachen, dass Europa angesichts der Untätigkeit der Politik und der ausbleibenden Reformen vor einer „Japanisierung" stehe.

In der deutschen Öffentlichkeit intoniert diese Art von langfristigem Pessimismus derzeit vor allem einer - der Präsident des Ifo-Instituts Hans-Werner-Sinn. In einer Serie von Interviews, Reden, Talkshow-Auftritten und in einem neuen Buch warnt er die Deutschen vor erheblichen, ja historischen Risiken. Die Euro-Krise drohe akut zurückzukehren: „Angesichts der enorm hohen Jugendarbeitslosigkeit drohen die südeuropäischen Länder eine komplette Generation zu verlieren. Da werden ganze Länder verheizt. Und die Unsicherheit wegen der Ukraine-Krise könnte nun sogar den dritten Abschwung nach der Lehman-Krise in 2008 und der Eurokrise in 2012 provozieren. Auch in Deutschland sinkt ja die Stimmung in der Wirtschaft.“
Sinn wird mit dieser Position zum Mahner des Monats. Besonders kritisch beurteilt er die Lage in Südeuropa. Investoren zögen derzeit im großen Stil Geld aus Italien abgezogen. Im August und September seien nach Berechnungen des Ifo-Instituts insgesamt 67 Milliarden Euro aus dem Krisenland abgeflossen, mahnt Sinn. "Das ist ein alarmierendes Signal. Das sieht schon so ähnlich aus wie 2011." Damals hätten Investoren ähnlich fluchtartig Geld aus dem Land abgezogen, woraufhin es schließlich sogar vorübergehend Geheimgespräche über einen Austritt Italiens aus der Euro-Zone gegeben habe.

Sinn kritisiert - so laut wie kaum ein anderer - die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB), Krisenländer vor allem in Südeuropa mit niedrigen Zinsen und einem Aufkauf von Staatsanleihen zu stützen. Damit werde ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum verhindert. Zwar rechne er nicht mit einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone: "Es ist nicht notwendigerweise der Fall, dass es einen Knall gibt." Doch die Euro-Krise werde immer wieder aufflackern, solange die zugrundeliegende realwirtschaftliche Krise nicht gelöst sei. Es stünde Europa ein "ewiges Siechtum" bevor.

Sinn analysiert mit Sorge, dass die Länder Südeuropas seit der Einführung des Euro massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren hätten, weil sie ihre Löhne kreditfinanziert schneller als die Produktivität erhöhten. Dadurch sind sie viel zu teuer geworden. Das könne nur ganz langsam über viele Jahre, wenn nicht eine ganze Generation korrigiert werden. „Trotz einer gewissen Lohnmäßigung haben die Spanier noch immer dreimal so hohe Löhne wie die Polen. Dabei ist ihre Produktivität sicherlich nicht dreimal so hoch. Die Griechen haben mit 13,60 Euro auch noch doppelt so hohe Löhne wie die Polen mit 6,80 Euro.“

Auch der ehemalige EZB-Chefvolkswirt, Jürgen Stark, teilt die Skepsis von Sinn. Bei der Präsentation von Sinns neuem Buch „Euro Trap“ erinnert Stark daran, dass Deutschland und Frankreich bereits 2003 den Stabilitätspakt aufgeweicht hätten. "Damit war Maastricht von Anfang an erschüttert", sagte Stark. "Und dann hat der erste Stresstest gleich zu einer Zerstörung wichtiger Pfeiler des Maastricht-Vertrags geführt."

Denn in der Schulden Krise sei gegen mehrere Prinzipien verstoßen worden: gegen das Verbot, Staaten zu retten. Gegen das Verbot der monetären Staatsfinanzierung durch die Notenbank. Und gegen das Prinzip, dass Banken auch pleitegehen müssen. "Es scheint fast, als hätten interessierte politische Kreise nur auf die erste Krise gewartet, um einen Totalumbau der Euro-Zone hin zu einer Schuldenunion vorzunehmen", sagt Stark mit Blick auf den Süden Europas. Die Euro-Zone müsse sich die Frage stellen, "wie man mit schwarzen Schafen umgeht, wenn die schwarzen Schafe in der Mehrheit sind".

Sinn und Stark sehen Europa als weithin reformunfähig an. Die Politik der meisten Länder - insbesondere Frankreich und Italien - folgten lieber dem bequemen Weg des billigen Geldes und neuer Schulden. Europa habe deshalb seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 bereits sechs Jahre verloren. "Das Gute daran ist: Wenn man in Europa von einer verlorenen Dekade spricht, haben wir schon 60 Prozent geschafft", sagt Stark zynisch. Dann verglich er das heutige Europa noch mit Lateinamerika in den 80er-Jahren.

Sinn warnt in seinem Buch vor allem vor den langfristigen Verwerfungen: "Europa drohen zwei verlorene Jahrzehnte.“ Es kulminierten die wirtschaftlichen Strukturprobleme (inklusive einer riskanten Schuldenunion) mit einer katastrophalen demographischen Perspektive. Europa, und insbesondere Deutschland, überalterten rasend schnell. Die Sozialsysteme stünden damit alsbald vor historischen Problemen: “Schon jetzt läuft Deutschland in 15 Jahren, wenn die Babyboomer in Rente gehen, auf eine Staatskrise zu. Wenn da noch die Rettungspolitik oben draufkommt, bei der die Risiken von Investoren auf die Bürger umgelenkt wurden, wird das Problem noch größer", so Sinn.

Sind und Stark üben massive Kritik am Verhalten der EZB. Beide sehen vor allem die Gefahr, dass EZB-Präsident Mario Draghi durch seine ständigen Ankündigungen von Wertpapieraufkäufen am Ende keine Wahl mehr bleibe, als Staatsanleihen aufzukaufen. "Die Aufkäufe von ABS-Papieren und Covered Bonds werden jedenfalls allein nicht reichen, um die Märkte zufrieden zu stellen. Deshalb wird man am Ende beim Kauf von Staatsanleihen landen", sagte Stark. Diese Politik sei "kurzfristiger Aktionismus. Mittelfristige Orientierung spielt überhaupt keine Rolle mehr. Die Notenbank missbraucht ihre Unabhängigkeit und begibt sich dadurch selbst in Gefahr.“

Auch Sinn hält die Mittel der EZB "nicht für geeignet", Probleme wie eine angeblich drohende Deflation zu lösen, und forderte die Bundesregierung auf, gegen die Politik der Notenbank vorzugehen. Denn nachdem schon nach Gründung des Euro viel Kapital in unsinnigen Anlagen verloren worden sei, drohe nun wegen der Geldschwemme der EZB „die nächste Kapitalvernichtung“, so Sinn.
Deutschland habe Leistungsbilanz-Überschüsse von mehr als 200 Milliarden Euro pro Jahr. Dafür kaufen unsere Banken und Versicherungen großenteils ausländische Papiere, deren Rückzahlung die Steuerzahler der Eurozone garantieren.

„Dass die Papiere in fünfzehn Jahren, wenn die deutschen Babyboomer ihre Ersparnisse zurück haben wollen, wirklich von den Schuldnern zurück gekauft werden, halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Dann ist die Staatskrise kaum vermeidlich. Eine Abwertung lenkt noch mehr Investitionskapital vom Inland ins Ausland, weil sie die Leistungsbilanz-Überschüsse vergrößert.“

Tatsächlich will die EZB seit Mai den Euro gezielt abwerten lassen - für viele Wirtschaftswissenschaftler eine riskante Strategie. Denn die eigenen Abwertungsvorteile empfinden alle anderen in der Welt  als unfaire Manipulationen - und werden sich wehren. Schon jetzt sind die Amerikaner über das plumpe Euro-Dumping schwer verärgert und erwägen „Gegenmaßnahmen“. Der Internationale Währungsfonds warnt daher offen vor einem „Abwertungswettlauf“. Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und ihr Direktor Michael Hüter mahnen: "Wir sind einem Währungskrieg durch bewusst herbeigeführte Abwertungen sehr nahe. Was jetzt beim Euro passiert, haben wir zuvor beim japanischen Yen erlebt. Besser geht es der japanischen Volkswirtschaft deshalb aber nicht.“

Hüther erinnert daran, dass Abwertungen keine strukturellen Probleme lösten, sondern die inneren Probleme der Eurozone nur kurzfristig und unfair auf andere Staaten abwälzten. Vor allem aber schädige ein Abwertungswettlauf am Ende alle, ganz besonders aber Deutschland und seine exportorientierte Industrie. Länder, die sich unfair behandelt fühlten, würden mit Handelssanktionen reagieren - vom Währungskrieg zum Handelskrieg sei es ein kleiner Schritt. Deutschland gerate als Land mit dem größten außenwirtschaftlichen Überschuss weltweit damit in die internationale Schusslinie.

Doch Draghis Dumpingpolitik birgt noch ein zweites, akutes Risiko. Denn viele Markteilnehmer wollen das EZB-Spiel mit dem Feuer vorwegnehmen, und lösen so eine Kettenreaktion aus. Globale Investoren ziehen schlagartig billiges Geld aus Europa ab und legen es zu höheren Zinsen und mit Aussicht auf Aufwertungsgewinne in den USA oder anderswo an. Nicht nur Italien meldet derzeit massive Kapitalabflüsse. Diese Kapitalströme verstärken die Abwertung des Euro und verunsichern die Finanzmärkte. Die EZB ist also dabei, anstatt die Kapitalmärkte zu stabilisieren, das Risiko eines umfassenden Crashs unnötigerweise zu vergrößern.

Die Deutsche Bank sieht den Euro sogar schon bald auf die Parität zum Dollar zurück fallen. George Saravelos, Währungsstratege bei Deutschlands größtem Geldhaus, meint: „Der Euro steht auf breiter Front unter Abwertungsdruck.“ Bis Ende 2017 werde die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar dramatisch an Wert verlieren. Ein Euro soll dann nur noch 95 US-Cent kosten. Saravelos spricht von einer regelrechten „Euroschwemme“. Dadurch werden Investitionen im Dollar-Raum attraktiver, in der Eurozone unattraktiver. Der Effekt wird noch verschärft - durch das lahme Wachstum in der Eurozone und die gleichzeitig hohen Exportüberschüsse. Durch den Export fließt viel Kapital nach Europa.

Doch wegen der Konjunkturschwäche fehlt es an Investitionsmöglichkeiten. Keine Investitionsmöglichkeiten, extrem niedrige Zinsen: Die Folge ist laut Saravelos eine Kapitalflucht von ungekanntem Ausmaß. „Wir erwarten, dass der Kapitalüberschuss zusammen mit dem aggressiven Kurs der EZB zu einem der größten Kapitalabflüsse in der Geschichte der Finanzmärkte führen wird.“ Hans-Werner Sinn ist mit seinem Pessimismus dieser Tage nicht alleine.

18.10.2014 | 17:47

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