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Trotz Rekordumsatz: Unsicherheiten im Baugewerbe


Der Traum vom Eigenheim ist für viele Haushalte immer noch nicht real geworden. Gerade niedrige Bauzinsen locken Familien in die Banken, um die Möglichkeiten für eine Hausfinanzierung auszuloten. Genug Potenzial scheint der Markt zu haben. Und die Baubranche kann sich eigentlich über einen Mangel an Aufträgen nicht beschweren. Im Gegenteil: Branchenanalysen zeigen, dass die Baubetriebe im Jahr 2019 einen erheblichen Zuwachs bei den Aufträgen und Umsätzen verzeichnet haben. Trotzdem ist das Geschäftsklima alles andere als rosig.

Beim Baugewerbe wird eher pessimistisch in die Zukunft geschaut. Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Es sind vor allem die Rahmenbedingungen, welche die Branche unter Druck setzen. Auch der Bausektor kann sich nicht komplett von der Konjunktur und der Weltwirtschaft abkoppeln. Zum Brexit und den Handelsstreitigkeiten ist im Februar noch das Corona-Virus hinzugekommen, dass sich zu einer Pandemie entwickelt. Und den Globus scheinbar fest zu umklammern scheint.

Aktuell gute Geschäftszahlen

Bevor die Probleme der Baubranche beleuchtet werden, muss es um eine Bestandsaufnahme gehen. 2019 war für Betriebe aus dem Bausektor ein insgesamt gesehen sehr gutes Jahr. Medienberichten zufolge, die auf Analysen des Statistischen Bundesamtes beruhen, hat die Branche ein respektables Umsatzplus eingefahren.
Die Auftragseingänge haben sich positiv entwickelt. Gegenüber dem Jahr 2018 ist die Quote um über acht Prozent gestiegen (die Zahlen gelten für Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern). Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich auch im Bereich des Umsatzes. So stieg der baugewerbliche Umsatz im Jahr 2019 um 6,7 Prozent. Damit hat die gesamte Branche einen Umsatz in Höhe von 135 Milliarden Euro eingefahren.

Überdurchschnittlich gut hat sich in diesem Zusammenhang der Hochbau entwickelt. Hier lag das Umsatzplus bei 7,7 Prozent. Unterm Strich steuerte dieser Sektor 51 Milliarden Euro bei. Selbst das Herausrechnen der Preissteigerungen ließ für das Jahr 2019 immer noch ein Plus übrig – das bei 1,7 Prozent lag.

Die Entwicklung der Baubranche im Überblick:

- Umsatzplus gesamt > 6,7 Prozent
- Umsatzplus Hochbau > 7,7 Prozent
- Neubeschäftigung > 33.000.

Gerade der letztgenannte Punkt ist erfreulich. Mit den mehr als 30.000 neuen Stellen im Baugewerbe hat die Branche inzwischen über 160.000 neue Stellen seit der Talsohle 2009 geschaffen. Warum klingt der Ausblick in die Zukunft bei den Gewerbeverbänden so düster?

Wo liegen künftige Stolpersteine?

Die Tatsache, dass im Baugewerbe eher skeptisch auf die kommenden Monate geschaut wird, hat mehrere Gründe. Ein Aspekt ist die Zunahme bei Stornierungen und der Auftragsmangel in einigen Bereichen. In diesem Zusammenhang wird beispielsweise auf den Straßenbau verwiesen. Allerdings handelt es sich hier nur um einen Teilbereich, den das Baugewerbe abdeckt.

Bereits im vergangenen Jahr haben Bauunternehmen zunehmend Schwierigkeiten im Bereich der Auftragsvergabe durch die öffentliche Hand festgestellt. Zwar gab es hier nominal einen Nachfragezuwachs. Allerdings fiel dieser im Sommer 2019 so gering aus, dass unterm Strich ein Minus herausgekommen ist. Ein Grund: Das allgemeine Auftragsniveau hat sich in den letzten Jahren so massiv entwickelt, dass es auf einem Hochstand angekommen ist.

Aber: Auch im Bereich des Wohnungsbaus sieht die Branche nach Medienberichten Probleme. Speziell im Bereich der Mehrfamilienhäuser stellt das Baugewerbe eine Stagnation bzw. einen Rückgang fest. Und macht für diesen Trend unter anderem die Verabschiedung von Mietendeckeln usw. verantwortlich. Allerdings geraten seit einiger Zeit auch private Bauprojekte zunehmend unter Druck.

Ursachen für Pessimismus der Baubranche:

- weniger Aufträge aus der öffentlichen Hand
- Stagnation bei Baugenehmigungen
- Kapazitätsprobleme.

Getrieben werden die düsteren Aussichten unter anderem von der globalen Entwicklung. Bisher haben hier die Handelsstreitigkeiten der USA mit ehemaligen Handelspartnern und der Brexit die Szenarios dominiert. Das grassierende Coronavirus, welches Ende Februar auch in Deutschland am Rand einer Epidemie steht, ist in diesen Zukunftsaussichten noch nicht eingepreist.

Wo liegen Stolpersteine für private Bauvorhaben?

Die Baubranche sieht vor allem in der Nachfrage der öffentlichen Hand eine Wachstumsbremse – aber auch beim privaten Wohnungsbau. Dieser wird einerseits von Investitionsvorhaben angetrieben. Auf der anderen Seite nutzen natürlich auch Haushalte die aktuell niedrigen Zinsen, um sich den Traum von einem Eigenheim zu erfüllen. Allerdings gibt es auch hier einige Stolpersteine.

- Bebauungsplan: In Deutschland kann nicht einfach losgebaut werden. Kommunen haben einen Bebauungsplan erlassen, welcher regelt wo gebaut werden kann. Mitunter ist dies gerade in der gewünschten Traumlage nicht möglich.

- Baugenehmigung: Vor dem Start des Bauprojekts ist die Baugenehmigung einzuholen. Mitunter kann es passieren, dass beispielsweise gewässerrechtliche Bedenken dem Bau eines Eigenheims entgegenstehen.

- Preisentwicklung: In den letzten Jahren sind die Preise für den Hauskauf, aber auch den Bau einer neuen Immobilie massiv gestiegen. Dieser Trend wurde durch die starke Nachfrage ausgelöst. Anziehende Immobilienpreise, die sich unter anderem am vdp-Preisindex ablesen lassen, haben einen höheren Kapitalbedarf zur Folge.

Gerade der letztgenannte Punkt kann zu einem Hindernis für Hausbauer werden. Unter Berücksichtigung des Vermögens (Eigenkapital) und Einkommens ist immer nur ein bestimmter Kapitaldienst noch zu leisten.

Durch die Wohnimmobilienkreditrichtlinie wurde die Situation noch verschärft. Eigentlich als Instrument zum Verbraucherschutz gedacht, machte sie es vielen Haushalten deutlich schwerer, ein Darlehen in Anspruch zu nehmen. Bei einigen Banken stieg die Ablehnungsquote zweistellig. Inzwischen hat der Gesetzgeber die Richtlinie insoweit abgemildert, als dass Aspekte der Kreditwürdigkeitsprüfung wieder entspannter betrachtet werden. Unter anderem hat der Immobilienwert wieder eine Aufwertung in den seit Sommer 2018 geltenden Regelungen erfahren.

Wovon hängt die Auftragslage im Baugewerbe künftig ab?

Die Auftragslage im Baugewerbe wird auch in Zukunft von bekannten Faktoren abhängen. Im Wesentlichen geht es um die Nachfrage von:

-    öffentlicher Hand
-    Investoren
-    Haushalten/Eigenheimbesitzern.

Alle drei Bereiche hängen von verschiedenen Rahmenbedingungen ab. Die öffentliche Hand könnte als Auftraggeber wieder stärker in Erscheinung treten. Hintergrund: Bundesfinanzminister Olaf Scholz würde gern Kommunen entlasten. Dieser neugewonnene Spielraum kann dann dazu dienen, um Projekte in der Infrastruktur anzuschieben oder bestehende Substanz – wie Schulen – zu sanieren. Allerdings stoßen die Vorschläge nicht überall auf Gegenliebe.

Ein wichtiger Impuls wird in den kommenden Monaten auch von den privaten Investoren kommen. Gerade in den Ballungszentren erreicht der Immobilienmarkt inzwischen kritische Grenzen. Dies betrifft einerseits die Preise. Auf der anderen Seite geht es hier um die gesellschaftlichen Debatten.

Was den privaten Hausbau betrifft, kann sich die Nachfrage fortsetzen – wenn es nicht zu grundlegenden Veränderungen in der wirtschaftlichen Entwicklung kommt. Derzeit hängt hier sehr viel von den Folgen des Corona-Virus in China ab. Das Virus hat den Motor der Weltwirtschaft erheblich ins Stottern gebracht. Mittlerweile bekommen auch deutsche Firmen diese Auswirkung zu spüren. Es ist aktuell aber zu früh, um eine verlässliche Prognose zu wagen.

Auf der anderen Seite sind die Zinsen nach wie vor ein sehr bedeutender Einflussfaktor. Hier ist aktuell nicht absehbar, dass es zu einem gravierenden Anstieg kommt. Im Gegenteil: Es stehen nach wie vor alle Zeichen auf einem niedrigen Zinssatz.

Fazit: Unsicheres Fahrwasser für die Baubranche

In Deutschland hat die Baubranche ein erfolgreiches Jahr 2019 hinter sich. Die Auftragszuwächse sind mehr als zufriedenstellend. Und auch beim Umsatz haben die Betriebe eigentlich allen Grund zur Freude. Trotzdem lehnt sich die Branche nicht entspannt zurück. In einigen Bereichen ist die Entwicklung alles andere als positiv. Hier hat es sogar einen Nettorückgang der Aufträge gegeben. Darunter sind teils auch Bereiche, in denen die öffentliche Hand wesentlich zum Umsatz beiträgt. Aber auch Investoren scheinen inzwischen zurückhaltender. Die Branche macht verschiedene Faktoren verantwortlich – wie den Brexit. Was in den Zukunftsaussichten noch keine Rolle spielt, ist die aktuell sich entwickelnde Pandemie. Letztere hat China bereits gelähmt. Und springt jetzt von Land zu Land. Bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen das Virus auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte hat.

08.04.2020 | 09:24

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