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US-Dollar: Leitwährung im Abwärtssog

(Foto: Shutterstock)



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Der US-Dollar wird auf dem weltweiten Währungsmarkt immer weniger nachgefragt. Zum Euro hat der Greenback seit dem Frühjahr 2020 rund 15 Prozent verloren, zum chinesischen Renminbi 11 Prozent und gegenüber dem australischen Dollar liegt das Minus nach gut zwölf Monaten sogar bei 40 Prozent.

Von Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst CMC Markets

Nicht nur Investoren verlassen den sicheren Hafen, auch bei den Zentralbanken ist der US-Dollar zum Ladenhüter geworden. Laut Internationalem Währungsfonds liegt der Dollaranteil an den globalen Währungsreserven zwar immer noch bei knapp 60 Prozent, aber dies ist der tiefste Stand seit 25 Jahren. Aufholen konnten auch hier Chinas und Australiens Währung, während der Euro auf Platz zwei mit einem Anteil von nun 20 Prozent den größten Sprung machte.
 
Anleger suchen das Risiko

Die Pandemie trifft alle Länder – unterschiedlich stark, aber dennoch gleichzeitig. Relativ schnell begannen die Anleger nach dem Crash an der Börse im Frühjahr 2020 wieder nach Chancen im Risiko zu suchen. Und wo Anleger ins Risiko gehen, ist der Dollar der Leidtragende. Die Suche nach Risiko hat historisch die Währung immer benachteiligt. Der US-Dollar gilt als sicherer Hafen in unsicheren Zeiten. Aber in geldpolitisch expansiven Phasen wie der gerade stattfindenden strömt Kapital aus dem Dollar-Raum heraus und wird in höher verzinsliche Märkte investiert. Das kann zwar auch die Wall Street selbst sein, wo das Geld in Aktien getauscht wird, oder aber es sind andere Währungsräume, in denen Investoren in einem Aufschwung mehr Chancen vermuten als in den USA.
 
Es weht ein anderer Wind im Weißen Haus

Der Abwärtstrend des Dollar wird auch befeuert durch den politischen Kurswechsel der Biden-Regierung. Wurden aufgrund von Steuerversprechen während der Ära Trump noch Hunderte Milliarden Dollar an Gewinnen, die Unternehmen im Ausland erwirtschaftet haben, zurück in die USA geholt, beherrschen seit dem Machtwechsel im Weißen Haus vor allem Steuererhöhungen und neue Schulden die Debatten im politischen Washington. Es weht ein anderer Wind, und das haben auch die Kapitalmärkte registriert. Investoren lassen den Dollar links liegen, obwohl die Zinsen am amerikanischen Rentenmarkt mit plus 1,6 Prozent deutlich etwa über den vergleichbaren Renditen von Bundesanleihen von derzeit minus 0,1 Prozent liegen.
 
Radikaler Kurswechsel der Fed

Wenn der höhere Zins nicht mehr lockt, müssen die Sorgen tief reichen. Das steigende Zwillingsdefizit – im Außenhandel und im Haushalt der Biden-Regierung – liegt wie ein dunkler Schatten über dem US-Dollar. Zudem hat die US-Notenbank Fed einen deutlichen Kurswechsel in ihrer geldpolitischen Ausrichtung beschlossen. In Zukunft betreibt sie eine flexible Auslegung ihrer Geldpolitik hinsichtlich einer möglicherweise aufkommenden Inflation. Wenngleich dieser Kurs so lange für Stabilität und Vertrauen sorgt, wie die Inflation auf einem tiefen Niveau verharrt, erzeugt er bei den aktuell steigenden Preisen auch ein gewisses Unsicherheits-Moment: Wie lange wird die Fed die Zinsen wirklich tief halten und/oder wie schnell wird sie aus dem aktuellen Nullzinsumfeld herauskommen? Und was geschieht, wenn die Inflation aufgrund der neuen geldpolitischen Ausrichtung der Kontrolle der Fed entgleitet? Diese Sorgen finden ihre Echokammer gerade in rasant steigenden Preisen für Rohstoffe wie Bauholz, Kupfer oder Getreide.
 
Die USA sehen in China eine Bedrohung für ihre wirtschaftliche Vorherrschaft in der Welt. Auch deshalb scheint die aufkommende Inflation der Fed relativ egal zu sein. Ziel ist es, die eigene Wirtschaft zu dynamisieren, um im Wettbewerb mit dem Reich der Mitte nicht ins Hintertreffen zu geraten. Das versuchte bereits die Regierung Trump, und dieser Kurs wird – vielleicht in anderer Ausgestaltung – aber zielgerichtet unter der Regierung Biden fortgesetzt.
 
Was passiert bei 1,25 EUR/USD?

Vor diesem Hintergrund scheinen die Investoren derzeit kein neues Vertrauen in den US-Dollar fassen zu wollen. Aus technischer Sicht bleibt abzuwarten, ob der Euro in den kommenden Wochen aus der mittlerweile sechseinhalb Jahre andauernden Seitwärtsspanne zwischen 1,25 und 1,05 US-Dollar nach oben ausbrechen kann oder ob der Markt gerade einfach nur die obere Begrenzung dieser trendlosen Phase testet, bevor eine neue Phase der Dollar-Stärke eintreten wird. Denn auch wenn die Konkurrenz aufholt, der Dollar als Leitwährung steht noch nicht wirklich zur Disposition.

01.06.2021 | 09:59

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