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Value am Wendepunkt

(Foto: Travis Wolf / Shutterstock)



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Value-Aktien hatten seit der Finanzkrise sehr viel Gegenwind, während sich Wachstumswerte, allen voran Tech, extrem viel besser entwickelten – aber dieser Trend scheint sich nun umzukehren. Der trübe Januar an den Börsen und die jüngsten Kursverluste der US-Börsenstars sprechen dafür. Längerfristig betrachtet ist die Bewertungsdifferenz zwischen Growth und Value zwar nach wie vor so groß wie nie zuvor, doch die Ursachen dafür verschwinden allmählich wieder: geringes Wachstum, niedrige Anleiherenditen und Nullzinsen sowie Disinflation.

Von Andreas Wosol, Head of Value und Senior Portfolio Manager bei Amundi Asset Management


Aus quantitativer Sicht sind Anlagestile meist mit dem Wirtschaftszyklus und der Risikowahrnehmung verknüpft. Die Performance der jeweiligen Stile spiegelt also typischerweise das zugrunde liegende wirtschaftliche Umfeld wider. In der Regel ist der Value-Faktor eindeutig positiv gegenüber steigenden nominalen und realen Renditen und einer steileren Renditekurve eingestellt. Wir befinden uns derzeit in einem Übergang von der wirtschaftlichen Erholung zur Normalisierung sowie von einem Umfeld geprägt durch „quantitative Easing“ (QE)[1] zu einem Umfeld, dass durch „quantitative Tightening“ (QT)[2] geprägt ist. Zudem bewegen wir uns von Deflationsrisiken hin zu Inflationsrisiken. In dieser Phase normalisieren sich Verlauf und Niveau der Anleiherenditen, und sie sollten im Einklang mit der wirtschaftlichen Entwicklung wieder steiler werden. Dieser Übergang sollte eine weitere Neubewertung on Value-Sektoren unterstützen.

Dazu passen die jüngsten Ankündigungen der Fed und nun auch etwas zaghafter von der EZB, die hohen Inflationswerte ernst zu nehmen und die Leitzinsen (weiter) anheben zu wollen. Nach der Sitzung der Euro-Währungshüter am vergangenen Donnerstag erwartet der Markt einen ersten Zinsschritt der EZB im vierten Quartal 2022. Wir glauben aber nicht, dass die EZB ihre geldpolitische Unterstützung aggressiv zurückfahren wird, sondern gehen in diesem Jahr von einer moderaten Straffung aus, die von den zugrunde liegenden Wirtschaftsdaten diktiert wird. Sollte dies eintreten, würde eine kontrolliert steiler werdende Renditekurve unserer Meinung nach Value-Bereichen, wie Finanzwerten, zugutekommen. Ein zu aggressives Vorgehen bei der Straffung der Geldpolitik könnte dem Wirtschaftswachstum dagegen schaden. Das wäre ein deutlicher Gegenwind für die Märkte insgesamt.

Genau wegen dieser prozyklischen Eigenschaft behalten wir unser breit gestreutes Engagement in unterschiedlichen konjunkturabhängigen Branchen bei. Dazu zählen beispielsweise hohe Allokationen bei Autos, Banken, Investitionsgütern sowie Medien und Unterhaltung. Weniger stark sind wir bei Versorgern und Grundstoffen vertreten, halten unser Engagement jedoch aufrecht. Innerhalb der Grundstoffe sind wir nicht direkt in Metallproduzenten und Bergbau investiert, sondern bevorzugen die Spezialchemieunternehmen.

18.02.2022 | 12:31

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