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Was ist nur mit Infineon los?



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Aktien von Halbleiter-Herstellern straucheln seit Monaten. Beim deutschen Chip-Krösus Infineon sind die Verluste besonders schwerwiegend. Die einstigen Gewinne aus der Hochphase der Corona-Pandemie sind vollständig aufgebraucht.

Noch immer produzieren Deutschlands Autohersteller weit weniger Autos, also sie eigentlich könnten, weil massenweise Halbleiter fehlen. Einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Studie  der Unternehmensberatung Alix Partners zufolge dürfte dies noch bis mindestens 2024 so weitergehen. Erst dann werde „die Fahrzeugproduktion das Niveau vor Beginn der Pandemie erreichen“.

Was für die Autoindustrie Fluch ist, ist für die Chiphersteller Segen. Deren Auftragsbücher quellen über, teilweise sind Unternehmen im Sektor für zwei Jahres ausgebucht. Umsätze und Gewinne steigen entsprechend und die Branche investiert kräftig in neue Produktionsanlagen. So auch der weltweit größte Auftragsfertiger TSMC. Der taiwanesische Konzern rechnet für dieses Jahr inzwischen mit einem Umsatzanstieg von 30 Prozent. Die Produktion sei für das komplette Jahr ausgelastet, sagte der Chef des Verwaltungsrats, Mark Liu, im Juni auf der Hauptversammlung. „Die aktuelle Inflation hat keinen direkten Einfluss auf die Halbleiterindustrie, weil sich der Nachfrageabschwung hauptsächlich auf Konsumentengeräte wie Smartphones und PCs erstreckt, während die Nachfrage bei Elektroautos sehr stark ist und unsere Kapazitäten teilweise übersteigt“, erklärte Liu weiter.

Seltene Diskrepanz: Fundamental hui, an der Börse pfui

Klingt alles zu schön, um wahr zu sein? Stimmt. Nicht, dass es die Unwahrheit wäre. Doch an der Börse zeichnet sich ein verstörend umgekehrtes Bild. Die Aktienkurse der Chiphersteller leiden, wie nie zuvor. Woche um Woche krachen die Kurse weiter nach unten. Selten ging es einer Branche fundamental so blendend und am Markt so miserabel. Die Aktie von TSMC steht auf Jahressicht mit 23 Prozent im Minus. Die Nvidia-Papiere haben im gleichen Zeitraum rund 16 Prozent an Wert verloren. Die Verluste lassen sich zum Teil damit erklären, dass die Kurse zuvor in astronomische Höhen geklettert waren, wie besonders das Beispiel Nvidia zeigt. Hinzu kommt der allgemeine Abverkauf von Tech-Werten, der die Chip-Aktien mit nach unten reißt. Ebenso haben sich in den zurückliegenden Monaten immer mehr Rezessionsängste am Aktienmarkt eingeschlichen, die für die extrem zyklischen Halbleiter-Aktien Gift sind.

Kurs der Infineon-Aktie hat sich halbiert

Schon erstaunlich aber sind Verluste, wie die von Deutschlands größtem Halbleiter-Hersteller Infineon. Die Aktie der Münchner hat auf Jahressicht über 30 Prozent an Wert verloren. Ausgehend vom bisherigen Rekordhoch aus dem November des vergangenen Jahres hat sich ihr Wert sogar halbiert. Mit 22,50 Euro kostet die Infineon-Aktie nun ziemlich exakt so viel, wie einst vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Das unterscheidet die Aktie von denen vieler anderer Chiphersteller. Die Nvidia-Aktie crasht schließlich auch seit Monaten, kostet aber immer noch deutlich mehr als Anfang 2020. Bei Infineon dagegen sind die Gewinne aus der Corona-Pandemie nun vollständig aufgebraucht. Schon 2017 hatte die Aktie einmal so viel gekostet, wie jetzt. Fundamental ist das schlicht nicht mehr nachzuvollziehen. Das KGV der Aktie liegt bei 16. Für einen Chip-Wert mit allerhand Wachstumspotenzial ist das eher niedrig.

Warum aber kauft die Aktie niemand? Infineon hat schließlich auch keine Performance-Probleme. Auch die Münchner hoben zuletzt die Prognose für das Gesamtjahr an. Im ersten Quartal 2022 hatte sich der Gewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdoppelt und der Umsatz war um 22 Prozent gestiegen. „In einem anspruchsvoller werdenden Umfeld läuft unser Geschäft weiterhin gut", sagte  CEO Jochen Hanebeck bei Zahlenvorlage. Einige Analysten haben ob des schwierigeren Marktumfeldes zwar ihre Kursziele nach unten angepasst, 21 von 25 Experten empfehlen die Aktie aber nach wie vor zum Kauf und sehen Infineons Geschäftsentwicklung positiv. Die Münchner dürften von der ungebrochen starken Nachfrage aus dem Autosektor profitieren, darüber hinaus sei man auch im Industriegeschäft gut aufgestellt, schrieb Berenberg-Analyst Tammy Qiu in seiner Studie.

Zu große Abhängigkeiten?

Warum aber steht die Aktie nur so tief? Wenn es keine Erklärung dafür gibt, dann würde dies eindeutig für eine Unterbewertung und eine klare Kaufempfehlung sprechen. Tatsächlich aber gibt es zwei Haken. Um die riesige Nachfrage nach Halbleiter zu bedienen, braucht es kostspielige Investitionen. Infineon will deshalb nun alle zwei bis drei Jahre ein neues Werk bauen. 2021 ging ein neues in Villach ans Netz. Das Werk in Dresden wird momentan ausgebaut. Für zwei Milliarden Euro wird zudem das Werk im malaysischen Kulim erweitert und neu ausgestattet. Dann, wenn diese Investitionen greifen und die neue Werke unter Vollast produzieren, könnten plötzlich Überkapazitäten drohen, besonders mit Blick auf Chips für die Auto-Industrie. Gartner-Analysten erwarten, dass bis 2025 in etwa die Hälfte der größen Autobauer weltweit eigene Chips beginnt zu entwickeln, um Engpässe, wie aktuell, zu vermeiden.

Das ist Infineons größtes Problem, denn die Münchner sind abhängig von der Automobilbranche. Das füllt zwar gerade die Auftragsbücher, birgt zukünftig aber Risiken.  „Die große Abhängigkeit von einem Sektor ist dem Management und den Investoren aber längst ein Dorn im Auge“, urteilt HVB-Experte Richard Pfadenhauer.

Ob dies allein den vergleichsweise massiven Abverkauf der Infineon-Aktie rechtfertigt, steht auf einem anderen Blatt. Es dürfte jedenfalls ein Grund sein, den Anleger mit in ihre Überlegungen einbeziehen sollten, wenn es darum geht, ob die Aktie aktuell ein günstiger Fang ist.

OG

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01.07.2022 | 13:10

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