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Kirchen-Aktie: Luft nach oben

Kirchen-CEO Franziskus zusammen mit Unternehmensvertretern Anfang des Jahres im Headquarter im Vatican (Bild: Shutterstock).



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Wenn die katholische Kirche eine Aktie wäre: Management und Aufsichtsrat machen ihren Job gut. Schwachpunkte sind Innovationskultur und Frauenquote. Analysten sprechen von einem reinen „Dividendentitel“: Gezahlt wird in der Ewigkeit.

Eine nicht ganz ernst gemeinte Analyse von Oliver Stock.

Der Aktie der familiengeführten Katholischen Kirche (WKN:2020n.Chr.) ist auch in diesem Jahr der Ausbruch nach oben nicht gelungen. Im Gegenteil: Angesichts einer allgemeinen Gesundheitskrise, in der theologische Einschätzungen zum Umgang damit weitgehend ausblieben, und aufgrund nach wie vor ungeklärter interner Rechtsstreitigkeiten um Missbrauchsfälle, ist das Papier kurzfristig unter Druck geraten. Im 2000jährigen Trend allerdings ist diese Bewegung praktisch zu vernachlässigen.

Kirchen-CEO Franziskus steht zur im Alten Testament vereinbarten Strategie der entschleunigten Evolution: „Besser ein Langmütiger als ein Held“, heißt es in dem Geschäftsbericht, der unverändert Gültigkeit besitzt. In einem Rundschreiben an Mitarbeiter und Kunden erklärte Franziskus jetzt unter der Überschrift „Wage zu träumen“, dass Prüfungen und Leiden auch zu neuem Leben führen können. Ein Sprecher bezog diese Stellungnahme auf das aktuelle krisenbedingte Umfeld. Franziskus lasse damit erkennen, dass er anderes als seine Vorgänger weder überreagieren noch den Anschein erwecken wolle, als ginge die Kirche eine vorübergehende Menschheitskatastrophe nichts an. Sein vor 1430 Jahren amtierender Vorgänger Gregor hatte angesichts der damals grassierenden Pest noch zu verstärkten Gottesdiensten aufgerufen, da er einen Zusammenhang zwischen Sünden des Volkes und der Krankheit sah. Vor dem Hintergrund jüngster Erkenntnisse über die Verbreitung von Infektionskrankheiten hat Franziskus diese Strategie jetzt geändert und ruft zu individuellen Gebeten auf.

Kritik an Frauenquote

Die neue Strategie der Kirche und ihres CEO wird vom Aufsichtsrat mitgetragen. Das verschwiegene Gremium besteht traditionell aus Mitgliedern der Familie. „Das Thema Frauen im Aufsichtsrat ist durch Maria als Stellvertreterin vorbildlich gelöst“, stellen Corporate-Governance-Experten fest, fügen allerdings kritisch hinzu, dass außerhalb des Kontrollgremiums die Frauenquote unvollkommen sei. Sie verweisen positiv auf die ausgeglichene Altersstruktur im Aufsichtsgremium, seit der Vorsitzende persönlich vor knapp 2000 Jahren seinen erst 30jährigen Sohn in den Rat berief.
Der Aufsichtsratsvorsitzende ist es auch, der die Amtszeit der jeweiligen Kirchenchefs begrenzt, während die Wahl eines neuen von ihm nicht durchgeführt, allerdings bestätigt werden muss. Das System habe mit einer Unterbrechung vorbildlich funktioniert: Im 14. Jahrhundert gab es kurzfristig eine Doppelspitze, was prompt unter der Belegschaft zu Streiks bis hin zu Zerschlagungstendenzen führte. „Diese Phase hat die Kirche überwunden und steht heute stabil da, was angesichts eines zunehmenden globalen Wettbewerbs um die richtige Religion, Voraussetzung für ein funktionierendes Geschäftsmodell ist“, heißt es von Seiten der Corporate-Governance-Experten.

Während sich die Aktionäre bei der jährlichen Hauptversammlung, die traditionell am 24. Dezember stattfindet, zurückhalten, hagelt es außerhalb dieser Veranstaltung Kritik, die insbesondere die mangelnde Innovationskultur bei der Kirche ins Visier nimmt. Die Tübinger Theologin Johanna Rahner bringt diese Kritik auf den Punkt, wenn sie sich „gegen die Vorstellung von starren, unveränderlichen Glaubensinhalten und Kirchenlehren“ wendet. Der Grundsatz, wonach sich Kirche immer verändern muss, um auf Zeitfragen und Entwicklungen zu reagieren, gelte auch für Dogmen und Glaubensfragen. Wer von „ewigen Wahrheiten“ rede, gleite in eine Ideologie der „Geschichtsenthobenheit“ ab. Vertreter des Unternehmens wie der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki halten dagegen: Es gebe Stimmen, die es an der Zeit halten, „alles das, was bisher war, über Bord zu werfen“, sagt der Kardinal. „Ich halte das für ein sehr gefährliches Wort.“ Die katholische Kirche stehe in einer großen Tradition, gerade auch für das Überzeitliche. „Es ist nicht unsere Aufgabe, jetzt selber eine neue Kirche zu erfinden“, sagt der Erzbischof. Die Kirche sei keine Manövriermasse, die einem in die Hände gegeben sei. „Wir müssen jetzt nicht selber anfangen, den Heiligen Geist spielen zu wollen.“

Erfolgreiche Startup-Ausgründung

Tatsächlich lässt die Kirche Startups, die ihr Geschäftsmodell bedrohen könnten, außerhalb des eigenen Wirkungsbereichs ungern zu. Sie hat das Wort „Sekte“ dafür geprägt. Ihre Strategie bevorzugt Ausgründungen aus dem eigenen Haus – dabei ist sie durchaus erfolgreich: Das Startup „Evangelische Kirche“ befindet sich nach 500 Jahren jetzt  in der Series-A-Finanzierung, nachdem zuvor vor allem im Rahmen des Business-Angel-Modells Unterstützung geleistet worden war. Streitpunkt zwischen Mutterunternehmen und Tochterfirma bleibt allerdings nach wie vor die Rolle von Franziskus, dessen CEO-Funktion in der Evangelischen Kirche nicht anerkannt wird.  Interne Kritiker von Franziskus weisen zusätzlich darauf hin, dass das Startup insbesondere in der Missbrauchskrise wertvolle Impulse für das Mutterunternehmen liefere. So hält der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf mittelfristig eine Abkehr vom Pflichtzölibat in Deutschland für denkbar, das bei der evangelischen Kirche längst keine Rolle mehr spielt. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige wendet sich dagegen, die Priesterweihe von Frauen „rigoros abzulehnen und lediglich mit der Tradition zu argumentieren“.

Solides Abo-Modell

Unterm Strich belassen Analysten die Aktie der Kirche mit Blick auf das kommende Jahr mehrheitlich auf „hold“. Entscheidende Sprünge halten sie für unwahrscheinlich, die Papiere zeichnen sich durch geringe Volatilität aus, es sei allerdings noch „Luft nach oben“. Ratingagenturen vergeben als Note ein solides „A+“. Sie loben vor allem das spezielle Abo-Modell der Kirche, das in Ländern wie Deutschland den Einzug der Gebühren an den Staat ausgelagert hat. Eine ähnliche Konstruktion sei nur dem Rundfunk gelungen, der allerdings im Gegenzug den Staat als Aufseher akzeptieren muss. Sowohl Agenturen wie Analysten sprechen anerkennend vom „Ewigkeitsmodell“ der Kirche, das seine Krisenfestigkeit in zahlreichen kritischen Situationen unter Beweis gestellt habe. Sie bezeichnen die Kirche als reinen „Dividendentitel“. „Gezahlt“, sagen sie, „wird in der Ewigkeit.“

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21.12.2020 | 11:30

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