boerse am sonntag - headline

Zweites Halbjahr 2019: Was für Anleger wichtig wird

Wie entwickelt sich die Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr? Und was machen die Märkte? (Foto: Travel mania / shutterstock.com)


Nach einem starken Start ins Jahr 2019 haben die Schwankungen an den Märkten plötzlich heftig zugelegt. Die Weltwirtschaft präsentiert sich zunehmend fragmentiert und angesichts der Handelsspannungen und der politischen Entwicklungen droht weitere Unruhe an den Märkten. Neil Dwane, Global Strategist, Allianz Global Investors, blickt voraus. 

Anleger sehen sich einem verheerenden Handelskrieg zwischen den USA und Chinagegenüber, der gerade in einen “technologischen Kalten Krieg” übergeht und als solcher die globalen Lieferketten zu stören droht. Europa ist immer noch anfällig für die Unsicherheiten rund um den Brexit und die jüngsten Ergebnisse der Parlamentswahlen könnten die Fähigkeit der Europäischen Union, notwendige Entscheidungen zu treffen, beeinträchtigen. Die USA setzen ihren spätzyklischen Kurs mit einem Wachstum von weniger als zwei Prozent und zunehmenden Erwartungen an eine Rezession im Jahr 2020 fort. Darüber hinaus könnte die politische Unsicherheit im Zusammenhang mit den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zu Gegenwind am Markt führen.

Falls die Zinserhöhungen durch die Fed vorerst zu Ende sein sollten: wird der Dollar fallen, wenn die Schuldenobergrenze steigt?

Die Fed hat Ende Januar eine überraschende Wende in ihrer Geldpolitik vollzogen. Anstatt die Zinsen erwartungsgemäß weiter zu senken, setzte die Zentralbank vorerst zukünftige Zinserhöhungen aus. Der Markt preist aktuell sogar zwei Zinssenkungen bis Ende 2019 und vier bis Ende 2020 ein. Diese Verschiebung der US-Geldpolitik könnte letztlich den US-Dollar belasten, insbesondere wenn die US-Schuldenobergrenze in diesem Herbst vor dem Hintergrund einer lockeren Geldpolitik angehoben werden sollte. Die allgemeine politische Unsicherheit und die anhaltend großzügige Geldpolitik der Zentralbanken außerhalb der USA dürften jedoch verhindern, dass der Dollar weiter fällt.
Es ist davon auszugehen, dass die Zinssätze nun für längere Zeit niedrig bleiben werden. Da der Markt bereits mehrere Zinssenkungen einpreist, sollten Anleger mitanhaltend niedrigen Renditen für traditionelle Anleihen rechnen – obwohl sie bei steigenden Rezessionsrisiken eine attraktive defensive Option sein können. Wir gehen davon aus, dass der US-Dollar irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2019 seinen Höchststanderreichen wird; dies könnte insbesondere für Vermögenswerte aus Schwellenländern eine gewisse Entlastung bedeuten.

Eine zunehmend polarisierende Politik könnte zu höheren Schwankungen führen...

Politische Amtsinhaber auf der ganzen Welt fühlen sich unter Druck gesetzt, wenn es um Fragen wie wirtschaftliche Ungleichheit und Einwanderung geht. Dennoch sind die Märkte trotz dieser politischen Entwicklungen ruhiger geblieben als erwartet – es ist schwierig, politische Veränderungen vorwegzunehmen. Allerdings haben einige geopolitische Veränderungen direkte Auswirkungen auf die Märkte – zum Beispiel erhöht der Druck der USA auf den Iran die Ölpreise, was den Konsum belastet. Unserer Meinung nach können Anleger von einem aktiven Asset-Management-Ansatz und einer durchdachten Analyse der politischen Risiken profitieren können. Dies betrifft insbesondere Investoren in den Schwellenländern.

Angesichts der hohen politischen Unsicherheiten könnten Anleger sich auf einkommensorientierte Anlageklassen – weg von “riskanteren”, volatileren Anlageklassen konzentrieren. Politische Ereignisse sind schwer zu vorherzusehen, aber der Populismus hat zugenommen und die Politik polarisiert sich; ein aktiver Ansatz kann helfen, Anlagerisiken zu identifizieren und zu berücksichtigen.

Ein technologischer Kalter Krieg könnte jahrelang wüten...

Inmitten der verschärften Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China hat Präsident Donald Trump die ersten Salven in einem technologischen kalten Krieg abgefeuert. Er zielte damit auf die Handelspraktiken chinesischer Unternehmen ab, die Viele als unfair einordnen. Als Folge könnten Lieferketten gestört werden, wenn Länder zukünftig gezwungen wären, zwischen chinesischen und amerikanischen Technologien zu wählen. Gleichzeitig dürften die beiden Supermächte um die Führung bei großen Datenmengen und künstlicher Intelligenz kämpfen.

Der technologische Kalte Krieg könnte die globalisierten, kostengünstigen und margenstarken Lieferketten vieler US-amerikanischer und asiatischer Technologieunternehmen zunichtemachen. Da große amerikanische Technologieunternehmen bereits wegen Datenschutzproblemen unter Druck stehen, könnten neue Spannungen zwischen den USA und China zufallenden Bewertungen und Erträgen führen. Aktien von Cyber-Security-Unternehmen oder aus dem Verteidigungsbereich könnten von steigenden geopolitischen Feindseligkeiten profitieren. Da fast jede Branche Technologie zu ihrem Vorteil nutzenmöchte, sollten Investoren eine aktive, strikte Analysedurchführen, um die potenziellen Gewinner von den Verlierern zu trennen.

Nachhaltigkeit ist ein Treiber für langfristige Renditen...

Nachhaltigkeit ist für Investoren schnell zu einem zentralen Thema geworden – und das aus gutem Grund. Mit zunehmendem Öffentlichkeitsdruck und steigender Aufmerksamkeit durch die Investoren, beschäftigen sich heute auch die Vorstandsetagen immer stärker mit Themen wie Klimawandel, höheren Governance-Standards und Diversität in den Führungsgremien. Unternehmen, die Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG) gut managen, sollten unserer Meinung nach Wettbewerbsvorteile besitzen. Wir denken, dass Anleger ES&G-Faktoren für eine kritische Beurteilung eines Unternehmens berücksichtigen sollten. So sollten die wichtigsten, noch nicht eingepreisten Chancen und Risiken identifiziert werden können – mit unmittelbarem Effekt auf die risikoadjustierten Renditen.

Bei nachhaltigen Anlagen geht es um Risikomanagement und Performance-Verbesserungen. Deshalb halten wir ein “integriertes ESG” für wichtig. Auf systematische und disziplinierte Weise integrieren wir ESG-Faktoren in unsere bestehenden Anlageprozesse, wobei wir unser firmeneigenes ESG-Research und das tiefe Wissen unserer Portfoliomanager und Analysten nutzen. Wir beschäftigen uns aktiv mit den Unternehmen, in die wir investieren. So arbeiten wir mit Unternehmen mit niedrigen ESG-Ratings zusammen. Ziel ist es, deren Leistung zu verbessern, anstatt sie vollständig auszuschließen.

Lesen Sie auch: Das Interesse an nachhaltigen Geldanlagen steigt

11.07.2019 | 15:04

Artikel teilen: