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Anlagemöglichkeiten trotz Brexit-Turbulenzen

Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)

Brexit, EM-Aus, Anleger ratlos.... (Bild: Fotolia / Andrey Burmakin)

Noch anschluss unter dieser Nummer...? (Bild: Fotolia / Jürgen Fälchle)


Die Briten haben sich in einem Volksentscheid mehrheitlich gegen den Verbleib in der Europäischen Union ausgesprochen. Viele Marktteilnehmer schienen auf dieses Szenario nur ungenügend vorbereitet. Das zeigten die zum Teil heftigen Marktreaktionen in den Stunden und Tagen nach dem Referendum vom 23. Juni.

Von Ulrich Stephan

Der 23. Juni hatte es in sich. So büßte das britische Pfund massiv gegenüber Währungen wie dem US-Dollar oder dem japanischen Yen ein. Das Pfund ist zum Dollar sogar auf ein 31-Jahres-Tief gefallen. Am Anleihemarkt waren aufgrund der Suche nach risikoärmeren Anlagemöglichkeiten steigende Kurse bei „sicheren Häfen“ wie UK-, US- und deutschen Staatsanleihen zu beobachten. Der Goldpreis stieg, die Preise für Industriemetalle und Erdöl gaben nach. Besonders in Mitleidenschaft gezogen wurden die Aktienmärkte: Während defensivere Märkte wie der US-Aktienmarkt vergleichsweise wenig nachgaben, lagen direkt betroffene Märkte wie Großbritannien und die Länder der Eurozone phasenweise sogar zweistellig im Minus.

Wie turbulent es dabei zuging, zeigt ein Blick auf den Euro Stoxx 50. Im Zuge der Unsicherheiten bezüglich eines möglichen Brexits notierte der europäische Leitindex eine Woche vor dem Referendum bei rund 2.820 Punkten, erholte sich in den darauffolgenden Tagen jedoch deutlich auf mehr als 3.030 Punkte, weil die Marktteilnehmer das Risiko eines Austritts Großbritanniens aus der EU bereits ausgepreist hatten. Am Tag nach dem Referendum kam es dann zu einem starken Kurseinbruch auf unter 2.700 Punkte. Seither konnte sich der Euro Stoxx 50 wieder leicht erholen und tendiert aktuell seitwärts bei rund 2.820 Punkten – also auf dem gleichen Niveau wie eine Woche vor dem Referendum.
Nachdem die ersten Marktreaktionen erwartet heftig ausgefallen sind, stellt sich nun die Frage, mit welchen Entwicklungen in den kommenden Wochen und Monaten zu rechnen ist.

In Großbritannien selbst stehen dabei zunächst wichtige politische Entscheidungen an: Nach dem angekündigten Rücktritt des britischen Premierministers David Cameron haben sich seine potenziellen Nachfolger in Stellung gebracht. Bis Anfang September werden die Mitglieder der Konservativen Partei in einer Urwahl über die Nachfolge Camerons entscheiden. Cameron selbst hat seinen endgültigen Rückzug für Oktober angekündigt, wenn die Tories sich zu ihrem Parteitag treffen.

Erst danach dürften die ersten Schritte in Richtung EU-Austritt Großbritanniens tatsächlich erfolgen. Nach Artikel 50 der Europa-Verträge muss das Vereinigte Königreich die EU zunächst über seine Absichten informieren, bevor die auf zwei Jahre ausgelegten Austrittsverhandlungen beginnen können. Die vorgeschriebenen zwei Jahre müssen nicht zwangsläufig das Ende der Fahnenstange sein. So könnten die Verhandlungen auch weit mehr als zehn Jahre andauern – einen Präzedenzfall für einen EU-Austritt gibt es schließlich nicht.

Entsprechend dürften die politischen Unsicherheiten in Europa groß bleiben und die Volkswirtschaften und Unternehmen Europas noch Jahre begleiten. Besonders dann, wenn die EU weiter reflexartig auf eine Vertiefung der Integration setzt. Denn in Ländern wie Frankreich, Italien oder den Niederlanden regt sich bereits massiver Widerstand gegen die Macht der europäischen Institutionen. EU-Austritte weiterer Länder sind daher zumindest nicht auszuschließen – auch wenn sie durch Maßnahmen zu mehr Subsidiarität wohl verhindert werden könnten.

In diesem Umfeld dürfte das ohnehin schwache Wirtschaftswachstum in Europa noch einmal an Dynamik verlieren. Eine Einschätzung, die sich beim Blick auf die ökonomischen Fundamentaldaten verfestigt. So lag der Einkaufsmanagerindex für die Eurozone (Composite) zuletzt auf einem 17-Monats-Tief – wobei die Auswirkungen eines möglichen Brexits noch gar nicht berücksichtigt waren, da der Index noch vor dem Referendum veröffentlicht wurde. Konkret rechnet beispielsweise die Europäische Zentralbank durch einen Brexit in den kommenden drei Jahren für die Eurozone mit einem Abflauen des Wachstums um bis zu 0,5 Prozentpunkte.

Auf Unternehmensseite sollten sich diese eingetrübten Aussichten ebenfalls negativ bemerkbar machen: Für das Gesamtjahr 2016 lagen die Gewinnerwartungen für die Unternehmen im gesamteuropäischen Aktienindex Stoxx 600 schon vor dem Brexit-Entscheid im negativen Bereich – hier ist noch Schlimmeres zu befürchten.

Bei allen ökonomischen und politischen Unsicherheiten bleibt festzuhalten, dass ein Brexit, trotz seiner unbestreitbar negativen Auswirkungen, nicht den Untergang der Kapitalmärkte bedeuten wird. Für Anleger wird es in diesem Marktumfeld vielmehr darauf ankommen, Investmentmöglichkeiten, die eine interessante Rendite bieten, kontrolliert zu nutzen.

Positiv auf die Märkte könnten sich größere Fiskalprogramme auswirken, die zum Beispiel in Japan bereits in der Diskussion sind. Hier ist von einem Programmvolumen von umgerechnet rund 175 Milliarden Euro die Rede. Ähnliche staatliche Maßnahmen in Europa könnten sich insbesondere auf die Peripherieländer wie Italien oder Spanien positiv auswirken.

Vonseiten der Geldpolitik droht kein Gegenwind. Vielmehr erwartet die Deutsche Bank, dass die US-Notenbank Fed, auch aufgrund der Entwicklungen in Europa, auf eine baldige Zinserhöhung verzichten könnte. Die Bank of England könnte ihre Leitzinsen über die Sommermonate sogar von 0,5 auf 0,1 Prozent senken. Und die EZB dürfte an ihrer expansiven Geldpolitik festhalten.

Positive Signale kommen insbesondere von jenseits des Atlantiks. Nach den insgesamt erfreulichen US-Wirtschaftsdaten der vergangenen Wochen wird der am 8. Juli erscheinende Arbeitsmarktbericht einen nächsten Fingerzeig geben, wohin sich die US-Wirtschaft entwickeln könnte. Wenn dieser, wie von uns erwartet, wieder positiver ausfällt als zuletzt, dürfte das dem US-Dollar weiter Auftrieb verleihen – und US-Investitionen für Anleger mit entsprechender Risikobereitschaft aus der Eurozone interessanter machen.

Neben ausgewählten US-Dollar-Investments könnten Anleger eher defensiv ausgerichtete Aktien, nachhaltig dividendenstarke Titel und Anleihen bonitätsstarker Unternehmen in den Blickpunkt nehmen – das erschien vor dem Brexit-Entscheid sinnvoll und dürfte es auf absehbare Zeit auch bleiben. Hinzu kommen für entsprechend risikobereite Anleger mögliche Engagements in Staatsanleihen der Schwellenländer sowie Immobilieninvestments. Zertifikate können als Absicherungsinstrumente zum Einsatz kommen. Insgesamt erscheint im aktuellen Anlageumfeld eine breit gestreute Multi-Asset-Strategie mit einer dynamischen Anpassung des Portfolios ratsam, um die vielfältigen Anlagerisiken so gut wie möglich zu managen.

Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

 

 

06.07.2016 | 23:57

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