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Werden Gewinnwarnungen zum Kaufargument?

Der Kurs der Continental-Aktie sprang nach Veröffentlichung der Gewinnwarnung um sieben Prozent in die Höhe. (Foto: Shutterstock)


Nach Daimler, BASF und der Deutschen Lufthansa warnt mit Continental der nächste Dax-Konzern vor Gewinneinbußen. Doch anstatt Vorsicht walten zu lassen, lassen Anleger Deutschlands Leitindex in Richtung Jahreshoch klettern. Angeführt von den genannten Sorgenkindern. Wie kann das sein?

Als am späten Montagabend Continental mit einer Gewinn- und Umsatzwarnung an die Öffentlichkeit ging, war dies ein erneuter Beweis dafür, dass Deutschlands konjunktursensible Industriekonzerne, allen voran diejenigen, die eng mit der schwächelnden Automobilindustrie verbunden sind, auf schwierige Zeiten zusteuern. Nicht nur, dass die omnipräsenten Handelskonflikte das deutsche Exportmodell bedrohen und mit dem Autosektor Deutschlands wichtigster Industriezweig zunehmend ins Schlingern gerät, es ist auch schlicht die globale Nachfrage die stottert oder droht zu stottern, dazu der Mega-Absatzmarkt China, der sich im Industriesektor zu sättigen scheint, zumindest nicht mehr so starke Zuwächse verbucht wie in den vergangenen Jahren. Und natürlich der Konkurrenzdruck. Mit Chinas wirtschaftlichem Aufstieg drohen etablierte Wertschöpfungsketten auseinanderzufallen, gerade in der Automobilbranche könnten chinesische Konzerne ob der anstehenden Mobilitätswende immer mehr Produktionsanteile hinzugewinnen.

Es sind also eigentlich alarmierende Signale, wenn kurz hintereinander Daimler, BASF, die Deutsche Lufthansa und eben Continental Gewinnwarnungen herausgeben. Dazu BMW und Covestro schwache Zahlen präsentieren. Von Alarmstimmung jedoch fehlt mit Blick auf Deutschlands Leitindex derzeit jede Spur. Nur noch gut ein Prozent trennt den DAX von seinem Jahreshoch bei 12.656 Punkten, derzeit kommt das Barometer auf 12.498 Zähler. Und ausgerechnet die Papiere von Daimler, BASF und Continental waren zu Wochenbeginn unter den größten Kurstreibern. Die Continental-Aktie legte nach Bekanntwerden der Gewinnwarnung am Dienstag zwischenzeitlich sogar um fast sieben Prozent zu. Von Montag bis Mittwoch stieg ihr Kurs von 120,50 auf 131 Euro. Auch der Kurs der Daimler-Aktie kletterte in den ersten drei Wochentagen um acht Prozent von 45 auf 48, 60 Euro empor. Als am Mittwoch die Quartalszahlenvorlage entsprechend der zuvor ausgesprochenen Gewinnwarnungen ausfiel, stieg der Aktienkurs um 1,1 Prozent. Das BASF-Papier legte um 4,5 Prozent zu, von 60,80 auf 63,50 Euro. Die Covestro-Aktie stieg nach schwachen Zahlen am Mittwoch um 2,5 Prozent.

Langfristige Erholung oder kurzfristige Gegenbewegung?

Bleibt eine zentrale Frage: Steigen die Kurse, da die genannten Unternehmen an der Börse inzwischen schlicht derart niedrig bewertet sind, dass es kaum noch negative Erwartungen gibt, die nicht bereits eingepreist wären, sprich sich so eine große Einstiegschance bietet? Oder steigen sie aus Erleichterung, da sich Investoren quasi schon darüber freuen, dass es schlechte Zahlen und Prognosen im Rahmen der Erwartungen wurden und nicht noch schlechtere? Während letztere Annahme wohl nur für eine kurzfristige Erholung im Rahmen eines – dem Schwenk der Zentralbanken hin zu einer erneut expansiveren Geldpolitik sei Dank – gut laufenden Deutschen Aktienindex spräche, könnte erstere Vermutung darauf hindeuten, dass Investoren von einer langfristigen Erholung der Werte wieder überzeugter sind.

„Die Börse ist jetzt an einem Punkt angelangt, an dem Prognosesenkungen gekauft werden“, schreibt so beispielsweise Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets. „Das kann ein Hinweis darauf sein, dass viele schlechte Nachrichten schon in den Kursen enthalten sind. Dass es im Autosektor schlecht läuft, reißt niemanden mehr vom Hocker.“ Vor allem Gewinnwarnungen, die aufgrund der schwachen Konjunktur ausgesprochen werden würden, fänden Nachfrage. „Steht die Mannschaft und dreht dann der Wind in der Konjunktur, geht es auch mit den Gewinnen wieder aufwärts“, so Stanzl weiter.

So gesehen sind es vor allem die Aktien von Daimler, Covestro, der Deutschen Lufthansa und Continental, die geradezu lächerlich niedrig bewertet sind. Das KGV des Daimler-Papiers liegt bei 6,7, das der Continental-Aktie bei 8,3, Covestros KGV-Wert bei 4,5 und der der Lufthansa bei 4,3. Die BASF Aktie ist mit einem Wert von 11,8 nicht ganz so günstig, aber dennoch alles andere als teuer. Das freilich treibt die Dividendenrenditen nach oben. Bei Daimler beträgt diese inzwischen rund sieben Prozent, bei Covestro 5,5 Prozent, bei Continental 3,9 Prozent. BASF und Lufthansa kommen auf 5,3 beziehungsweise vier Prozent.

Zeit für eine Wette auf die Zukunft?

Sowohl BASF, Daimler als auch Continental könnten in Zukunft mit größeren Konzernumbauten und/oder Konzernverschlankungen von sich hören lassen, Kostensenkungsprogramme stehen sowieso in der Pipeline. Da es derzeit hauptsächlich im Ergebnisbereich hapert, während die Umsätze wenn überhaupt nur leicht zurückgehen, oder wie im Falle Daimlers sogar steigen (plus fünf Prozent im zweiten Quartal), könnte sich die Marge in den nächsten Jahren wieder deutlich aufbessern. Mit Blick auf Continental schrieb Warburg Research-Analyst Marc-Rene Tonn: Die Gewinnwarnung sei eine negative Nachricht, die starke strategische Positionierung und das mittelfristige Potenzial für das Umsatzwachstum sprächen jedoch für den Wert. Das Unternehmen werde an der Börse mit einem nicht gerechtfertigten Abschlag auf die Summe der Unternehmensteile bewertet, schrieb RBC Capital-Analyst Tom Narayan am Mittwoch in Bezug auf Daimler. Das mögen positive Einschätzungen sein, es gibt auch deutlich pessimistischere. Und doch zeigen auch sie: Die Aktien von Continental und Daimler sind günstig, ebenso wie viele weitere Industriewerte in Deutschlands Leitindex. Ein Investment wäre eine Wette auf die Zukunft, so viel dürfte klar sein. Und doch scheinen für den Moment wieder ein paar mehr Faktoren dafür zu sprechen, eine solche Wette einzugehen.

OG

25.07.2019 | 13:27

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