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Musk macht mobil

Der Tesla-Chef Elon Musk muss die aktuellen Probleme des Konzerns erklären. Die weltweite Expansion des Automobilherstellers ist nicht so explosiv wie erwartet. (Foto: Handelsblatt/dpa)

Der Tesla-Chef Elon Musk muss die aktuellen Probleme des Konzerns erklären. Die weltweite Expansion des Automobilherstellers ist nicht so explosiv wie erwartet. (Foto: Handelsblatt/dpa)

Chart: Tesla-Aktie, Stand vom 27.03.2015.

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Elon Musk ist einer der größten Visionäre unserer Zeit. Er will Menschen bewegen: In elektrischen Autos, Transportkapseln, Raketen. Bis zum Mars soll es eines Tages gehen, und wenn man es ihm nicht zutraut, wem dann? Doch bei aller Begeisterung für die futuristischen Projekte des Amerikaners muss er sich wie alle anderen Unternehmer an Zahlen messen lassen. Besonders bei Tesla war das zuletzt keine angenehme Pflicht. Zeit für eine Zwischenbilanz.

von Marius Mestermann

Wenn es in Interviews um Tesla geht, muss man immer auch nach Elon Musk fragen. Schließlich sind es vor allem seine Ideen, die den Automobilkonzern aus Kalifornien in seine heutige Position gebracht haben. Als die „Wirtschaftswoche“ von seinem Vize Jerome Guillen wissen will, ob sich Musk denn auch in die Projektarbeit einbringe, sagt dieser: „Sehen Sie, gestern Abend war er in Kalifornien, aber ich habe eine ganze Reihe von E-Mails von ihm. Er ist sehr engagiert, das können Sie mir glauben.“ In Kalifornien liegt, wenn es nach Elon Musk geht, die Wiege des Menschen der Zukunft. Der soll Elektroauto fahren, nach Möglichkeit natürlich Tesla, und diesen mit Solarstrom füttern, nach Möglichkeit von Solarcity, wo Musk Chairman ist. Unternehmen, die auf seine Initiative gründen, sollen unseren Alltag so nachhaltig verändern, wie es schon PayPal getan hat. Als Musk seine Anteile an PayPal verkaufte und zum Milliardär wurde, war der Weg frei für mutige Investitionen. Heute mischt er die Automobilbranche genauso auf wie den Markt der Raumfahrtechnologien.

Dabei ist Musk niemand, der nur sein Geld für sich arbeiten lässt und an Profit denkt. Für ihn geht es um stetigen Fortschritt – was schließlich auch zu Gewinnen führen soll. Dazu arbeitet er offenbar lang und hart für Tesla, SpaceX und Solarcity. Marc Kowalsky von der Schweizer „Bilanz“ schreibt, dass es 80 bis 85 Stunden pro Woche seien. Montags Raketen basteln, dienstags und mittwochs für Tesla arbeiten und donnerstags im Design Center in L.A. tüfteln. Nach einem Interview mit Musk vergleicht der Autor ihn gar mit Iron Man. Und tatsächlich, es dürfte mittlerweile kein Geheimnis mehr sein: Der Regisseur der Iron Man-Reihe Jon Favreau lud Elon Musk gemeinsam mit Darsteller Robert Downey Jr. zum Gespräch. Der gebürtige Südafrikaner sei der Inbegriff von Enthusiasmus, Humor und Neugier, genau was man in unserer Zeit brauche, gab Favreau später zu Protokoll. Damals erholte sich Musk mit SpaceX und Tesla noch von der Finanzkrise, die seine beiden Konzerne an den Rand der Pleite gebracht hatte. In der härtesten Zeit nahm er Millionenschulden auf, um sich und seinen Teams noch weitere Monate zu sichern. Es klingt wie ein waschechter Gründungsmythos, zeigt aber die Beharrlichkeit und Risikobereitschaft.

Tesla ist jetzt open source


Es gibt ein weiteres Indiz, dass Musk den technologischen Fortschritt der gesamten Branche als wichtiger einschätzt als den innovativen Vorsprung, den er mit Tesla beansprucht. Im Sommer 2014 überraschte er Investoren und Experten mit der Ankündigung, Teslas Patente für Elektroautos veröffentlichen und damit der Konkurrenz zugänglich machen zu wollen. Die umstrittene Absicht hinter der Open-Source-Strategie, die man sonst eher von Softwareentwicklern kennt: Einerseits den technologischen Fortschritt der gesamten Branche antreiben, andererseits Sympathien gewinnen und kompetente Fachleute anlocken. Riskant ist das allemal. Elon Musk scheint selbst kein großer Fan von Patenten zu sein. Bei der Ankündigung des Vorgehens schrieb er: „Vielleicht waren sie ja in der Vergangenheit wichtig, doch dienen sie heute zumeist dazu, echten Fortschritt zu verhindern, die Position der Großkonzerne zu festigen und Anwälte statt Investoren zu bereichern. Nach Zip2 und der Erkenntnis, dass die Erteilung eines Patents einem Lotterielos auf Patentklagen gleichkommt, vermeide ich sie nach Möglichkeit.“

Weil in der Automobilbranche bei der Gründung von Tesla bereits großer Konkurrenzkampf herrschte, habe man Patente damals für nötig gehalten: „Wir fürchteten nämlich, dass die großen Fahrzeughersteller anderenfalls unsere Technologien abgekupfert und Tesla durch ihre Herstellungskapazitäten und Vormachtstellung vom Markt verdrängt hätten. Unsere Befürchtungen waren jedoch vollkommen unbegründet.“ Tatsächlich sind die Absatzzahlen von Elektroautos noch schwindend gering. Während Angela Merkel bis 2020 eine Million der batteriebetriebenen Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen sehen will, wurden im Januar 2015 in der Bundesrepublik gerade einmal 57 Tesla-Autos verkauft. Der träumerische Ausblick von 1.000 Verkaufen pro Monat für Deutschland scheint noch in weiter Ferne. Musk hatte diesen bei einer Veranstaltung vor zwei Jahren in München geäußert.

Zweifel an Musks Plänen: Geschäftszahlen und Verkäufe enttäuschen

Dass reine Elektroautos in den meisten Ländern noch immer winzige Nischenmärkte darstellen, hat im Wesentlichen zwei Gründe: Geringe Reichweite und hoher Kaufpreis. Für beides hat Tesla theoretisch eine Lösung, doch bis die jeweils realisiert ist, dauert es noch eine Weile. Ein dichtes Netz von Ladestationen und günstigere Batterien könnten dem umweltfreundlichen Fortbewegungsmittel den Durchbruch bescheren. Ein Beispiel für die Problematik: Tesla bietet Interessenten auf seiner Website an, die nötige Ladezeit zu berechnen. Nutzt man die heimische Steckdose, müsste man den Tesla S für eine Reichweite von maximal 480 Kilometern über neun Stunden lang aufladen. Hat man jedoch das Glück, eine der Supercharger-Stationen auf dem Weg zu passieren, kann man in 30 Minuten Strom für bis zu 270 Kilometer tanken. Weltweit gibt es davon – 2.000 Stück. An allen anderen Stationen dauert der Vorgang deutlich länger.
Nicht nur die potenziellen Kunden, auch die Analysten der Finanzmärkte erwarten mehr von Tesla.

Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite: Tesla-Probleme in Fernost

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Das US-Unternehmen präsentierte im Februar seine Geschäftszahlen und sorgte für Enttäuschung. Zwar steigerte man den Umsatz um 58,9 Prozent auf 3,19 Mrd. US-Dollar, aber es war den Beobachtern offenbar nicht genug. Tesla nannte als Grund das Wetter: Widrige Umstände hätten die Auslieferung von etwa 1.400 Autos im Dezember 2014 verhindert. Dafür steht aufgrund der immensen Entwicklungskosten ein Nettoverlust von rund 297 Mio. US-Dollar im Bericht, das ist viermal mehr als noch im Vorjahr. Tesla arbeitete zuletzt nicht nur am Model X, das ab 2016 ausgeliefert werden soll und das erste Auto für den Massenmarkt aus dem Hause der Kalifornier sein wird – 20.000 Reservierungen liegen bereits vor. Auch die Investitionen in die Gigafactory mitten in der Wüste von Nevada wurden sichtbar. Das größte Problem hat Tesla jedoch bei den Absatzzahlen. In China wurden die Verkaufsziele im Januar klar verfehlt, jetzt sollen angeblich knapp 30 Prozent der etwa 600 Stellen gestrichen werden.

Mehr Werbung, bitte?

DW-Kolumnist Frank Sieren nennt für den bisherigen Misserfolg Teslas in Fernost zwei Gründe: Erstens sei die chinesische Regierung zwar willens, viel in den Ausbau der E-Mobilität zu investieren. Dabei stehe jedoch die heimische Industrie im Vordergrund, der Großteil der geschaffenen Infrastruktur sei mit Teslas Technik nicht kompatibel. Zweitens mache man in China nicht ausreichend Werbung, um die Tesla-Autos in den Augen der Menschen begehrlich zu machen. Thomas Langenbucher, Betreiber des Elektroauto-Portals ecomento.tv, teilt offenbar diese Ansicht und sagte kürzlich im Interview mit W&V Online: „Für wen eignen sich Elektroautos, was können sie, was können sie nicht, wie praktisch sind sie im alltäglichen Gebrauch? Es müsste viel mehr überzeugende Praxisbeispiele und glaubhafte Testimonials der Hersteller geben.“ Unterdessen erweitert Tesla immerhin seine Produktpalette: Ende 2014 kündigte Elon Musk eine Dualmotor-Allradversion des Model S. Das Unternehmen beschreibt die Leistung des Fahrzeugs als „brachial“.

Dass Musk gerne große Töne spuckt, weiß man mittlerweile. Ob seine Vorhaben realisierbar sind, daran scheiden sich die Geister. Wenn jemand aber seine Fortschritte zu Unrecht in Zweifel zieht, reagiert der sonst so smarte und ruhige Amerikaner auch mal ungehalten. Auf Twitter, dem Parademedium für Publicity-Patzer und markige Worte, zum Beispiel. Denn in der Wüste von Nevada, genauer gesagt nahe der Stadt Reno, entsteht derzeit die größte Fabrik der Welt. Mit der „Gigafactory“ will Tesla die erwähnten günstigeren Batterien für seine Autos produzieren und die Branche revolutionieren. Medienberichten zufolge gab es zuletzt Verzögerungen beim Bau der Anlage – die Berichte waren jedoch offenbar falsch. Elon Musk teilte seinen mehr als 1,7 Millionen Followern mit, dass es alles nach Plan laufe, jeder mit einem Paar Augen in der Gegend um Reno könne das überprüfen. Es sei nicht besonders dezent.

Gelobt von Kanye West, patzig auf Twitter: Das ist Elon Musk


Andere Anlässe, sich auf Twitter zu äußern, sind für Musk zum Beispiel der Consumer Report 2014. Der Tesla S wurde dem Bericht zufolge im zweiten Jahr infolge zum beliebtesten Auto der Welt gekürt. Oder Raketenstarts. Schließlich kann nicht jeder User mal eben ein lässiges „Next launch in three weeks“ posten. Tatsächlich hat sich seine Raumfahrtfirma SpaceX in kurzer Zeit zur festen Größe in der Branche entwickelt. Im Januar fiel die Entscheidung der NASA, für eine neue Mission einen Teilauftrag über 2,6 Milliarden US-Dollar an Musks Unternehmen zu vergeben. Konkurrent Boeing ist ebenfalls beteiligt und erhält 4,2 Milliarden. Seit 2012 versorgt SpaceX die ISS mittels des Raumtransporters „Dragon“ mit Frachtgütern, an einer Version für Astronauten wird nun auch dank der NASA intensiv gearbeitet.

Der für provokante Aussagen bekannte US-Rapper Kanye West lobte jüngst Elon Musk und verglich ihn mit Steve Jobs. Allerdings habe er mit der Veröffentlichung der Tesla-Patente etwas besser gemacht als der verstorbene Apple-Gründer: Seine Ideen geteilt und anderen zugänglich gemacht. Vielleicht können wir uns ja auf eine Hymne auf Musk von Kanye West freuen. Sicher zum freien Download. Doch Hymnen auf den Visionär gibt es ja eigentlich schon genug. Die Zwischenbilanz – bei all der Mobilität muss man auch einmal innehalten und zurückblicken – fällt für Musk ziemlich gut aus. Trotz unternehmerischer Krisen und Rücksetzer der Tesla-Aktie. Wer den 43-Jährigen kritisiert, jammert schon mal auf hohem Niveau. Mit schicken Raumschiffen und umweltfreundlichen Elektroautos ist es bei Elon Musk aber noch nicht getan. Er hat eine Vision für die gesamte Menschheit, nämlich dass sie irgendwann einen zweiten Planeten braucht. Logischer Schluss: Wir müssen zum Mars!

Hyperloop nimmt Formen an

Von den Revolutionen der Gegenwart also hin zu jenen von morgen: Iron Man hat die nötigen Ideen. Der Hyperloop in Kalifornien macht allerdings Schluss mit Eisen, oder besser gesagt, Eisenbahnen. 2013 präsentierte Musk der Öffentlichkeit seine Pläne, die Reaktionen reichten von Faszination bis Belustigung. Doch bereits 2016 soll es ernst werden. Das Projekt, das Musk diesmal auf eigenen Wunsch nicht selber durchzieht sondern nur angestoßen hat, nimmt langsam Gestalt an. Unter der Leitung von CEO Dirk Ahlborn will Hyperloop Transportation Technologies (HTT) im nächsten Jahr die ersten Versuche starten, irgendwo im Nirgendwo zwischen Los Angeles und San Francisco. Sogar ein Börsengang Ende 2015 steht im Raum. Die nötige Teststrecke finanziert Elon Musk mit 100 Millionen US-Dollar wohl selbst – Musk macht mobil. Wenn es nach ihm ginge, würden weltweit entsprechende Strecken gebaut, um den Personenverkehr, na, Sie wissen es, zu revolutionieren. Er verstehe nicht, warum man noch neue Zugstrecken baue, wenn es Ideen wie die seine gebe.

Festzuhalten bleibt: Bei Elon Musk geht es vor allem über die Fähigkeit zur Begeisterung, um sein smartes Auftreten und um seine brillanten Ideen. Profitabilität, die andere Manager als höchstes Ziel sehen, sieht er beispielsweise bei Tesla „frühestens 2020.“ Technologischer Fortschritt, Innovationen und geschickte Inszenierungen sind seine Welt. Tatsächlich könnte Elon Musk am Ende mehr sein als Iron Man: Nicht bloß ein schnöder Superheld, sondern ein großer Visionär der Menschheit. Unternehmen wie Google, die viel Geld in seine Projekte stecken, scheinen ähnlich zu denken. Und bei Apple quengeln die Aktionäre danach, Tesla zu kaufen. Wenn sie da mit dem dickköpfigen Musk mal nicht in den sauren Apfel beißen.

Marius Mestermann

07.04.2015 | 11:43

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